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Mexiko „El Mencho“ ist der neue „El Chapo“

Mexikos gefürchtetste Mafia ist nicht länger das Sinaloa-Syndikat.

Washington
Erst kürzlich hat das US-Justizministerium das Kopfgeld auf „El Mencho“ auf zehn Millionen Dollar verdoppelt. Foto: rtr

Man wüsste ja schon gerne, ob Nemesio Oseguera Cervantes dieser Tage in seinem Versteck die Nachrichten aus New York verfolgt. Auch in Mexiko sind die Zeitungen und TV-Nachrichten voll mit Berichten über den Prozessauftakt gegen Joaquín „El Chapo“ Guzmán, Mexikos ehemals mächtigsten Drogenboss. Seit Montag läuft das Verfahren gegen den früheren Chef des „Sinaloa-Kartell“, das seit dessen dritter unter endgültiger Verhaftung und anschließender Auslieferung an die USA vor knapp zwei Jahren dramatisch an Bedeutung verloren hat.

In erster Linie die Nachfolgekämpfe in der Organisation und der Verlust von Routen und Revieren haben das Sinaloa-Syndikat geschwächt. Aber zudem wird es von einem relativ neuen Akteur im Kartell-Kosmos zunehmend an den Rand gedrängt. Das „Cartel Jalisco Nueva Generación“, kurz CJNG löst Chapos Organisation gerade als allmächtige Mafia Mexikos ab. Und ihr Chef Nemesio Oseguera, kurz „El Mencho“, tritt als meistgesuchter Drogenboss der Welt in die Fußstapfen von „El Chapo“.

Nur ist der 52-jährige Oseguera ungleich brutaler. Seinem Kartell haftet nicht der Mythos an, eine in der Bevölkerung verwurzelte und beliebte Organisation zu sein. „El Mencho“ und seine Bande verbreiten Angst und Schrecken. Das CJNG gilt als die gefährlichste, blutrünstigste, am stärksten expandierende kriminelle Organisation Mexikos.

Laut US-Drogenfahndern soll es für den Schmuggel von mindestens fünf Tonnen Kokain und fünf Tonnen Metamphetaminen pro Monat in die USA verantwortlich sein. Washington stuft das Kartell als eine der „fünf gefährlichsten transnationalen kriminellen Organisationen der Welt“ ein. „El Mencho“ gilt denn auch als so gefährlich, dass das US-Justizministerium jüngst das Kopfgeld auf ihn auf zehn Millionen Dollar verdoppelte.

Dabei hat er mit seiner Bande klein und als eine Art Junior Partner des Sinaloa-Kartells im wichtigen Bundesstaat Jalisco mit seiner Metropole Guadalajara begonnen. 2010 aber beendete „El Mencho“ die Allianz mit „El Chapo“ und baute sein eigenes Syndikat auf. Aus Partnern wurden erbitterte Feinde.

Seither beobachten Experten einen „steilen Aufstieg“ des CJNG, das immer wieder mit bizarren Gewaltorgien auf sich aufmerksam macht. 2011 warfen Osegueras Schergen 35 Leichen von Folteropfern auf den Straßen von Veracruz ab. 2013 vergewaltigten und töteten CJNG-Gangster eine Zehnjährige, die sie irrtümlich für die Tochter eines Rivalen hielten. 2015 brachten CJNG-Killer einen Mann und dessen Sohn im Grundschulalter um, indem sie an deren Körpern Dynamitstangen anbrachten und den Sprengstoff zündeten.

Gemäß „InsightCrime“, einem auf das Organisierte Verbrechen in Lateinamerika spezialisierten US-Nachrichtenportal, operiert die Gruppe in mindestens 22 der 32 Bundesstaaten Mexikos und hat nach Ansicht des unabhängigen Kriminalitätsexperten Alejandro Hope dem Sinaloa-Kartell vor allem den stetig wachsenden Markt für synthetische Drogen entrissen.

Oseguera stammt aus dem Ort Uruapan im westlichen Bundesstaat Michoacán. Dort wuchs er in einer Familie von Avocado-Bauern auf. Als junger Mann ging er wie Millionen andere Mexikaner den Weg als Migrant ohne Papiere in die USA. Dort aber dealte er offenbar schon mit Heroin, wurde festgenommen, verurteilt und nach drei Jahren in seine Heimat ausgewiesen.

In dem kleinen Ort Tomatlán in Jalisco schloss er sich der örtlichen Polizei an. Als er seine spätere Frau Rosalinda kennenlernte, die damals als Buchhalterin für die Verbrecherorganisation „Milenio-Kartell“ arbeitete, wechselte er erneut die Seiten. Spätestens in diesem Moment, so sagen die Ermittler, begann der Aufstieg zu einem der gefährlichsten Drogenbosse Mexikos.

„El Mencho“ hat einen Personenschutz, der selbst den der mexikanischen Präsidenten in den Schatten stellt. Nemesio Oseguera sei „pathologisch misstrauisch“, so Kriminalitätsexperte Hope. Er beschäftigt Ex-Elitesoldaten der Armee und Marine als Leibwächter. Sein engster Sicherheitsring besteht aus 20 Männern, die mit Schnellfeuergewehren und Granatwerfern ausgestattet sind. Er weiß, dass ihm die Fahnder auf den Fersen sind. Seine Frau Rosalinda, Ex-Finanzchefin des Kartells, wurde im Mai geschnappt. Sein Sohn Rubén, genannt „Menchito“, sitzt seit 2015 in den USA in Haft.

Der Drogenboss hält sich vermutlich in der Region um El Grullo im Südwesten Jaliscos versteckt. Im kaum zugänglichen Hinterland soll er seine Unterschlüpfe haben, dort kennt er jeden Winkel. Zudem hält offenbar der Gouverneur des Bundesstaates, Aristóteles Sandoval, seine schützende Hand über den Verbrecher – eine in Mexiko durchaus übliche Beziehung von Politik und Organisierter Kriminalität auf höchster Ebene. Sandovals Amtszeit endet Anfang Dezember. Es könnte dann auch für „El Mencho“ eng werden.

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