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Mexiko Acapulco sehen und sterben

Seit die Drogenkartelle im einstigen Urlaubsparadies ihre Kämpfe austragen, sind Tod und Gewalt allgegenwärtig. Das jüngst ausgesetzte Rekord-Kopfgeld für einen der Bosse belegt nur die Ohnmacht des Staates.

Acapulco
Wasserski und abends Cocktails ? dafür stand Acapulco nicht nur im Jahr 1955. Noch bis in die 1980er Jahre war die Stadt der Schönen und Reichen liebster Ferienort. Foto: imago

Es ist ein sonniger Freitagnachmittag am Playa Caleta. Gegen 16 Uhr gehen die meisten Urlauber an dem beliebten Strand bei Acapulco gerade vom Mittagessen wieder zurück zu ihren Sonnenschirmen, als plötzlich zwei junge Männer Richtung Strandpromenade hetzen. Hinter ihnen auf der Straße ein Auto, aus dem das Feuer mit automatischen Waffen eröffnet wird. Die beiden Verfolgten fallen geradewegs vor die Füße der erstarrten Urlauber. Man ist geneigt zu sagen: Business as usual in Acapulco. Denn das einstige Pazifik-Paradies Mexikos ist schon lange zum Schlachtfeld der Narcos verkommen.

Solche Episoden des kleinen Horrors erzählen die Geschichte vom großen Absturz eines Ferienortes, der einst Lieblingsziel der Reichen und Schönen war, die sogar aus Hollywood anreisten. Jeder beliebige Tag, jedes beliebige Wochenende in Acapulco bringt Nachrichten hervor wie diese. An dem Tag, als die jungen Männer am Caleta-Strand starben, gingen auch Hunderte Mediziner gegen die Unsicherheit in dem einstigen Pazifik-Paradies Mexikos auf die Straße und drohten mit Streik. Zuvor war eine Augenärztin in ihrem Auto von Unbekannten erschossen worden. Tags darauf fand die Polizei in einem Haus in der 800 000-Einwohner-Stadt sechs gefesselte Leichen. Und jedes Wochenende sterben gleich mehrere Eigentümer von Taco-Buden oder Saftständen – oder geben ihr kleines Geschäft auf, weil sie das geforderte Schutzgeld nicht zahlen wollen. Oder nicht zahlen können.

In den 1950er und 1960er-Jahren stand Acapulco für Jetset und Sunset. Bilder von kühnen Klippenspringern, spektakulären Sonnenuntergängen und Promi-Tourismus gingen um die Welt. Elizabeth Taylor, Brigitte Bardot, John F. Kennedy, Frank Sinatra und natürlich „Tarzan“ Johnny Weissmüller verbrachten drei Flugstunden von Los Angeles entfernt hier ihre Ferien. Mehr als 200 Filme wurden in der Stadt gedreht. Später wuchsen die Hotelburgen um die Bucht. Jahrzehnte blieb Acapulco ein Sehnsuchtsort für Stars und ein Muss für Touristen aus aller Welt. Den Soundtrack dazu lieferten die Four Tops mit ihrem Hit „Loco in Acapulco“.

Verrückt in Acapulco. Das passt heute noch besser als vor 30 Jahren. Auch damals gab es schon Kokain und Kartelle, Heroin und Huren. Aber es war alles viele Nummern kleiner. Und die Reviere waren abgesteckt. Heute gibt es von allem zu viel. Zu viele Kartelle, zu viel Kraut und Stoff aller Art. Koks, Marihuana, Heroin, Amphetamine. Und vor allem zu viel Gewalt. Was es aber nicht mehr gibt: Promis und Glamour. An ihrer statt: Grauen satt.

Folglich bleiben auch die Urlauber weg. Vor allem die ausländischen Besucher zieht es schon seit Jahren immer spärlicher nach Acapulco. Es sind meist nur noch die einheimischen Touristen, die sich noch in die Stadt am Pazifik trauen. Sie sind nicht so geschockt von Gefechten auf offener Straße und Leichen am Strand. Seit Acapulco zum Schlachtfeld des Organisierten Verbrechens verkam, gehört die Stadt zu den tödlichsten Orten der Welt. 106 Morde pro 100 000 Einwohner werden hier verübt. In Deutschland liegt die Zahl bei rund einem Mord pro 100 000 Einwohner.

In der Urlaubermetropole ringen Reste des Beltrán-Leyva-Kartells mit dem „Unabhängigen Kartell vom Acapulco“ (CIDA) blutig um Routen und Reviere. Es geht um das Heroin, das in den Bergen des Bundesstaates Guerreros im Hinterland von Acapulco produziert wird, es geht um das Kokain, das aus Kolumbien kommt. Und es geht um einen Markt mit noch immer Tausenden Touristen und fast einer Million Einwohnern.

Verschärft wird der Konflikt noch durch das Kartell „Jalisco Nueva Generación“ (CJNG). Es ist eine Abspaltung des Sinaloa-Kartells von „El Chapo“ Guzmán. Das CJNG gilt inzwischen als die mächtigste, blutrünstigste und am stärksten expandierende kriminelle Organisation Mexikos, die möglichst überall alle kriminellen Geschäftszweige an sich reißen will. Gerade hat die US-Justiz das Rekord-Kopfgeld von zehn Millionen Dollar auf den Chef des CJNG-Kartells, Nemesio Oseguera Cervantes, alias „El Mencho“ ausgelobt. Die US-Justizbehörden glauben, dass das CJNG eine der „fünf gefährlichsten transnationalen kriminellen Organisationen der Welt“ ist.

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