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Mauerbau „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“

Am 15. Juni 1961 stellte die Berliner Korrespondentin der FR, Annamarie Doherr, dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht eine Frage, auf die er mit der geschichtsträchtigen Lüge antwortete. Am 13. Dezember 1974 starb Annamarie Doherr im Alter von 65 Jahren. Erinnerung an eine Kollegin von „besonderer Qualität“.

Walter Ulbricht auf der internationalen Pressekonferenz am 15. Juni 1961. Foto: picture alliance / dpa

Annamarie Doherr, Berliner Korrespondentin der „Frankfurter Rundschau“, macht sich lustig: „Er hat mich völlig falsch zitiert. Er hat gar nicht den makabren Witz verstanden“. Doherr schreibt am 24. September 1962 an Karl Gerold, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. Er hatte sie gebeten aufzuschreiben, was sie ein Jahr zuvor am 15. Juni bei einer Pressekonferenz den mächtigsten Mann der DDR, den Ersten Sekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, gefragt und was er geantwortet hatte.

Lustig macht sich Doherr über Werner Höfer, Moderator der Sonntagssendung „Internationaler Frühschoppen“, die zwischen 1952 und 1987 jeden Sonntag in der ARD lief. Die Sendung, Vorgängerin des heutigen „Presseclub“, lässt ihre Zuschauer in West und Ost in die weite politische Welt blicken. Nicht alle lieben die „Höfer-Show“, redet er doch gern selbst und schneidet nicht selten seinen Gästen aus dem Journalismus das Wort ab. Doherr hält nicht viel von ihm, schreibt von „seinem Stammtisch“. Höfer hatte in der Sendung zum ersten Jahrestag des Mauerbaus nonchalant gesagt, Doherr habe Ulbricht nach einem möglichen „Mauerbau“ in Berlin gefragt.

Hochzeit des Kalten Krieges

Etwa 500 Journalisten sind an diesem Tag im „Haus der Ministerien“, heute Sitz des Bundesfinanzministers. Wie Höfer erinnert mancher Politiker oder Journalist Doherrs Frage so: „Herr Vorsitzender! Wollen Sie eine Mauer bauen?“ Gerade das aber fragt sie nicht. Der makabre Witz ist, dass Ulbricht ihre „rein staatsrechtlich-theoretische Frage“ mit Beton und Mörtel beantwortet.

Als „bedeutsame Pressekonferenz“ kündigt die DDR 1961 den Auftritt der Nummer eins an: „Der Friedensvertrag mit Deutschland und die Lösung des Westberlinproblems“. Es geht erneut um die Existenz des freien Teils der seit 1945 in vier Sektoren getrennten Stadt. Es ist die Hoch-Zeit des Kalten Krieges im geteilten Deutschland. In Sommer 1961 melden sich Tag für Tag rund 300 Flüchtlinge in West-Berlin und beantragen ihre – im Bürokratendeutsch – „Notaufnahme“. Doherr wählte zwölf Jahre zuvor selbst den Weg, als sie von Kleinmachnow, einem Vorort südlich von Berlin, in den Westteil der Stadt zog. Sie gehört zu jenen vier Millionen Menschen, die von 1945 bis 1990 aus dem sowjetisch kontrollierten Gebiet übersiedelten, ausreisten oder flüchteten und dann mithalfen, den westlichen Teil Deutschlands aufzubauen.

Die gebürtige Hamburgerin Doherr studierte in der Hansestadt Recht bei dem bedeutenden Juristen Albrecht Mendelssohn-Bartholdy. Ihr Lehrer ist auch Richter am Internationalen Schiedsgericht in Den Haag und Delegierter beim Völkerbund. Später wird sie seine wissenschaftliche Assistentin. Die vom NS-Staat verfügte Zwangsemeritierung beendet abrupt sein Wirken in Deutschland; er emigriert 1934 nach Oxford. Beendet ist damit auch Doherrs wissenschaftliche Karriere. Sie geht zum Weltwirtschaftsarchiv in Hamburg, schreibt meist über ostasiatische Themen und erlebt die letzten Kriegsjahre in Berlin als Redakteurin bei „Transocean“, einer gleichgeschalteten Nachrichtenagentur mit Überseemeldungen.

Als der Krieg aus ist, heuert sie beim Berliner Rundfunk im Rundfunkhaus an der Masurenallee in Berlin-Charlottenburg an, ein von den Sowjets in West-Berlin (!) eingerichteter und kontrollierter Sender. 1950 wird sie Berliner Korrespondentin der „Frankfurter Rundschau“.

