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Masern „Mir ging es immer nur um den Schutz“

Wolfgang Kiehl, oberster Impf-Arzt in der DDR, spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Berliner Masern-Epidemie 1970.

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Illustration eines Masernkranken in Meyers Konversationslexikon aus dem Jahr 1897. Foto: imago

Als Ost-Berlins oberster Impf-Arzt setzte Wolfgang Kiehl die Impfpflicht um, mit der die DDR-Regierung 1970 gegen die letzte große Masern-Epidemie vorging. Mit Erfolg: Die Masern wurden nicht nur gestoppt, sondern danach fast ausgerottet – bis die Mauer fiel.

Herr Kiehl, den letzten großen Masern-Ausbruch vor der aktuellen Welle erlebte Berlin 1970, in ähnlichem Ausmaß wie heute. Die DDR erließ damals eine Pflicht zur Masern-Impfung. Wie setzten Sie die als Ost-Berlins oberster Impf-Arzt um?
Als die Anweisung kam, planten wir eine Impfaktion von Juni bis November. Das war auch nötig: Im Januar 1970 waren 476 Masernfälle gemeldet, im Februar 526, im März schon 882! Die vorherigen freiwilligen Impfungen hatten also nicht die nötige Impfrate von 90 bis 95 Prozent erreicht – wie es heute offenbar wieder der Fall ist. 1970 gab es einen neuen Impfstoff, den wir bei allen nachgeborenen Kindern einsetzten: bei den Kontrolluntersuchungen und wo es viele ungeimpfte Kinder gab, auch direkt in den Krippen.

Wie wurden Verstöße gegen die staatliche Impfpflicht bestraft?
Gar nicht. Es wurde gar nicht versucht, „Verweigerer“ zu erfassen. Deshalb ärgert es mich, wenn in der aktuellen Debatte um eine Impfpflicht Sätze auftauchen wie „Wir wollen keine Impf-Stasi“. Nein, wir haben die Impfpflicht aufgefasst als Pflicht des Staates, die Kinder bestmöglich zu schützen, und zugleich als Verpflichtung der Eltern, die Möglichkeiten auch zu nutzen. Es war eine „moralische Pflicht“, zum Impfen zu gehen, und bald selbstverständlich. Das basierte nicht auf Zwang, sondern auf einem hohen Vertrauen gegenüber den Ärzten und dem Gesundheitswesen. Nicht das Gesetz war die Autorität, sondern der Arzt, der darauf achtet, dass jedes Kind geimpft wird.

Tatsächlich gelang es Ihnen, die Masern-Welle zu stoppen – und die Krankheit später so einzuhegen, dass sie in der DDR kurz vor der Ausmerzung stand. Gab der Staat Ihnen dafür ab 1970 besondere personelle oder finanzielle Mittel?
Öffentlicher Gesundheitsschutz und Impfwesen waren in der DDR besonders gefördert und vergleichsweise gut ausgestattet. Aber sicher war der betriebene Aufwand nicht viel größer als heute, wo ja auch das Ziel und die Möglichkeit besteht, jedes Kind zu impfen.

Hatte sich die DDR vorgenommen, die Masern auf ihrem Gebiet ganz auszurotten?
Erst nach 1983, als das Ziel weltweit realistisch erschien. Von 1983 bis 1986 wurden das Impfprogramm deshalb ausgeweitet und auch Ältere nachgeimpft – so erfolgreich, dass die Masern 1990 wohl ausgemerzt worden wären. Durch die Wende gab es dann aber erst einmal andere Prioritäten im Gesundheitssystem, und in den 90ern glich sich das Impfverhalten dann dem laxeren im Westen an.

Wie wichtig waren Aufklärung und Mobilisierung, wenn ja ohnehin Impfpflicht bestand?
Sehr wichtig! Unsere Impfaktion haben wir durch eine massive Kampagne unterstützt: 27 000 Merkblätter, viele Presseinformationen und Werbe-Einblendungen in Fernsehen und Kinos, Aufkleber in der U-Bahn … Um Eltern kleinerer Kinder direkt zu erreichen, habe ich dem Programmheft des Kindertheaters „Clown Ferdinand“ – da gingen alle Eltern hin – einen Aufruf beilegen lassen, den ihn selbst gedichtet hatte: „Ohne Impfung, das ist klar, droht die Infektionsgefahr!“

Die DDR nutzte Ihre Impferfolge auch für Propagandazwecke ...
Davon merkten wir im Alltag nichts. Natürlich hat die DDR, wenn sie mal einen Erfolg erzielte, den ausgeschlachtet, um die Überlegenheit des Sozialismus zu betonen. Mir ging es immer nur um den Schutz der Bevölkerung. Dazu gehören nun mal gute Impfraten: Sie erhöhen den „Herdenschutz“.

Wie gingen Sie mit dem Risiko von Impfschäden um, das Massenimpfung mit sich bringen?
In der Medizin gibt es nie ein Null-Risiko, das gilt aber bei jeder OP. Bei Masern wussten wir, dass die Erkrankung viel mehr Schäden und Komplikationen mit sich bringt als die Impfung. Aber alle Schäden wurden zentral erfasst, eine Kommission analysierte jeden Fall, der Staat hat Betroffene, wie heute, entschädigt. Es stimmt zwar, dass die Mediziner dem Einzelnen die Risikoabwägung damals abgenommen haben – aber das war insgesamt so üblich. Die heutige Transparenz hat sich auch im Westen erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Das Maß, in dem der mündige Bürger sich informieren kann, war früher sicher nicht optimal.

Die größere Transparenz löst offenbar auch mehr Bedenken aus, sodass es heute mehr Impfgegner gibt. In der DDR gab es bis zu 17 Pflichtimpfungen für Kinder und Jugendliche. Wieviel Abwehr gab es dagegen?
Keine, die uns auffiel. Heute ist die Liste empfohlener Impfungen nicht viel kürzer – und sowohl meine damalige Analyse wie die neueste Schätzung der Bundeszentrale gehen nur von einem Prozent aktiver Impfgegner aus. Alle anderen dürften durch Informationsgespräche mit einem Arzt, dem sie voll vertrauen, zu überzeugen sein.

Also ist Ihre Lehre aus Ihrem Erfolg ...
Nicht unbedingt, dass man Druck ausübt. Eher, dass man den Ärzten ermöglichen muss, echte Überzeugungsarbeit zu leisten. An der Zeit dafür fehlt es heute oft.

Interview: Steven Geyer

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