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Met Gala Die Nacht der Modesünden

Zwischen Klerus und Körperlichkeit stand die legendäre Met Gala in diesem Jahr unter dem Stern von Nazareth. Schön oder schlimm? Eine Stilkritik von Manuel Almeida Vergara.

Met Gala 2018
Katy Perry erschien bei der Met Gala als Engel. Foto: rtr

Das Kreuz ist quasi das Symbol der Stunde. In Bayern wird es bald zum Pflichtprogramm, soll deutlich sichtbar im Eingangsbereich jeder Behörde hängen. In New York weiß man davon freilich wenig – in der Modeszene vermutlich überhaupt gar nichts. Und doch verbindet das Kreuz jetzt bayerische Ämter und internationale Modehäuser.

„Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination“ heißt die neue Ausstellung des Kostüminstituts vom Metropolitan Museum of Art, die morgen in New York eröffnet – „Himmelskörper: Mode und die katholische Vorstellungskraft“. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wäre wohl stolz gewesen – bis er Bilder von der Met Gala sieht. Die Kostüme nämlich, die Montagabend über den roten Teppich der Spendengala getragen wurden, waren so gar nicht CSU-konform.

Traditionell markiert die legendäre Met Gala jedes Jahr den Beginn einer entscheidenden Ausstellung des Kostüminstituts. Bis zum 8. Oktober soll ein Dialog zwischen Mode und Kirche zu sehen sein, mittelalterliche Gemälde und ihr Einfluss auf die Modemacher etwa, Papstroben und byzantinische Kunst im Kontrast zu Designerkleidchen und modischer Provokation. Und eben diese, die Provokation, sollte auch auf der prestigeträchtigen Met Gala eine zentrale Rolle spielen.

Natürlich ist es einfach – und auch ein bisschen billig –, sich beim himmlischen Dresscode auf den Schock als Spielart der Mode zu konzentrieren. Und trotzdem kommt es etwa einer Rihanna gerade recht, sich zum vulgär inszenierten Dekolleté eine Mitra aufzusetzen. Schauspieler Jared Leto wiederum findet Gefallen daran, sich als Jesus zu verkleiden – braucht es zu seinem Bart und Langhaarschnitt doch bloß noch das hübsche Dornenkrönchen. Und Katy Perry kombiniert zu Engelsflügeln Overknees, die doch viel eher nach Bordsteinschwalbe denn Himmelskind aussehen.

Sex und Seligkeit, Konsum und Kirche – natürlich existiert dieser bewusste Bruch beinahe so lange wie das Alte Testament. Wie gestrig, wie abgeschmackt, wie tausendmalgesehen das modische Spiel zwischen Himmel und Hölle daherkommt, das verdeutlichte vor allem Madonna auf dem roten Met-Teppich. Ihres Zeichens ja schon mal vorsorglich nach der Gottesmutter benannt, war es die Pop-Ikone, die seit ihrer „Like A Prayer“-Phase immer und immer wieder auf das Thema zurückgekommen ist. So war ihr Auftritt mit Rosenkranz und Netzschleier wie eine Zeitreise zurück in die späten 80er, in denen die modische Verbindung aus Klerus und Körperlichkeit noch für hitzige Diskussionen und schamhafte Gesichtsröte sorgte.

Heute aber, 40 Jahre nach Colleen McCulloughs „Die Dornenvögel“, 30 Jahre nach „Like a Prayer“, unzählige Saisons nach Jean Paul Gaultiers Nonnen-Outfits und den mit Fresken der Kathedrale von Monreale bedruckten Kleidern von Dolce & Gabbana, berührt, schockiert, provoziert das niemanden mehr. Außer Markus Söder vielleicht.

Das aber macht die Ausstellung des Metropolitan Museum of Art natürlich mitnichten weniger reizvoll, weniger wichtig. Und es gab ja auch auf der Gala lichte Momente, Lichtgestalten, die sich auf eine spannendere Interpretation des Themas besannen. Regisseurin Greta Gerwig trug ein hochgeschlossenes Kleid, das in seiner skulpturalen Form an die spanische Mode des 16. Jahrhunderts erinnerte. Die Designerinnen Mary-Kate und Ashley Olsen gaben nur dezente Hinweise an die keuschen Kleiderregeln des Mittelalters. Oscarpreisträgerin Frances McDormand kam als stilisierte Engelsgestalt. Und Sängerin Zendaya erschien als eine moderne Jungfrau von Orleans. Nachgedacht, mitgedacht, um die Ecke gedacht kamen diese Gäste ganz ohne den modischen Moment des Schocks aus – den es so auf der Met Gala ja ohnehin nicht gab.

Bis auf eine Ausnahme: Schauspielerin Scarlett Johansson kam in einem Kleid zum Ball, das zwar weder lüstern noch religiös daherkam. Die Robe aber stammt von Marchesa, dem Label Georgina Chapmans. Chapman ist die Noch-Ehefrau des Filmproduzenten Harvey Weinstein, der etliche Frauen nicht nur zu sexuellen Handlungen, sondern auch in die Entwürfe seiner Frau gezwungen haben soll. Seit der #MeToo-Debatte hatte kein Hollywoodstar mehr gewagt, ein Kleid der Marke zu tragen – bis auf Scarlett Johansson. Was für eine Provokation.

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