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Marius Müller-Westernhagen "Möchte nicht mit Nationalspielern tauschen"

Marius Müller-Westernhagen war als Junge nah dran, Profifußballer zu werden. Heute ist er froh, dass ihm dieser Stress erspart geblieben ist. Ein Gespräch über Machos auf dem Spielfeld, Lenas Starqualitäten und seine eigene Naivität.

11.10.2010 21:13
"Mir bedeutet es nichts mehr, ein Star zu sein", sagt Marius Müller-Westernhagen. Foto: dapd

Marius Müller-Westernhagen war als Junge nah dran, Profifußballer zu werden. Heute ist er froh, dass ihm dieser Stress erspart geblieben ist. Ein Gespräch über Machos auf dem Spielfeld, Lenas Starqualitäten und seine eigene Naivität.

Herr Westernhagen, schmerzt es Sie, Fußballspiele wie das der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei anzuschauen?

Wie kommen Sie denn darauf? Die Jungs spielen doch einen schönen Fußball, derzeit.

Denken Sie sich nie: „Das hätte ich als Jugendlicher auch haben können?“ Sie waren so dicht dran, Profifußballer zu werden. Sie hatten schon an einem Sichtungslehrgang...

...der Jugendnationalmannschaft teilgenommen. Stimmt. Als kleiner Junge. Aber das haben viele gemacht.

Da sind Sie jetzt sehr bescheiden.

Nein, wirklich. Ich habe mal ganz vernünftig gespielt, war technisch sehr gut, konnte beidfüßig schießen.

Position?

Alles. Aber am liebsten offensives Mittelfeld.

Und woran sind Sie gescheitert?

Damals wurde man nicht nach Talent ausgesucht, sondern nach Entwicklungsstand. Ich war klein und schmächtig. Ich erinnere mich an einen anderen Jungen in meinem Lehrgang: Kein guter Fußballer, aber doppelt so groß wie alle anderen. Der hat es dann geschafft.

Rockstar ist ja auch keine schlechte Alternative.

Ich würde nicht mit den Nationalspielern tauschen wollen. Ich bin mit einigen von ihnen befreundet. Unglaublich, was die für einen Stress haben. Interviews, direkt nach dem Spiel, wenn sie noch voller Adrenalin sind. Und dann diese Beurteilung in aller Öffentlichkeit. Jede Woche! Dazu leben sie in einem Vakuum, haben es so viel schwerer, erwachsen zu werden, als andere.

Und dann wird öffentlich darüber spekuliert, ob sie vielleicht schwul sind...

Dass wir 2010 noch über solche Fragen diskutieren! Absurd. Wenn mein Sohn oder meine Tochter zu mir käme und sagen würde: „Papa, ich bin schwul.“ Dann würde ich sagen: „Ja und?“ Natürlich gibt es auch schwule Profifußballer. Das sollte endlich ausgesprochen werden.

Sie wollen, dass sich ein Nationalspieler outet?

Für einen alleine wäre das sehr schwer. Es müssten viele sein. Wahrscheinlich gäbe es gar keinen Aufschrei. Heutzutage sind Profifußballer nicht mehr solche Einzeller wie früher. Bei den heutigen Spielsystemen ist Intelligenz erforderlich. Wobei ich mich auch noch erinnern kann, wie Klinsmann als Bundestrainer einen Psychologen mitbrachte. Da sagte mir ein Nationalspieler: „Wir brauchen doch keinen Psychologen, wir sind doch Männer.“

Was antworteten Sie ihm?

„Junge, denk mal nach. Die Handballer haben einen Psychologen, die Hockeyspieler auch. Seit Jahren. Sind das keine Männer?“ Dieser Machismo ist bei Dorfvereinen noch stärker. Furchtbar.

Sie lehnen Machos ab? Dafür wird Ihnen Ihr Freund Gerhard Schröder die Freundschaft kündigen.

Ach, Gerhard Schröder. Der hat eine burschikose Art, die hat Vor- und Nachteile. Aber trotzdem habe ich auch heute noch Respekt vor ihm. Wissen Sie, was mich für ihn eingenommen hat? Er konnte zuhören. Günter Grass, Jürgen Flimm, Erich Loest und ich – wir waren sein Kultur-Küchenkabinett. In der ersten Amtszeit hat Schröder uns häufig eingeladen, um mit uns zu diskutieren. Er wollte wissen, was wir denken.

