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Massenpanik in Corinaldo „Ich habe den Jungen vor meinen Augen sterben sehen“

Bei einer Massenpanik auf einem Konzert im italienischen Corinaldo kamen am Wochenende sechs Menschen ums Leben.

Tote nach Panik in Diskothek
Carabinieri stehen vor dem Club „Lanterna Azzurra“, in der mehrere Menschen in einer Massenpanik ums Leben gekommen sind. Foto: dpa

Die elf Jahre alte Gemma hatte lange darum gebettelt, zum Auftritt des italienischen Rappers Sfera Ebbasta gehen zu dürfen. Schließlich entschieden sich die Eltern, sie in die Provinz-Diskothek von Corinaldo nahe der Adriastadt Ancona zu begleiten, wie der Vater der Tageszeitung „Corriere della Sera“ erzählte. Seiner Frau Eleonora G. wurde das zum Verhängnis.

Bei einer Massenpanik vor Beginn des Live-Sets starb die 39-Jährige in der Nacht zu Samstag ebenso wie fünf der jungen Konzertbesucher. Eleonora G. und die drei Mädchen und zwei Jungen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren erstickten oder wurden zerquetscht. Sieben schwer verletzte Jugendliche waren am Sonntag noch immer in einem kritischen Zustand.

Sfera Ebbasta, der mit bürgerlichem Namen Gionata Boschetti heißt, ist in Italien ein Superstar und hat seine Fans vor allem unter Teenagern. Der 26-jährige Musiker, der in schwierigen Verhältnissen in einer Mailänder Vorstadt aufwuchs, sieht sich als Vertreter des „Trap“, einer elektronisch geprägten Subkategorie des Hiphop. 

Boschetti, dessen Markenzeichen tief rot gefärbte Haare sind, pflegt mit Tattoos, Piercings, Silberzähnen und Klunker-Halsketten den typischen Rapper-Stil und singt von schwierigen Eltern, seinem Leben als Star und plötzlichem Reichtum. Ab 2014 hatte er zunächst erfolglos Videos auf Youtube veröffentlicht, zwei Jahre später kam der Durchbruch. 

Bereits vor seinem Auftritt soll der Saal der Diskothek „Lanterna Azzurra“ zum Bersten gefüllt gewesen sein. Die Bässe wummerten, die sehr jungen Fans waren aufgeregt, für viele war es wohl der erste Konzertbesuch ihres Lebens.

Inzwischen scheint sicher, dass inmitten dieser aufgeladenen Atmosphäre ein Jugendlicher im Publikum Pfeffergas versprühte. Die Menge drängte panisch zu den Ausgängen. Auf einem Handyvideo von dem Abend ist zu sehen, wie das Geländer einer vier Meter langen Rampe an einem der Notausgänge einbricht und Menschen 1,80 Meter in die Tiefe stürzen.

Ein Jugendlicher sagte dem Fernsehsender Rai, er habe gesehen, wie sie sich übereinander stapelten und um Hilfe schrien. „Es war verheerend“, so der Augenzeuge. Eine 16-Jährige sagte Corriere TV, ein unter ihr liegender Junge habe sich an sie geklammert und um Hilfe gefleht. „Aber ich konnte nichts tun. Ich habe den Jungen vor meinen Augen sterben sehen“, sagte sie.

Die Diskothek in Corinaldo war für höchstens 870 Besucher zugelassen. Zunächst hatte es geheißen, die Veranstalter hätten 1350 Karten zum Preis zwischen 20 und 30 Euro verkauft und nur einen der Säle mit 469 Plätzen geöffnet. „Es war ein Mix aus Dummheit, Boshaftigkeit und Gier“, hatte Italiens Innenminister Matteo Salvini kommentiert. Am Sonntag stellte dann der Provinz-Kommandant der Carabinieri klar, es seien nur 680 Tickets verkauft und 500 abgerissen worden. Geklärt werden muss, ob zwei der Notausgänge blockiert waren.

Die Staatsanwaltschaft Ancona fand am Sonntag aufgrund von Zeugenaussagen den Jungen, der das Reizgas versprüht haben soll. Über seine Vernehmung wurde zunächst nichts bekannt. Die Medien spekulierten über die Motive des Jugendlichen. Wollte er sich verteidigen, wollte er im Chaos andere bestehlen oder war es Willkür? Offenbar hatte es auch schon bei früheren Auftritten von Sfera Ebbasta Zwischenfälle mit Pfefferspray gegeben. 

Der Rapper hat alle anstehenden Auftritte abgesagt. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter schrieb er: „Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, um den Kummer und Schmerz über diese Tragödie auszudrücken.“ An seine Fans appellierte er: „Ich möchte nur, dass ihr alle darüber nachdenkt, wie gefährlich und dumm es sein kann, Pfefferspray in einer Diskothek zu benutzen.“ 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Italien

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