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Margot Kässmann im FR-Interview „Jetzt bin ich erst mal weg“

Am Samstag fliegt sie in die USA, wo sie vier Monate lang an der Emory University unterrichten wird: Margot Käßmann über ihre Studien in Atlanta, Aufbrüche und ihren Kultstatus.

27.08.2010 16:06
Margot Käßmann am Freitag in ihrem leer geräumten Büro in Hannover. Heute fliegt sie in die USA. Foto: Stefan Kröger

Am Samstag fliegt sie in die USA, wo sie vier Monate lang an der Emory University unterrichten wird: Margot Käßmann über ihre Studien in Atlanta, Aufbrüche und ihren Kultstatus.

Frau Käßmann, Sie sitzen auf gepackten Koffern. Was nehmen Sie mit in die USA?

Das Wichtigste – bei Frauen ganz normal – ist die Kleidung. Noch sind es in Atlanta 32 Grad, im November können die Temperaturen aber auch bis auf null runtergehen. Da ist bei 23 Kilo Obergrenze beim Reisegepäck eine Entscheidung angesagt. Ansonsten geht natürlich der Laptop mit.

Bücher?

Nicht viele. Davon gibt es in der Unibibliothek genug.

Bedeutet die Beschränkung für Sie auch eine Art Entrümpelung?

Entrümpelt habe ich im Wesentlichen schon, als ich die Bischofswohnung in Hannover verlassen habe. Eingezogen bin ich dort 1999 mit einer sechsköpfigen Familie, ausgezogen jetzt allein. Da habe ich mich von enorm viel getrennt, vom Puppen- bis zum Kinderbilderbücher-Aussortieren. Das war auch der Abschied von der Familiensituation, und dafür habe ich auch richtig Zeit gebraucht.

Was haben Sie mit den Sachen gemacht?

Alles, was ich nicht in meine neue eigene Wohnung mitgenommen habe, habe ich an „Fairkauf“ gegeben. Ein großartiges Projekt der Diakonie hier in Hannover: Sie geben Ihre Sachen dort ab, und sie werden zu kleinen Preisen verkauft. Daraus entstehen Arbeits- und Ausbildungsplätze.

Vier Monate USA – schwingt da ein Gefühl von Flucht mit?

Flucht? Bestimmt nicht! Jede hannoversche Pastorin kann nach zehn Dienstjahren ein dreimonatiges Kontaktstudium absolvieren, um nach der Zeit der Praxis wieder an die theologische Wissenschaft anzuknüpfen. Ich werde im Oktober 25 Jahre im Amt sein, habe so etwas aber noch nie gemacht. Insofern ist das jetzt eine Riesenchance, auf die mich sehr freue.

Das Kontaktstudium dient dem Lernen, Sie dagegen sollen ja lehren. Was eigentlich genau?

Die Emory University verbindet mit ihrer Einladung zu einer Gastprofessur, dem Candler Chair, an mich nicht die Erwartung, dass ich im regulären Angebot Seminare gebe oder Vorlesungen halte. Die Universität möchte, dass ich zur Verfügung stehe. Ich soll einmal wöchentlich einen Vortrag in der Universität halten und zusätzlich auf Einladung anderer Institutionen sprechen. Davon habe ich inzwischen schon eine ganze Reihe vorliegen, zum Beispiel vom deutschen Department der Universität, von einem Friedensinstitut in San Diego, von Gemeinden auch. Die Universität hat ein hervorragendes Reformationsarchiv. Die bevorstehende 500-Jahr-Feier des Reformationsbeginns 1517 soll darum auch in meinen Vorträgen eine Rolle spielen. Und am Reformationstag Ende Oktober werde ich den Gottesdienst an der Universität halten.

Was sagt den Studenten dort der Name Margot Käßmann?

Die Dekanin hat mir gerade gemailt, dass sich mein Kommen jetzt herumzusprechen beginne. Die Uni hat wohl eine Pressemeldung dazu veröffentlicht, und es gebe ein ganz großes Interesse.

Sie kommen in das Land des Irak- und des Afghanistan-Kriegs. Sie kommen in ein Land mit massivem christlichem Fundamentalismus. Ist das für Sie politisch und kirchlich nicht auch eine Art Kampfeinsatz auf feindlichem Gelände?

Es gibt in den USA sehr viele theologische Strömungen. Die methodistische Kirche, die die Emory-University trägt und zu der ich seit Jahren Kontakt habe, ist in ihrem Denken ganz bestimmt nicht eng. Die Forschungssituation ist hervorragend – wie an vielen amerikanischen Universitäten, die Arbeitsmöglichkeiten in deutlich kleineren Gruppen anbieten als die deutschen theologischen Fakultäten. Natürlich möchte ich auch schauen, wie Christen in Atlanta, der Stadt Martin Luther Kings, heute mit der Friedensfrage umgehen, was sie zum Afghanistan-Einsatz sagen...

... und ihnen Ihre eigene pazifistische Position ähnlich klar vortragen, wie Sie das in Deutschland getan haben?

Ich werde mit meinem Standpunkt nicht hinter dem Berg halten. Das ist, glaube ich, auch gar nicht gewünscht. Vielmehr geht es ja um meinen Beitrag zu einer gut protestantischen Debattenkultur.

Dieser Beitrag wird aber – bei allem Interesse – viel stärker inkognito sein als in Deutschland.

Meinen Sie, ich bedauere das? Im Gegenteil: Gerade auch darauf freue ich mich. Ich finde es angezeigt, dass jetzt einmal etwas mehr Ruhe einkehrt in mein Leben und dass ich nicht andauernd unter Beobachtung stehe.

Sie lehnen für sich einen „Kultstatus“ ab. Darüber entscheiden aber gemeinhin nicht die Prominenten, sondern deren Fans.

Jetzt bin ich ja erst einmal eine Zeit lang weg. Danach habe ich mit der Gastprofessur in Bochum noch einmal die Chance eines Übergangs, der Suche nach langfristigen Perspektiven für meine Arbeit. Nach vielen Jahren, in denen ich täglich Pflichtprogramm absolviert habe, ist das jetzt eine Zeit der Kür. Ich bin dankbar, dass ich in aller Freiheit die Frage stellen kann: Wohin geht die Reise?

Interview: Joachim Frank

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