Am 15. Juni geht sie nicht ohne innere Anteilnahme zur Pressekonferenz. Denn hinter der Ankündigung „Lösung des Westberlinproblems“ kann nur stehen, wie Moskau und Ost-Berlin den Flüchtlingsstrom stoppen wollen. Zwei Versuche sind bereits gescheitert: 1948 mit der Berlin-Blockade und 1958 mit Nikita Chruschtschows Note, die am 27. November Verhandlungen zur Westberlin-Frage innerhalb sechs Monaten forderte. Die Sowjetunion halte es für möglich, „die Westberlinfrage durch die Umwandlung Westberlins in eine selbständige politische Einheit, in eine Freie Stadt, zu lösen“. In deren Leben dürfe sich kein anderer Staat einmischen, auch nicht die beiden deutschen Staaten. Die Verhandlungen enden ergebnislos.

Ulbrichts Pressekonferenz ist der dritte Anlauf. Denn für Moskau und Ost-Berlin stehen „Freie Stadt Westberlin“ und Friedensvertrag weiter auf der Tagesordnung. So begrüßt Ulbricht die sowjetischen Vorschläge zur Lösung des „Westberlinproblems“ und lädt zu Fragen ein. Der Berliner „Spiegel“-Korrespondent geht auf das Hauptproblem der DDR ein, die „Abstimmung mit den Füßen“, und fragt, ob der Status einer „Freien Stadt“ weiterhin die Aufnahme von Flüchtlingen und ihre Weiterreise in die Bundesrepublik erlauben werde. Doherr hört Ulbrichts unzweideutige Antwort: Selbstverständlich würden im neuen Status der Stadt die Flüchtlingslager in West-Berlin geschlossen. Aus der DDR dürfe jeder nur mit Erlaubnis des Innenministeriums ausreisen. Da Ulbricht mit „Freier Stadt“ auch die Lufthoheit beansprucht, ist damit klar, dass niemand ohne DDR-Genehmigung die Freie Stadt betreten oder verlassen kann. So wäre das Flüchtlingsproblem dann auch gelöst. Der Berliner Korrespondent der britischen „Daily Mail“ fragt: „Glauben Sie nicht, dass jeder Deutsche das Recht haben sollte, sich innerhalb beider Teile Deutschlands frei zu bewegen, und dass dieses Recht im Friedensvertrag verankert sein müsste?“

Ulbricht wirft Westdeutschland vor, Besucher aus der DDR zu verhaften und einen „Eisernen Vorhang“ zu errichten; zudem müsse selbstverständlich die Bewegungsfreiheit der Spione „des Herrn Strauß“ (gemeint ist CSU-Verteidigungsminister Franz Josef Strauß) eingeschränkt werden. Das ist gar keine Antwort auf die Frage des Engländers, der sich nicht vorstellen kann oder will, dass Menschen nicht von einem Teil einer Stadt in den anderen gehen können. An diesem Tag ahnt keiner, dass dies in zwei Monaten böse Normalität für die nächsten 28 Jahre sein wird.

Verärgert über Ulbrichts Ausweichmanöver greift die FR-Journalistin ein. Laut ruft Doherr in den Saal: „Ich möchte eine Zusatzfrage stellen, Doherr, Frankfurter Rundschau. Herr Vorsitzender! Bedeutet die Bildung einer Freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?“ Ihre Frage und vor allem die Antwort werden Annamarie Doherr nach dem Mauerbau berühmt machen. Dabei denkt sie offenkundig an den Viermächtestatus der Stadt, den sie für unantastbar hält.

Ulbricht streicht sich über den Bart, formuliert die Frage um. „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht. Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt. Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“

Anerkennung des Status Quo

Ließ Doherrs starke Betonung der Worte „mit allen Konsequenzen“ Ulbricht an sein geheimstes Projekt denken? Oder sprach er absichtlich davon, um westliche Reaktionen zu testen? Oder hat der nicht genannte Ostblockdiplomat Recht, der Doherr von einem DDR-Empfang im Frühjahr 1962 berichtet: Da soll Werner Hartke, der einstige Rektor der Humboldt-Universität, Ulbricht gefragt haben, warum er im Juni von der Mauer sprach. Antwort: Er habe den Eindruck gehabt, „die westlichen Journalisten wüssten bereits alles, so dass er geglaubt habe, kein Geheimnis preiszugeben.“

Wenn Ulbricht westliche Reaktionen testen will, hat er Erfolg. Nur wenige Zeitungen erwähnen die Mauersätze. Doherr hält in ihrem Artikel als Wichtigstes fest: „Ulbricht verlangt volle Lufthoheit über West-Berlin!“ und „DDR will Berlin-Frage und Flüchtlingsproblem gleichzeitig lösen.“ Erst im fünften Absatz heißt es: „Bewusst vage äußerte sich Ulbricht zu der Frage, ob die Schaffung einer Freien Stadt die Staatsgrenze am Brandenburger Tor mit allen ihren Konsequenzen bedeutet. Ulbricht beteuerte, die DDR wolle keine Mauer aufrichten, sondern strebe eine vertragliche Regelung an.“