Können Sie sich noch an das erste Treffen erinnern?

Wir kamen erstmals in einem Haus auf dem Land zusammen. Er war noch nicht Kanzler und Grass nannte ihn immer nur „der Kandidat“. Wir saßen also in diesem Haus und stellten ihm Fragen. Und er hörte zu und antwortete.

Was fragten Sie?

Zum Beispiel: „Wenn wir Sie unterstützen, was kann dann die Kultur erwarten?“ So haben wir erreicht, dass er den Posten des Kulturstaatsministers neu einrichtete. Ich weiß nicht, ob wir seine sonstigen Entscheidungen auch beeinflussen konnten, aber er wollte wissen, was wir dachten. Und das fand ich erstaunlich. Leider verlief sich dieser Kreis später immer mehr.

Wieso?

Seine Amtszeiten waren nicht einfach. In unserem letzten Treffen ging es um eine mögliche Beteiligung am Irakkrieg. Sich gegen die mächtigen USA zu stellen, war ein ungeheueres Risiko. Schröder hat standgehalten. Gerhard Schröder – und sonst keiner – hat das durchgezogen. Er hat damals zu uns gesagt: „Wenn es schief läuft, dann steinigt mich nicht dafür.“ Und wir haben ihm applaudiert.

Die Künstler applaudieren dem Kanzler?

Finden Sie schwierig, nicht wahr? Ich auch.

Schröder war auch der Kanzler, der Hartz IV durchgesetzt hat. Gesetze, die jenen Menschen die Beine weggehauen haben, die Sie in Ihren Liedern besingen.

Diese Maßnahmen waren notwendig, sonst wäre der Sozialstaat pleite gegangen.

Jetzt reden Sie schon wie ein Politiker...

...deshalb würde ich heute nicht mehr so nah ran an die Macht. Mir hat diese Nähe nicht gut getan. Ich wurde auch instrumentalisiert. Zumindest ein Stück weit.

Waren Sie zu blauäugig?

Nein. Ich wusste das vorher. Aber meine Neugier war damals stärker. Bei diesen Gesprächen dabei zu sein. In Entscheidungen eingebunden zu sein. In diesem tollen Künstlerkreis dabei zu sein. Ich durfte mit diesen intelligenten Jungs da sitzen und diskutieren. Außerdem: Bei all seinen Fehlern, Gerhard Schröder hatte Haltung. Er hat gemacht, was er für richtig hielt. Im Irakkrieg und bei den Hartz-Gesetzen. Er hat sein Amt dafür gegeben. Diese Haltung bewundere ich.

Haltung scheint Ihnen wichtig. Vor kurzem forderten Sie in einem Essay, auch der Künstler müsse eine Haltung haben.

Er muss etwas vermitteln wollen, sonst wird er beliebig.

Sie schreiben auch: „Erfolgreiche aber verantwortungslose TV-Shows führen Teenager vor.“ Aber bei „Unser Star für Oslo“ saßen Sie trotzdem in der Jury. Wo ist da die Haltung?

Wir waren ja nicht verantwortungslos. Bei uns wurde niemand fertiggemacht, wie bei RTL. Wir wollten zeigen, dass man eine Castingshow machen kann, in der junge Menschen nicht diskreditiert werden. Dass man sie weiterbringt, indem man sie kritisiert, ihnen sagt, was sie falsch gemacht haben. Wir werden die Castingshows nicht mehr verhindern. Aber vielleicht kann man mit Sendungen wie „Unser Star für Oslo“ zeigen, wie man es besser macht und musikalisches Talent findet.

Wie beurteilen Sie Lena Meyer Landrut heute – ist sie immer noch Talent oder schon Star, Ikone?

Lena hat Starqualität. Sie kommt auf die Bühne und du spürst sie, fühlst sie. Keine tolle Sängerin, aber du erkennst diese Stimme wieder. Sie trifft Töne, die sonst nur Jazzsängerinnen treffen. Aber ihre größte Qualität war: Sie war sie selbst. Mit all den linkischen Bewegungen. Und jetzt muss man ihr begreifbar machen, was das Besondere an ihr ist, muss sie besser machen, ohne dass sie dieses Besondere verliert. Die Aufgabe möchte ich nicht haben.

Sie prophezeiten ihr: „Die Leute werden dich lieben.“

Daran glaube ich auch. Ich war nur erstaunt, als ich neulich ein Tournee-Poster mit ihr sah, das Konzerte in den großen Hallen ankündigt. Von null auf hundert, keine Zeit für Entwicklung. Aber vielleicht ist das heute so. Ich sehe das ja an meiner Tochter.

Ihre in London lebende Tochter Mimi, die auch Musik macht.

Ja. Sie ist sehr begabt, sehr intelligent. Aber als sie aus London nach Deutschland kam, hat sie der Name Müller-Westernhagen innerhalb kurzer Zeit sehr bekannt gemacht. Schmeichelte ihr natürlich – in dem Alter genießt man das sehr. Und dann stand sie mal hier, mal da auf einer Party rum, war in dieser und jener Zeitung, und ich wurde angesprochen: „Ihre Tochter ist sehr erfolgreich.“ Da sagte ich: „Ja, mit was denn? Die ist eine tolle Musikerin, aber haben Sie mal was von ihr gehört?“ Sehr erfolgreich? Mit Luft!

Lena scheint den Rummel dagegen bisher ganz gut wegzustecken.

Die ist ja auch nicht dumm. Sie ist halt jung und wer jung ist, ist beeinflussbar oder hat Angst, sich zu wehren. Damals, als sie die erste Runde gewonnen hatte, habe ich mit ihr gesprochen und gesagt: „Lena, was du nicht machen willst, musst du nicht machen. Im Leben muss man nur sterben und Steuern zahlen.“

Was hat sie geantwortet?

Die war unglaublich bescheiden und für jeden Ratschlag dankbar. Ein liebes Mädchen, ich mag sie sehr gerne.

Haben Sie noch Kontakt?

Nein. Wie auch? Sie wurde medial so sehr unter Beschlag genommen, das gibt es ja gar nicht.

Also ist doch genau das passiert, was Sie befürchtet hatten?

Ich vertraue da Stefan Raab. Er hat die Show gut gemacht. Außerdem mag ich ihn einfach. Auch wenn sich unsere künstlerische Position natürlich unterscheidet.

Inwiefern?

Ich habe mich immer mehr als Interpret denn als Produzent verstanden und deshalb nie überlegt: „Wird das jetzt ankommen?“ Ich kann das auch gar nicht beurteilen – und bin froh darum. Natürlich ist das ein Talent, für Hits einen Riecher zu haben.

Aber Sie merken doch, wenn Sie einen Hit schreiben?

Nein.

Nicht einmal bei „Freiheit“?

Da hatte ich jahrelang diese Melodie, habe sie immer auf dem Klavier geklimpert und mir ist dazu nichts eingefallen. Bis ich mit meiner Frau im Urlaub war. In Paris, auf dem Weg in die Provence, lasen wir in einem Reiseführer davon, dass die während der Französischen Revolution auf den Gräbern getanzt hätten. Das war die Inspiration.

Können Sie sich erklären, was den späteren Erfolg ausgemacht hat?

Der Rahmen war plötzlich da, durch die Ereignisse im damaligen Ostblock. Der Song traf die Stimmung. Und es gibt diesen entscheidenden Satz, der das Gefühl in seiner ganzen Einfachheit trifft: „Freiheit, ist das Einzige, was zählt“. Es geht übrigens auch andersrum: Ich habe mal eine Single gemacht, „Rosanna“. Da war ich mir sicher, dass die Leute darauf abfahren. Und bei den Aufnahmen kamen sogar ein paar englische Musiker aus dem benachbarten Studio rüber, weil sie uns gehört hatten und meinten: „Riesenhit“. Als die Platte draußen war, wollte kein Mensch die hören.

Frustriert Sie das?

Nein. Denn Kunst kommt aus dir selbst. Du machst was, stellst es zur Diskussion. Wenn du Glück hast, mögen es viele Leute, wenn du Pech hast, gibt’s auf die Fresse. Aber nur so kommst du weiter.

Das ist aber derzeit nicht so angesagt in der Popmusik...

