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Madrid Das Chaos bleibt aus

Madrid beschränkt den Autoverkehr in der Innenstadt. Und trotzdem bricht kein Chaos aus. Die konservative Opposition kann es kaum fassen.

A police traffic officer prohibits a scooter driver from entering the center of Madrid
Halt! Da geht’s lang! – Ein Polizist signalisiert einem Rollerfahrer, dass die Zufahrt zum Stadtzentrum nicht möglich ist. Foto: rtr

Der originellste Protest fiel David Pérez ein, dem Bürgermeister der Madrider Vorstadt Alcorcón. Er veröffentlichte auf Twitter vier Fotos vom Mauerbau 1961 in Berlin und schrieb dazu: „Die Kommunisten errichten gerne Mauern und verhindern, dass sich die Menschen frei bewegen.“ 

Das war sein Kommentar zu den Verkehrsbeschränkungen in der Madrider Innenstadt, die am vergangenen Freitag in Kraft getreten sind. Die spanische Hauptstadt wird seit ein paar Jahren von einem linksalternativen Wahlbündnis regiert, also von Kommunisten aus Sicht des konservativen Vorstadtbürgermeisters, und die verbieten eben gerne. Nun sogar die freie Autofahrt durch die Innenstadt. Das konnte nur „absolut im Chaos“ enden, raunte ein anderer konservativer Regionalpolitiker am Donnerstag. Tat es dann aber doch nicht.

Madrid ist sehr lange eine außerordentlich autofreundliche Stadt gewesen. Noch bis Anfang der Nullerjahre konnte man fast überall umsonst parken, weswegen die Straßen von Autos auf der Suche nach einer freien Stellfläche verstopft waren, und notfalls parkte man auch in der zweiten Reihe. Erst ganz langsam begann ein Umlernprozess der Lokalpolitik. Den Autofahrern wurde das Leben Stück für Stück ein bisschen schwerer gemacht, aber nie allzu schwer. Bis heute gibt es nur eine Handvoll Fußgängerstraßen in der Innenstadt, Radwege sind noch immer exotische Ausnahmen, und Zufahrtsbeschränkungen für Autos blieben auf wenige Altstadtviertel beschränkt. Bis zu diesem Freitag. 

Jetzt ist die gesamte, rund fünf Quadtrakilometer große Innenstadt für Durchfahrten gesperrt. Das ist noch nicht die ganz große Revolution. Aber für die verwöhnten Madrider Autofahrer Revolution genug. Dachten alle. Aber dann erwiesen sich diese Autofahrer als ziemlich brav.

„Es scheint, als wären sie aus der Stadt verschwunden“, bemerkte eine verblüffte für die Verkehrskontrolle zuständige Funktionärin der Stadt Madrid am Freitag gegenüber der Tageszeitung El País. „Wir werden schauen müssen, wo sie geblieben sind.“ Der Autoverkehr war nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den angrenzenden Vierteln spürbar zurückgegangen. Statt Chaos überall flüssiger Verkehr. Die öffentlichen Busse waren im Zentrum um ein Viertel schneller unterwegs als sonst. Das Rathaus dankte den Bürgern für ihr „beispielhaftes Verhalten“.

In Wirklichkeit hatte sich nicht nur die konservative Opposition, sondern auch die linke Stadtregierung Sorgen gemacht, dass die neuen Beschränkungen ins große Chaos führen könnten. Dass sie es in diesen ersten Tagen nicht taten, mag daran liegen, dass die neuen Regeln so kryptisch formuliert sind, dass bis heute noch kaum jemand begriffen hat, was jetzt eigentlich erlaubt ist und was nicht. Weswegen viele Autofahrer sicherheitshalber zuhause blieben oder die Metro oder den Bus nahmen. 

Es scheint, als könnten die Madrilenen mal durchatmen

Dabei mussten sie noch nicht einmal Bußgelder befürchten: Die sollen frühestens ab März kommenden Jahres erhoben werden. Dann sollen auch die automatischen Kontrollsysteme an den Zufahrtstraßen zur Innenstadt in Betrieb sein. Dieser Tage stehen als Ersatz noch freundliche Polizisten auf der Straße und klären alle Zweifel auf. Wo nun kein Chaos ausgebrochen war, schimpfte die konservative Volkspartei stattdessen, das ganze Programm sei ein „Fake“, eben weil es an effektiven Kontrollen fehle.

Es ist aber kein Fake. Auch wenn die Regeln im einzelnen nicht ganz leicht nachzuvollziehen sind, ist den meisten Madridern doch das Grundprinzip klar: die Innenstadt bitte meiden. Jegliche Durchfahrt ist verboten, und wer ins Zentrum hineinfährt, darf nicht mehr am Straßenrand, sondern nur noch in Garagen parken. Und Besucher mit Altwagen – Benziner bis zum Jahr 2000 und Diesel bis 2006 – müssen ganz draußen bleiben. In der Vergangenheit hat Madrid immer wieder die europäischen Grenzwerte für Luftverschmutzung überschritten. Es sieht ganz danach aus, als könne die Stadt in Zukunft etwas besser durchatmen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Spanien

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