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Maria Elena Holly Die ewige Witwe

Sie trauert seit dem 3. Februar 1959, dem Tag, "an dem die Musik starb": Wie Maria Elena Holly es erträgt, immer wieder Doppelgänger ihres Mannes Buddy Holly zu treffen. Von Christian Bos

Für das "Buddy"-Musical auf PR-Tour: Maria Elena Holly. Foto: Franz Schwarz

Als sie Buddy Holly zum ersten Mal begegnet, lebt Maria Elena Santiago erst seit zwei Wochen in New York. Ihr Vater hat sie aus der puertoricanischen Heimat zu einer Tante in die US-amerikanische Metropole geschickt, wo sie an der Rezeption eines Musikverlages im siebten Stock des berühmten Brill Building arbeitet. Den Rock´n´Roller mit der Hornbrille und dem Schluckauf-Gesang, der zu dieser Zeit schon Welthits wie "That´ll Be The Day" und "Peggy Sue" geschrieben hat, kennt sie nur als Namen auf den Singles, die sie jede Woche an Radio-Discjockeys verschickt.

An einem Junitag im Jahr 1958 steht Buddy Holly dann leibhaftig vor ihrem Schreibtisch. Sie erkennt ihn nicht. Aber es macht "Boom" und sie verliebt sich sofort in den Mann mit der Tolle. "Sie haben einen Akzent", stellt der junge Texaner trocken fest. "Sie ja auch", pariert Maria Elena - und prompt lädt Holly sie zum Lunch ein. Sie lehnt ab, denn der Verlag hat es seinen Angestellten verboten, mit den Künstlern auszugehen. Doch als sie am Mittag mit einer Kollegin das Howard Johnson-Diner betritt, wartet der Musiker dort an einem Tisch. "Da wollte ich mein Sandwich mit ins Büro nehmen", erzählt Maria Elena, "aber Buddy kam einfach mit, sagte, er hätte seine Gitarrensaiten dort liegen gelassen. Auf dem Weg fragte er mich, ob ich mit ihm zu Abend esse."

Der Beginn ihrer Romanze liegt über 50 Jahre zurück. Fast genauso lange ist Maria Elena Holly schon Witwe, viel länger als andere berühmte Witwen wie Priscilla Presley und Yoko Ono. Seit dem 3. Februar 1959, dem Tag, an dem - wie Don McLean in "American Pie" sang - die Musik starb. Als die rote Beechcraft Bonanza mit Buddy Holly und seiner Band an Bord auf einem überfrorenen Feld irgendwo in Iowa zerschellte und der junge Rock´n´Roll-Gott mit gerade mal 22 Jahren starb. Zu dieser Zeit waren Maria Elena und Buddy Holly noch nicht einmal ein halbes Jahr verheiratet.

Seitdem trauert sie, auch heute noch, mit 74 Jahren. Und sicher auch an diesem kalten Tag in Köln, an dem sie für die Neuinszenierung der "Buddy Holly Story" im Essener Colosseum Theater wirbt. Maria Elena Holly verteilt artig Komplimente, wie sie es schon viele Male getan hat. Obwohl sie friert, herzt sie für die Fotografen den jungen Holly-Darsteller Dominik Hees.

Fragt man sie, wie es ist, immer wieder dem ewig jungen Musical-Ebenbild ihres toten Mannes zu begegnen, sagt sie: "Ich habe in den vergangenen 20 Jahren viele Buddy Hollys gesehen. Und jeder war ein bisschen anders." Will man wissen, ob es ihr nicht schwer fällt, immer wieder zurückschauen zu müssen, antwortet sie nur knapp: "50 Jahre später erinnern sich die Leute immer noch an Buddy Holly und hören seine Musik. Das war Buddys Traum. Das ist Trost genug."

So, wie auch die Fans ihr Idol nicht vergessen können, scheint sich Maria Elena Holly an alles zu erinnern, was sie in den sechs Monaten mit Buddy Holly erlebt hat. Sie weiß noch den Namen des Restaurants, in das der texanische Teenie-Schwarm die junge Frau aus Puerto Rico einlud; dass es ein Freitag war; dass sie nur Wasser bestellte und dass Holly einem Mädchen hinterher lief, das Blumen verkaufte. "Dann kam er zurück an unseren Tisch, zog eine Rose hervor und fragte: Willst du mich heiraten?" - "Jetzt gleich, oder sollen wir erst noch essen?", konterte Maria. Sie kannten sich ja erst fünf Stunden.

Aber Holly meint es ernst. Am nächsten Tag fährt er bei ihrer Tante vor und hält um Marias Hand an. "Meine Tante sagte ihm, dass er bis Montag warten müsse, aber Buddy drängte: Ich habe keine Zeit! - Das war einer seiner Lieblingssprüche." Am 15. August 1958 heiraten die beiden in Hollys Heimatstadt Lubbock in Texas.

Dort fühlt sie sich nicht wohl. Sie begegnet in Lubbock zwar auch vielen freundlichen Menschen, bekommt aber immer wieder zu spüren, dass sie als Puertoricanerin unerwünscht ist. Von den gemeinsamen Zeiten mit Buddy in New York wiederum kann Maria Elena Holly nur schwärmen: "Wir waren einander so nahe, beendeten immer die Sätze des anderen." Sie wohnten am Washington Square Park. Oft sei Buddy mitten in der Nacht aufgewacht, um ein, zwei Uhr, mit der Idee zu einem Song. Dann zog er einen Mantel über seinen Pyjama und ging in eines der nahe gelegenen Cafés, lauschte anderen Musikern und Dichtern. Es war eine aufregende Zeit, sagt sie.

Manche Termine belasten sie

Später heiratete die junge Witwe wieder, einen sehr viel älteren Mann, einen Freund der Familie. "Ich sagte ihm offen, dass ich ihn nicht lieben könnte, dass ich schon jemand anderen liebte." Buddy Hollys Nachfolger hatte es schwer: "Ich lebe zusammen mit einem Geist", soll er geklagt haben. Das Paar bekam drei Kinder, dann ließ es sich scheiden.

Heute lebt Maria Elena Holly in Dallas. Und obwohl sie häufig in New York ist, hat sie nie wieder das Apartment besucht, in dem sie mit Buddy lebte. Erst als sie 2008 eingeladen wurde, ein Holly-Denkmal im Washington Square Park einzuweihen, spazierte sie mit einem Freund durch ihr altes Viertel. Und stand plötzlich vor dem Gebäude an der Ecke neunte Avenue, fünfte Straße. "Da überkam mich eine große Traurigkeit, ich sah Buddy vor meinem geistigen Auge. ,Du bist also endlich gekommen, um mich abzuholen´, sagte er." Ein Mann erkannte sie, bat sie nach oben, in den vierten Stock, wo sie gewohnt hatten. "Aber ich konnte nicht. Und als ich wieder auf die Straße ging, fühlte ich, dass Buddy mit mir ging."

Maria Elena Holly ist sichtlich aufgewühlt, traurig und glücklich zugleich. Ihre Augen glänzen - und das liegt nicht am eisigen Wind, der um den Dom weht. Ja, doch, sagt sie jetzt, manchmal seien sie schwer, diese Pressetermine und die Probenbesuche von noch einer Inszenierung der "Buddy Holly Story" mit all den jungen, lächelnden Menschen, die zu "Peggy Sue" tanzen.

"Jetzt gehe ich allein zurück in mein Hotelzimmer", verabschiedet sich Maria Elena Holly, "und dann werde ich ihn bei mir haben wollen, hier und jetzt."

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