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Madrid Die Königin der Nacht

Madrid ist laut, bunt, hell. Auch wenn die Sonne längst untergegangen ist. Einheimischer und Ausländer, Jung und Alt – gefeiert wird hier zusammen. Auch FR-Korrespondent Martin Dahms hat sich ins Getümmel geworfen.

Feiernde in Madrid
„Hör mal, Schöne, tanzt du?“ – Mit solchen Sprüchen kann Belén (2. v. r.) nichts anfangen. Foto: Martin Dahms

Die Sonne gießt ihr Abendlicht über die Stadt. Man muss ja nicht erst kurz vor Mitternacht zu Abend essen gehen, halb neun geht auch, da bekommt man eh leichter einen Tisch und kann von hier oben über Madrids vergoldete Dächer schauen. „Erinnerst du dich?“, fragt Ana ihren Mann Bernardo, „das Cine Doré hatte eine Dachterrasse, und du konntest einen Film sehen und was trinken.“ „Spektakulär“, stimmt Bernardo zu. „Heute wird auf jedes Gebäude, bei dem es geht, eine Terrasse oben draufgesetzt“, bemerkt Ana. Und das ist, wie hier im Gymage im Altstadtviertel Malasaña, immer noch: spektakulär.

Ana und Bernardo sind 58 und 56 Jahre alt, und während sie vom Schwertfischcarpaccio nehmen, können sie nicht anders, als sich an frühere Zeiten zu erinnern. An die Movida in den 1980er Jahren, an den kreativen Aufbruch nach dem Ende der Franco-Diktatur, ans Rock-Ola, wo man Pedro Almodóvar treffen konnte. „Ich gebe das glücklich verloren“, sagt Ana, „das ist eine vergangene Epoche.“

Und die Gegenwart, glaubt Bernardo, hat einen Vorteil: „Wir sind die erste Generation in Spanien, die in unserem Alter weiter ausgeht.“ Madrid weist niemanden ab. Die Generationen vermischen sich, so wie hier oben auf der Gymage-Terrasse. „Das Besondere an der Madrider Nacht ist, das alle gut drauf sind“, sagt die 23-jährige Vanessa, die in einer Sitzecke am Terrassenrand mit drei Freunden eine Shisha-Pfeife genießt. Die Nacht ist schon da. Wo gerade noch die Sonne war, glimmt jetzt der Abendstern.

Sogar der Restaurantmanager ist bester Laune: „Ich genieße es, dass die Gäste genießen“, sagt der freundlich zurückhaltende Kike. Gerade nachts sei höfliche Bedienung erstes Gebot, der Alkohol bringe die Leute in Fahrt, auch die Spanier betrinken sich, „sie lassen es sich nur nicht so anmerken, der Ausländer ist ungehemmter“. Hier kommen Leute von überall her. „Was du in Madrid am wenigsten siehst, sind Madrider“, meint Kike. Jedenfalls keine gebürtigen. Man wird aber schnell zum Madrider, egal woher man kommt. Selbst als Besucher.

Maximiliano kommt aus Rom, der 23-Jährige ist Barmann im José Alfredo, einer der besten Cocktailbars in Madrid gleich um die Ecke vom Gymage. „Madrid ist die Zukunft“, sagt er, während er Gin aus Mahón mit Zitronensaft, Limettentonic, Thymiansirup und Absintharoma mixt. „Madrider Nächte sind länger als die in Rom, und alles konzentriert sich in der Innenstadt. Hier kannst du ohne Angst überall hingehen.“ Und das tun die Leute auch. Meistens sind die Straßen so voll, dass man glaubt, um die nächste Ecke auf ein Volksfest zu stoßen. Im Hochsommer ist es ruhiger. Etwas.

Im Brindis singt Cristian gerade aus voller Lunge „American Pie“, ein Klassiker. „Ich singe wie der Arsch“, sagt er hinterher, was gelogen ist, „aber ist ja kein Wettbewerb.“ Das Brindis ist eine Karaokebar in einer Seitenstraße der Gran Vía, so ewas wie dem Ku’damm von Madrid. Was die Ausstattung an Charme vermissen lässt, machen die aufgedrehten Gäste wett. Wer gerade nicht selber singt, feuert die Sänger an.

Als sich einer an den „Ketchup-Song“ wagt, brüllen und tanzen alle mit. „Hier hast du die bunte Mischung an Leuten“, sagt der 30-jährige Cristian, der sich als Chilene und Holländer vorstellt. „Ich komme mit meinen Freunden her, bevor die Fiesta richtig losgeht.“ Es ist 2 Uhr nachts: „callejear“, was sich mit „Straße machen“ übersetzen lässt. „Wir Madrider lieben es, in die Stadt rauszugehen, callejear.“

Und wie flirten sie? Vor dem Brindis steht eine Gruppe von Freundinnen zusammen, sie feiern Junggeselleninnenabschied. Die 29-jährige Belén aus dem andalusischen Granada findet die Madrider bei der Anmache ein bisschen zu cool. „Hier sagen sie: ‚Hör mal, Schöne, tanzt du?‘ In Granada dagegen: ‚Huy, du bist doch eine Freundin meiner Kusine von der und der Schule‘ – und auch wenn es gelogen ist, kommt es natürlicher rüber.“

Die Madrider können aber auch einfach ganz schüchtern sein. Dafür steht im Joy Eslava, einem Diskothekenklassiker in einem ehemaligen Altstadttheater, Vania Vainilla bereit, eine herzensfreundliche Dragqueen mit blonder Mähne und unwahrscheinlichen Kurven. „Wenn ich hier eine Gruppe Jungs sehe und dort eine Gruppe Mädchen, muss ich sie zusammenbringen“, sagt sie mit unschuldigem Lächeln. „Es gibt keine hässlichen Frauen und keine hässlichen Männer, nur zu wenig Alkohol.“ Und als ob sie sich über sich selbst erschräke: „Das ist ein Scherz!“

Auf alle Fälle ist jetzt nicht mehr der Moment für tiefsinnige Gespräche. Die Musik wummert, die Leute tanzen und trinken, und vielleicht versuchen sie auch zu flirten. Und danach gehen sie nebenan in die Chocolatería San Ginés, die hat rund um die Uhr geöffnet. Da gibt es Chocolate con Churros, süß und kalorienreich. So endet die Nacht. Nur Müdigkeit will sich immer noch nicht einstellen. Madrid hält wach.

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