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Miagi-Orchester Der Klang der guten Hoffnung

Das Miagi-Orchester ist so bunt wie die Rainbow-Nation. Derzeit touren die Südafrikaner durch Europa und zeigen, wie leicht sich vermeintliche Gegensätze vereinen lassen.

Orchester
Ob schwarz und weiß, klassisch und modern: „Nichts bringt Menschen enger und natürlicher zusammen als Musik“, sagt Orchestergründer Robert Brookes. Foto: Kai Bienert

Das Aussichtsdeck des Johannesburger Flughafens hat den Charme einer verwaisten Tiefgarage, aber heute pulsiert hier das Leben. In dem verglasten Raum, von dem Verlassene sonst mit verheulten Augen abhebenden Flugzeugen nachstarren, haben sich rund 70 ausgelassene junge Leute aller Provenienz und Hautfarbe eingefunden: Sie kichern, kreischen und fallen sich immer wieder aufgeregt in die Arme. „Es ist das erste Mal, dass ich ins Ausland reise“, sagt der 26-jährige William Nobela aus dem südafrikanischen Provinzstädtchen Mokopane: „Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich ich bin.“

Eines verbindet die bunte Truppe auf den ersten Blick: Ihre ungewöhnlich geformten Gepäckstücke – Cellokästen, eingehüllte Tubas oder Kontrabassbogencontainer. Sie geben die Gruppe als Angehörige einer in Südafrika höchst seltenen Subspezies zu erkennen: Klassische Musiker, die sich in wenigen Stunden auf große Tournee begeben werden. „Ich bin so stolz darauf, meine Heimat und alles, wofür Südafrika steht, in Europa repräsentieren zu können“, sagt William, der Cellist: „Und wem verdanken wir das? Nelson Mandela.“

Am 18. Juli wird sich der Geburtstag des Gründers der Regenbogennation zum 100. Mal jähren: Anlass für das Jugendorchester „Miagi“, zu einer sechswöchigen Tour in die „alte Welt“ aufzubrechen. Das philharmonische Ensemble wird in fünf europäischen Ländern insgesamt 16 abendfüllende Konzerte geben: Unter anderem in der Hamburger Elbphilharmonie, dem Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt und dem Ludwigsburger Schloss, geübt wird in der Musikakademie im hessischen Schlitz. „Für mich ist ein Wunder in Erfüllung gegangen“, strahlt der Gründer der Regenbogen-Philharmoniker Robert Brooks: Wie die Geschichte des Miagi-Orchesters überhaupt etwas Wunderbares an sich hat. Dass junge Südafrikaner unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe zusammen Musik machen – noch dazu klassische – ist auch am Kap der Guten Hoffnung alles andere als selbstverständlich. Mit der kulturellen Integration hapert es noch immer gewaltig. Und dabei bringe Menschen „nichts enger und natürlicher zusammen als Musik“, sagt Sänger Brooks: „Wir sind die Keimzelle einer neuen Nation.“

Thembinkosi Mavimbela war schon bei der ersten europäischen Miagi-Tournee 2009 dabei. Der Kontrabassist stammt aus einem der „Homeland“ genannten trostlosen Reservate für schwarze Südafrikaner: Sein Vater war Organist in einer Kirche, er selbst wurde als Gesangstalent entdeckt. Nach dem Abitur nahm ihn die Johannesburger Witwatersrand-Universität als einen der ersten schwarzen Südafrikaner zum Gesangsstudium auf: Dort wurde ihm allerdings mitgeteilt, dass er neben seiner Stimme auch ein Instrument beherrschen müsse. Doch außer der Hammond-Orgel seines Vaters war ihm im bettelarmen Homeland noch kein Musikinstrument begegnet. Nach kurzer Recherche entschied er sich fürs Cello – nur um zu erfahren, dass ein solches derzeit nicht zur Verfügung stehe. Dagegen verstaube im Abstellraum ein Kontrabass.

Also übte sich Mavimbela auf dem wuchtigen Instrument. Und weil er für Privatunterricht kein Geld hatte, autodidaktisch. Als er später einmal Unterricht nahm, habe er vieles von vorne lernen müssen: Seine selbsterlernte Technik habe doch einiges zu wünschen übrig gelassen, sagt Mavimbela lachend. Trotzdem brachte er es auf dem Kontrabass schon in wenigen Jahren zur Meisterschaft. Heute nimmt der Profi sonnabends ein Jazz-Album im Studio des staatlichen Rundfunksenders SABC auf, und spielt sonntags mit einem klassischen Orchester eine Mahler-Sinfonie. „Spaß macht beides auf seine Weise.“

Schon die ersten vier Miagi-Touren seien „großartig“ gewesen, fährt „Bims“, wie er von seinen Freunden genannt wird, fort: „Die Leute mögen uns.“ Das sei wohl vor allem der Energie des afrikanischen Ensembles zuzuschreiben: „Europäische Orchester sind doch meistens ein bisschen steif.“ Dagegen kann es bei einem Miagi-Auftritt passieren, dass die Musiker zu swingen oder gar zu tanzen anfangen und die Zuhörer zwischen den Sätzen Beifall klatschen – vor allem, wenn das Ensemble von klassischen zu jazzigen Stücken oder gar zu afrikanischen Kompositionen übergeht. „Dann werden auch die Zuhörer von unserer Energie angesteckt“, sagt Bims: „Das ist das Schönste, was man erleben kann.“

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