In dem Kommentar zu ihrem Text über die Pressekonferenz bescheinigt sie ihm, den Siegesgewissen zu spielen: „In einem Jahr würden sich alle freuen, meinte er lächelnd, dass dann das West-Berlin-Problem nicht mehr bestehe. Der SED-Chef will verhandeln, aber er lässt keinen Zweifel daran, dass er eine Kraftprobe nicht scheuen werde. Er nannte eine Bedingung, die jede Verhandlungsbereitschaft auf westlicher Seite von vornherein ersticken muss, weil sie an den Grundfesten der westlichen Freiheitsordnung rührt. West-Berlin, das Tor für die Flüchtlinge aus der DDR, soll endgültig zugeschlagen werden. Eine Illusion ist jedenfalls nicht mehr möglich. Es wird hart auf hart gehen.“

Eine Mauer am Brandenburger Tor sieht sie nicht, wie sie dreizehn Monate nach dem Mauerbau versichert: „Jedenfalls haben wir alle damals nicht mit einer Mauer am Brandenburger Tor gerechnet, sondern nur mit einem Sperrgürtel rund um Ost-Berlin.“

Die linksliberale Frankfurter Rundschau ist weder in den fünfziger und sechziger Jahren noch später ein Blatt, das die DDR in Grund und Boden stampfen will. Schon 1957 nennt sie den anderen deutschen Staat DDR, wie er sich selbst nennt. Da sprechen die meisten Medien im Westen von „Sowjetzone“ oder schreiben „DDR“ in Anführungszeichen. Doch womöglich, das war die Überzeugung der FR-Redaktion, schaffte nur die Anerkennung des Status quo seine Veränderung.

Auf der Suche nach einer Normalisierung

Doherr will helfen, die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten zu verbessern, und sucht Chancen für eine – wenn auch langwierige – Normalisierung. Auch ihr letzter Text betrifft die DDR. Am 12. Dezember 1974 heißt die Überschrift: „DDR nimmt Berlinern Müll ab“. Text: „West-Berlin ist für die nächsten 20 Jahre durch einen am Mittwoch in Ost-Berlin unterzeichneten Müllvertrag mit der DDR aller Sorgen ledig über die Ablagerung von Müll. Dafür wird ein neuer Grenzübergang im Süden Berlins für Müllwagen errichtet. Der Senat muss für jeden in die DDR gelieferten Kubikmeter zehn Pfennig zahlen.

Am 13. Dezember 1974 schreibt Doherr einen Artikel über Kurt Scharf, Berliner Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bei der Arbeit reißt sie ein Herzinfarkt aus dem Leben. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz würdigt im Beileidstelegramm Annamarie Doherr als „eine beispielgebende Persönlichkeit des deutschen Journalismus“. Ihre Urteilskraft und ihre engagierte Menschlichkeit hätten das öffentliche Bewusstsein mitgeprägt. Die FR nennt sie „Mitarbeiterin besonderer Qualität“: „Annamarie Doherr, FR-Korrespondentin in Berlin, das war wie ein Markenzeichen. Aus der geteilten Stadt zu berichten, gehört zu den besonders schweren journalistischen Aufgaben. Dort hat nicht nur der Kalte Krieg bis heute kein richtiges Ende gefunden, dort müssen verantwortungsbewusste Korrespondenten besonders auf der Hut sein vor den Fallen der Hysterie oder der Gutgläubigkeit; dort haben sie besondere Mühe, die seriöse Nachricht aus einem dicken Brei von Interessenkämpfen herauszufischen.“ Und: „Sie hatte gute Verbindungen, widerstand aber immer möglichen Versuchungen, daraus kurzlebige Sensationen zu schlagen.“

Doherr hat die Evangelische Kirche und ihr Wirken in beiden deutschen Staaten aufmerksam begleitet. Die EKD-Leitung dankt in ihrem Beileidsbrief für ihre Berichte über die Kirche seit den fünfziger Jahren, lobt ihre „umfangreiche Bildung und echte Menschlichkeit“ und ihr kritisches Urteil. Doherr habe sich bei der Kampagne des deutschen Journalismus gegen Bischof Scharf „nicht kritiklos, aber mutig und nüchtern vor ihn gestellt.“ Viele Medien hatten sich über ihn erregt, da Bischof Scharf inhaftierte Baader-Meinhof-Leute der RAF im Gefängnis besucht hatte.

Doherr wird auf dem St. Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem beerdigt. Vier Buchstaben und vier Zahlen stehen auf dem Grabstein des Gemeinschaftsgrabs mit der Grafikerin Lizzie Hosäus: „AD 1909-1974 LH 1910-1988“.

Mit dem Mauerbau 1961 gilt Doherr als die Journalistin, die Ulbricht die entscheidende Frage stellte. Vor allem sein „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ wird vieltausendfach über Postkarten, Medien, vor allem über Lautsprecherwagen und Plakate verbreitet. Der „makabre Witz“, den Höfer nicht verstand, spielt keine Rolle mehr.

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