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Manga Kommerz? Kunst?

Die Manga-Revolution kam in den 90er Jahren fast nebenbei, nun erfinden sich die Mangas digital neu.

Cosplay in Bonn
Cosplay in Bonn Foto: rtr

Die Revolution kam so nebenbei und ging auch scheinbar spurlos an der Öffentlichkeit vorbei. Aber als in den 90er Jahren die japanischen Comics, die Manga (Singular wie Plural), auf den nordamerikanischen und von dort aus dann auf den europäischen Publikationsmarkt schwemmten, veränderten sie die Populärkultur der nördlichen Hemisphäre wie kaum etwas zuvor, vielleicht mehr als Rock’n’Roll, Jeans und Coca Cola aus den USA.

Während der Comics-Markt ein (meist auskömmliches) Nischendasein führt, macht sich die Ästhetik der Manga in fast jedem visuellen Lebensbereich breit – eben so wie in Japan selbst. Dass ausgerechnet in Frankreich, wo die hochkarätigen „bandes dessinées“ als „neunte Kunst“ längst Mainstream sind, die Manga-Produktionen in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts über 40 Prozent der jährlichen Neuerscheinungen erreichten und nun mehr gelesen werden als die „bédés“ – das ist da schon eine olle Kamelle.

Die nächste Revolution läuft bereits, wieder weitgehend unbemerkt, denn sie kommt per App, direkt auf den Bildschirm des Smartphones. Ende Februar vermeldete die „All Japan Magazine and Book Publisher’s and Editor’s Association“, dass 2017 die Verkaufszahlen digital verbreiteter Manga erstmals die der gedruckten übertroffen haben. Nach einer Erhebung des japanischen „Research Institute for Publications“ stieg der Verkauf digitaler Manga um 17,2 Prozent – auf umgerechnet rund 1,6 Milliarden US-Dollar, allein nur in Japan. Der Verkauf gedruckter Manga hingegen fiel um etwas mehr als 14 Prozent. Das bestätigt Annahmen früherer Jahre und bekräftigt die Verlage in ihrem eingeschlagenen Weg. Der ist gepflastert von gratis vertriebenen Manga via Handy.

Wirtschaftlich ergab das durchaus Sinn: Der weltweite Markt stagnierte seit Jahren. In einst reinen Importländern (USA, Frankreich, Deutschland) wuchsen eigenständige Manga-Produktionen heran, die große Leserschaft der frühen Jahre (so 1995 bis 2005) entwuchs der massenhaften, sich wöchentlich abwechselnden Manga-Lektüre, elektronische Unterhaltungsmedien nahmen immer mehr zu. Also druckte man nicht einfach immer mehr Manga, sondern lancierte kurze Strips oder Geschichten via Telefonie.

Das war konsequent, denn aus den Manga hatten sich die Animes, die Trickfilme (die in Deutschland mit „Heidi“ und „Biene Maja“ ihre ersten großen Auftritte hatten) entwickelt, die zunehmend auf mobilen Endgeräten konsumiert werden. Also konnte man auch das Original digital vertreiben. Da wurden dann auch manche, vielleicht zu gewagte Stories ausprobiert, bevor man die Druckkosten tätigte. Vor allem aber gab es Manga gratis oder per Discount. Bis genug Leser/User bereit waren, auch zu zahlen. Seit 2017 ist das der Fall. Der Gesamtmarkt stagniert zwar weiter, doch die Profite werden größer, da die Druckkosten fallen. In vielen Fällen aber geht das auf Kosten der Kunst. Denn das Lesen von Manga wie von Comics allgemein erfordert das Visualisieren einer Seite oder Doppelseite. Das funktioniert nur auf den größeren Tablet-Computern, nicht auf Handys. 

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