Lade Inhalte...

Maria Mena „Der Schmerz ist es wert“

Die norwegische Popsängerin Maria Mena spricht im Interview über gebrochene Herzen, entspannte Abende und warum sie beim Küssen Straßen sieht.

Die 29-Jährige hört die Melodien für ihre Lieder zuerst im Traum. Foto: Solveig Selj

Maria Mena sieht aus wie Pocahontas. Eingebildet ist die norwegische Singer-Songwriterin aber so gar nicht. „Eigentlich habe ich Mega-Locken, die muss ich ewig glätten. Ich habe auch Schwangerschaftsstreifen und Cellulite. Ich bin also ein ganz normaler Mensch und kein Mannequin.“ Sie lacht selbstbewusst. Die 29-Jährige sitzt in ihrer Garderobe in der Frankfurter Festhalle. Ihr grüner Trainingsanzug hängt am Bügel. Sie habe am Morgen etwas zu viel trainiert, sagt sie und erzählt, dass sie in ihrer Freizeit Spinning-Kurse im Fitnessstudio gibt. „Ich bin eine harte Trainerin.“ Gerade aber tourt sie durch Deutschland. Diesmal nicht solo, sondern sie ist Teil der Klassik-meets-Pop-Konzertreihe „Night of The Proms“. The Beach Boys, OMD, Johannes Oerding und John Miles sitzen wenige Türen weiter.

Benannt ist die Tochter eines gebürtigen Nicaraguaners und einer Norwegerin nach der Maria aus der West Side Story. „Meine Mutter war Bühnentechnikerin am Theater und während ihren beiden Schwangerschaften zeigten sie gerade West Side Story. Deswegen heiße ich Maria und mein Bruder Tony.“ Maria Menas Vater ist Schlagzeuger. Im Januar trifft sie sich mit Norwegens größten Musical-Produzenten, erzählt sie. „Er will ein Musical mit meiner Musik machen. Ich werde aber nicht selbst auf der Bühne stehen.“ Gerade ist ihr siebtes Album „Growing Pains“ erschienen. Tiefgründige Lieder über ihren Scheidungsschmerz. Aber auch im Gespräch kommt aus ihrem Mund kein auswendig gelerntes Popstar-Blabla.

Popstar Sam Smith, der den aktuellen Bond-Titelsong singt, ist Ihr E-mail-Freund. Auf seinem Instagram-Account schrieb er über Ihr neues Album: „Ich heule die ganze Zeit. Dieses Zeug ist meine Therapie und meine Seele.“ Woher kennen Sie sich?
Sam entdeckte meine Musik, da war er 16. Wir haben dann später mit dem gleichen Produzenten gearbeitet. Sam fragte ihn nach meiner Email-Adresse. So fingen wir an, uns zu schreiben. Er sagte, dass er beeindruckt von der Ehrlichkeit in meinen Songs ist. Also, dass ich darin auch unschöne Gefühle wie Eifersucht, offen zugebe. Wenn ich jetzt seine Lieder höre, erkenne ich, wie auch er tief in seiner Seele kramt, um seine Musik zu schreiben. Im Laufe unserer Mail-Freundschaft, schoss er in die Charts. Ich las dort seinen Namen und dachte: „Ist das der Sam Smith, also mein E-Mail-Freund? Wie verrückt ist das denn?“ Wir wollten uns schon lange mal persönlich treffen, aber sein Terminplaner ist supervoll. Er schrieb mir: „Mein erster freier Termin ist leider erst in zwei Jahren.“ Ich antwortete: „Super, das passt. Wir sehen uns dann in zwei Jahren (lacht).

Stimmt die Geschichte, dass die Melodien Ihrer Songs beim Träumen entstanden sind? Das klingt ein bisschen nach Hollywood-Märchen…
Das war aber tatsächlich so. Ich habe sehr aktive Träume. Oft träume ich, dass ich Leute schlage, diese aber mich nicht zurückschlagen. Das ist immer in Momenten, wenn ich von ihnen eine Entschuldigung erwarte und keine bekomme. Mein aktuelles Album ist nach der Trennung von meinem Mann entstanden. Das war ein harter Prozess. Zunächst tauchten die Lieder in meinen Träumen auf: In diesen spielte mir meine Kollegin Marit Larsen auf der Gitarre die Melodie meiner aktuellen Single „I don’t wanna see you with her“ vor. Als ich morgens aufwachte, griff ich sofort zu meinem Smartphone und nahm die Melodie auf. Aber erst später, entstand der Text dazu. Ich bin niemand, der schreibt, während er durch den Leidensprozess geht, sondern erst danach: Also erst nachdem ich jedes mögliche Gefühl durchlebt habe und wie ich es bei „Good God“ singe: „Wenn ich genug geweint habe, um den Ozean wiederaufzufüllen“.