...und daran krankt sie heutzutage. Man macht vorher eine Umfrage, um zu sehen, was die Leute wollen. Das ist eine Sackgasse! Und diese Einstellung wabert durch die ganze Kulturlandschaft. Aber stellen Sie sich mal vor, wir hätten das im Theater! Du würdest kein anständiges Schauspiel mehr sehen, nichts wo sich Leute mal erregen. Wie langweilig! Ich will kontrovers sein! Nicht everybody’s darling.

Kann ein Musiker, der 15 Millionen Platten verkauft, kontrovers sein?

Ganz ehrlich: Es ist mir ziemlich scheißegal, ob ich erfolgreich bin oder nicht. Ich will einfach nur gute Musik machen. Das liegt vielleicht auch am Alter. Mir bedeutet es nichts mehr, ein Star zu sein. In jungen Jahren hat man da so einen sportlichen Ehrgeiz. Man will eine Nummer eins haben. Heute verfolge ich ja nicht mal mehr Charts.

Sie haben Lena nicht auf Ihrem iPod?

Ich habe gar keinen iPod. Werde ich mir auch nie holen. Auf dem iPod hast du zehn Prozent der Daten, die auf einer CD sind. Heißt: Es fallen neunzig Prozent der Musik weg. Das klingt ja nach nichts.

Gibt es denn gute, junge Musik, die Sie inspiriert?

Ja. Die „Kings of Leon“ zum Beispiel. Die spielen eine neue Art Rock’n’Roll. Aufregend. Aber sonst? Ist es unheimlich schwer, gute Musik zu finden. Die wird ja in diesem Land nicht im Radio gespielt oder im Fernsehen. Da wird dir ein Auftritt angeboten und es heißt: „Können Sie dann auch noch mit dem anderen Gast in der Show Fußball spielen? Oder kochen?“ Nein, das kann ich nicht.

Sie übertreiben.

Das habe ich beides in jüngster Vergangenheit erlebt. Vielen Medien und somit auch Journalisten geht es gar nicht um Musik. Es reicht nicht mehr, eine neue Platte zu machen. Da wird gleich gefragt: Was gibt es noch? Hat der vielleicht seine Alte betrogen?

Das würde mich jetzt gar nicht so interessieren...

Das ehrt Sie und Ihr Blatt, aber so ist es hier mit vielen Medien. Du musst als Künstler Haltung bewahren und aufpassen, dass du dich nicht zum Affen machst. Auch wenn Promotion wegfällt und die Plattenverkäufe sinken.

Sie reden aus Erfahrung?

Ja. Als ich 1999 ankündigte, keine Stadiontouren mehr zu machen, da war ich noch naiv. Ich dachte, ich ziehe einfach das Mäntelchen des Superstars aus. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass die Leute beleidigt schreien: „Der nimmt uns unser Spielzeug weg, wir wollen doch über den schreiben.“ Und wenn du die Medien zu lange ignorierst, dann fangen sie an, was zu erfinden.

Was haben sie erfunden?

Als Erstes haben sie kolportiert, dass ich aufhöre. Habe ich nie gesagt. Dann schrieb jemand, ich sei arrogant. Geh da mal gegen an. Mein größtes Faustpfand war immer meine Glaubwürdigkeit – und die drohte unterminiert zu werden. Die Journalisten haben damals nicht verstanden, dass ich Ruhe brauchte.

Wieso brauchten Sie Ruhe?

Ich war eine Marke, hatte 1999 gerade eine große Tour hinter mir, das Best-of-Album war Dreifach-Platin. Aber in meiner Entwicklung als Künstler blieb ich stehen, war nur noch damit beschäftigt, meinen Status zu erhalten. Außerdem war ich Umsatzträger bei einer großen Plattenfirma. Da hingen Arbeitsplätze dran. Unmenschlicher Druck. Und zudem: Ich war 50 Jahre alt und Popstar. Ich musste mich entscheiden: Will ich ein Künstler sein, mich weiterentwickeln. Oder will ich ein alternder, fremdbestimmter Popstar werden.

Lieber als John Lee Hooker alt werden, denn als Mick Jagger?

Bei der Auswahl nehme ich den John Lee Hooker. Für mich war es die richtige Entscheidung. Ich verkaufe vielleicht nicht mehr so viele Platten wie früher, aber ich bin glücklicher.

Interview: Rudi Novotny

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