Ihr Album zu hören ist wie Ihr Tagebuch zu lesen…
Die Gründe für unsere Scheidung nach zwei Jahren Ehe verrate ich in den Songs aber nicht. Ich deute nur ein paar Dinge an. Ich wusste anfangs nicht wie ich plötzlich alleine leben sollte nach neun Jahren Beziehung. Ich war nie Single und erst 18, als wir zusammenkamen (Anmerk. d. Redaktion: Maria Mena war mit dem Journalisten Eivind Sæther verheiratet).

Wieso haben Sie Ihr siebtes Werk „Growing pains“ also Wachstumsschmerzen getauft?
Wie Sie sicherlich gemerkt haben: Ich bin ein ziemlich großes Mädchen. 1,83 Meter. Ich erinnere mich an Tage in meinem Leben, da schmerzten meine Beine so sehr, dass ich dachte: „Was zum Teufel ist das?“ Ich habe mir diesen bittersüßen Albumtitel sehr genau überlegt. Ich bin mit 29 Jahren noch sehr jung und bin durch einen Wachstumsprozess gegangen, den viele in meinem Alter noch nicht durchlebt haben. Ich habe die Platte gemacht, die ich mir gewünscht hätte, dass sie jemand anderes schon gemacht hätte, als ich selbst durch meinen Scheidungsschmerz ging. Mein Album soll so etwas wie ein Leitfaden für Menschen mit gebrochenen Herzen sein. Die Hauptaussage ist: All der Schmerz, den man durchleidet, ist es wert. Auch wenn man sich anfangs unsicher wie Bambi auf dem Eis fühlt. Bis heute weiß ich nicht, wie das Drehbuch meines Lebens weitergehen wird. Aber im Moment bin ich sehr, sehr glücklich.

Also sind Sie gerade eine glückliche Single-Frau?
Ich habe nicht gesagt, dass ich Single bin (lacht). Aber ich genieße es mittlerweile, auch mal allein zu sein. Gerade bin ich mit vielen tollen Kollegen auf der „Night of The Proms“-Tour unterwegs. Es gibt jeden Abend eine andere Party. Früher war ich feierwütig und gerne überall dabei. Aber jetzt ziehe ich es vor, entspannt im Hotelbett Filme auf meinem Laptop zu schauen. Ich bin nun zu einem dieser introvertierten Menschen geworden (lacht).

Ihren ersten Hit hatten Sie mit 16 Jahren mit dem Song „Lullaby“ (Wiegenlied), indem verarbeiteten Sie die Scheidung Ihrer Eltern. Sie sagten mal in einem Interview, dass Sie zu der Zeit kaum Selbstbewusstsein hatten. Was für ein Mädchen waren Sie damals?
Ich hatte gar kein Selbstbewusstsein. Ich wollte von allen gemocht werden und habe meine Persönlichkeit so verstellt wie mein Gegenüber mich gerne haben wollte. Darin war ich erschreckend gut. Früher habe ich mich fast dafür entschuldigt, dass ich es überhaupt wage, Musik zu machen.

Sie waren dann bei David Letterman eingeladen. Die Performance war schlecht und Sie wurden in die Schublade gesteckt: Das Mädchen kann nicht singen. Was war da los?
Es war keine gute Performance. Punkt. Ich war 18 und litt unter Anorexie: Ich hätte damals sagen sollen: „Ich bin nicht in der Lage bei Letterman aufzutreten.“ Aber ich wollte ja allen gefallen. Das war fatal. Gerade in den USA, wo sich alles um dein Äußeres dreht, und ich hasste zu dem Zeitpunkt wie ich aussah. Ich trug weite Hippie-Klamotten, weil ich mich in meiner Haut unwohl fühlte. Aber diese Erfahrung hat mich geprägt. Ich achte nun viel mehr auf mich.

Wann haben Sie Ihre Magersucht überwunden?
In meinen älteren Liedern habe ich versucht, das zu erklären: Es war eine lange Phase. Mein Körper war vor meinem Kopf gesund. Also ich aß wieder, aber mein Kopf war noch länger krank. Mit 25 ging es mir langsam besser. Anorexie ist der langsamste Suizid, den du begehen kannst: Meine Magersucht hatte nichts damit zu tun, dass ich schön sein wollte. Das ist in den wenigsten Fällen der Auslöser. Meinen Grund will ich nicht sagen. Aber man bestraft sich selbst, obwohl man auf jemanden anderen wütend ist. In meiner Freizeit kümmere ich mich inzwischen als Coach um Mädchen, die unter Magersucht oder Angststörungen leiden.

Sie sind wie Pharrell Williams auch Synästhetiker. So nennen Wissenschaftler das einzigartige Phänomen, wenn Menschen Buchstaben, Zahlen oder Lieder farbig sehen…
Jeder Song hat eine oder zwei Farben: „Leaving you“ ist für mich blau und violett. Meine Alben sind erst fertig, wenn alle Farben des Regenbogens darauf vereint sind. Ich klinge wie eine Irre (sie lacht laut), aber so arbeite ich. Moment. (Sie lächelt). Ich habe gerade einen glücklichen Moment. Okay, weiter. Das passiert mir manchmal. Wenn ich jemanden küsse, sehe ich im Übrigen Straßen.

Interview: Kathrin Rosendorff

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen