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Lügenmuseum April, April!

Am 1. April wird gescherzt und geschummelt, dass sich die Balken biegen. Bernhard Honnigfort hat sich im Lügenmuseum in Sachsen umgesehen.

Lügenmuseum
Nicht nur am 1. April einen Besuch wert: Ein klapperndes und ratterndes Universum aus kleinen Maschinen und Installationen. Foto: André Wirsig

Am Anfang ist der Tee. Ein zartes Tässchen voll, der Inhalt duftet nach Wiese, ist leicht grün und gewiss unglaublich gesund. Das Rezept stammt von Hildegard von Bingen – von wem sonst –, ist also mehr als 900 Jahre alt. Das Tässchen Tee wärmt nicht nur den Bauch, sein Genuss soll auch magische Kräfte verleihen, nämlich Lügen von Wahrheiten unterscheiden helfen. Also etwas sehr Nützliches tun in diesen Zeiten.

Das erzählt jedenfalls Reinhard Zabka. Er schenkt den Tee aus, er muss es wissen. Er kennt sich aus mit Lügen, mit Wahrheiten und mit all dem Grautönigen, was dazwischen unterwegs ist. Zabka, Jahrgang 1950, ist ein freundlicher Herr, der seit einigen Jahren in Serkowitz lebt, einem Ortsteil von Radebeul bei Dresden.

Dort betreibt er ein Lügenmuseum, jedenfalls heißt es so und ist wahrscheinlich das einzige seiner Art in Deutschland. Das Lügenmuseum war einmal ein prächtiger Gasthof, der nach der Wende lange leer stand. Als angeblich irgendwelche Neonazis einziehen wollten, gab der Radebeuler Bürgermeister lieber dem Herrn Zabka den Zuschlag für das Haus. Das war 2012. Vorher lebte Zabka mit seiner Frau Dorota und seinem Lügenmuseum in Gantikow, einem Ortsteil von Kyritz in der Prignitz in Brandenburg. Aber da machte er pleite.

Am Anfang ist neben dem Tee auch immer das Serkowitzer Orakel, eine große Holzscheibe voller Zabkascher Lebensweisheiten. Also einmal gedreht, es rattert, kommt zum Stillstand. Und? „Früher war die Zukunft auch besser.“ Noch einmal gedreht, es rattert, kommt zum Stehen: „Eine Lüge setzt immer die Kenntnis der Wahrheit voraus.“

Vielleicht der richtige Ort, um etwas mehr über das Lügen seit Adam und Eva und besonders in heutigen Zeiten zu erfahren. Vielleicht weiß Herr Zabka ja, wie man zurecht kommt im postfaktischen Zeitalter, in dem wir alle angeblich angekommen sind, seit sich auf Facebook, Twitter und in anderen Unterwelten des Internets Blasen gebildet haben.

Blasen, in denen alternative Fakten (Kein Klimawandel!) gedeihen, Verschwörungstheorien (Merkel ist ein Alien!) vor sich hin gären und in den USA ein Präsident am Smartphone ist, der nicht nur ständig Mitarbeiter rausschmeißt, den ganzen Tag Fernsehen guckt und twittert, sondern, so haben es immerhin die „Washington Post“ und auch die „New York Times“ gezählt, etwa fünf Mal pro Tag die Unwahrheit seit seiner Wahl im November 2016 gesagt hat. Fünf Mal am Tag. Angeblich haben ja Wissenschaftler herausgefunden, dass wir alle etwa 200 Mal pro Tag lügen, wobei nicht ganz klar ist, wer das wann genau so herausgefunden haben will. Jedenfalls steht es so im Internet. Und nicht klar ist auch, was alles Lüge ist. Was gerade schon und was nicht mehr: Auch das „Guten Tag“ an den Nachbarn, den man eigentlich gar nicht leiden kann? Was ist mit den Grautönen, dem „Die Jacke steht dir wirklich sehr gut“-Flunkern? Im Grunde, da ist sich die Wissenschaft wohl tatsächlich einig, ist das Lügen eine Art Schmieröl, was das Leben der Menschen erträglicher macht. Weil Menschen lieber als die Wahrheit genau das hören wollen, was ihnen gefällt. Wenn man es nicht übertreibt.

„Wir leben in wirren Zeiten“, sagt jedenfalls der Herr Zabka aus Serkowitz. Als er das sagt, steht er neben einer Vitrine, in der ein Wanderschuh Theodor Fontanes liegt. Ein morscher Rest Schuh in Wahrheit, mit Moos bewachsen und in Erinnerung an dessen Wanderungen durch die Mark Brandenburg dort gesucht und gefunden. Etwas entfernt liegt das Ohr, das sich Vincent van Gogh einst im Wahn absäbelte. In einer Ecke steht eine rostige Schreibmaschine. Es ist die von Hitlers Frau Eva Braun. Oder doch nicht?

Was ist Lüge, was Wahrheit? Zabkas Museum jedenfalls ist nichts davon und beides, ein klapperndes und ratterndes Universum aus kleinen Maschinen, aus Installationen wie einem Karussell aus Zahnbürsten, angetrieben von einem alten Plattenspieler. Aus Vitrinen, angefüllt mit herrlichem Quatsch wie der „Himmelsscheibe von Serkowitz“ oder dem „Wunder vom Gülper See“. Es macht gute Laune und ist so wissenschaftlich wie ein Hundekorb.

„Das Lügenmuseum ist eine Wolke von Vergnügen“, sagt Herr Zabka. „Streitend und flunkernd aus dem Unbehagen vor und nach dem Mauerfall“ entstanden. Eine Welt, in der nichts stimmt, aber alles zum Lächeln ermuntert. Ein wunderbares altes leicht schummeriges Gasthaus, in dem man allerbestens graukalte Vorfrühlingstage verbringen kann, ein Museum des freundlich Absurden.

Und Trump? All die Spinner? Die Wütenden? Hat der Herr Lügenmuseumsdirektor eine Meinung dazu entwickelt? „Die Welt ist eine Schulung“, sagt Herr Zabka. Seine Erfahrung aus seinen 39 Jahren DDR-Leben: „Keine Wut haben.“ Herr Zabka ist Erfurter, wurde zu DDR-Zeiten ein Berliner Untergrundkünstler, der aus Protest seine Kunstwerke zersägte und neu zusammensetzte. Nach dem Mauerfall dann verließ er Berlin und wurde Museumsdirektor in eigener Sache.

Es geht um gute Geschichten

Nun spricht er wie ein Guru. Er sitzt in seinem Wohnarbeitszimmer, isst vergnügt ein Honigbrötchen, trinkt Kaffee, knotet seine Haare zu einem Dutt, eine dicke Katze saust unter dem Tisch durch. „Das Wichtigste in diesen wirren Zeiten: keine Wut haben, sondern Wut umformen.“
Umformen? Pegida in Dresden, erzählt er, „ist wie Dadaismus. Sinnfreies Geschrei.“ Er erzählt von dem Ärger, den es in Dresden gab, als drei Busse hochkant neben der Frauenkirche standen, ein Mahnmal, das an den Krieg in Syrien erinnern sollte, an Busse in Aleppo, die als Sichtschutz gegen Scharfschützen dienten. Letztes Jahr im Juni stand auch Herr Zabka mit seinem Kunstkram neben der Frauenkirche und formte anderer Leute Wut um. „Was muss unser Neumarkt noch alles aushalten?“, stöhnte die „Bild“-Zeitung. Zabka hatte Kunstwerke aufgebaut und wer wollte, durfte mit Bratpfannen darauf werfen, was dann auch ausgiebig passierte.

Wahrheit und Lüge? „Darum geht es nicht mehr“, sagt er. „Die Frage lautet: Wie erhalten wir unser heiteres Herz?“ Es gehe heutzutage um gute Geschichten, ums gute Geschichten erzählen. Der Lügner sei der fantastischste Geschichtenerzähler überhaupt. Siehe Oscar Wilde, siehe Donald Trump. „Und wir? Wie schaffen wir es, dass man uns nicht die Butter vom Brot nimmt?“, fragt Herr Zabka mit dem Honigbrötchen in der Hand.

Einmal abgebissen und gründlich gekaut, dann: Mit guten Ideen, mit guten Aktionen, beantwortet er seine Frage selbst, während er vergnügt den Rest der Brötchenhälfte betrachtet. Mit Kunst, mit Umformen von Zorn und Wut und tief versteckten Fragen in Aktion und Miteinander und mit Antworten. Beim Radebeuler Weinfest letztes Jahr habe er mit den Grünen eine Bude aufgestellt. „Reparaturwerkstatt statt Demokratie“, stand vorne dran. Und auf tausend Zetteln simple Fragen wie: „Was ist kaputt?“ Ganz einfach, nicht mehr, nicht weniger. Am Ende kamen die Grünen vor lauter Zuhören und Reden kaum zum Wein trinken.

Beim Rundgang durch sein Museum ist er an einem Schrank angekommen. Tür auf, zack, innen geht ein Licht an, Elvis Presley. Der King. Er lebt noch. In Serkowitz abgetaucht, war ja klar.
Aber Herr Zabka, das darf nicht verschwiegen werden, hat auch Ärger. Ärger, den er prima in Bratpfannenwürfe umformen könnte: Sachsens Kulturbürokratie ist nicht sein Freund. Im Dorf Gantikow in Brandenburg war sein Lügenmuseum ein staatlich anerkanntes Museum. In Radebeul in Sachsen ist es das nicht, was unangenehm ist, weil er nun Umsatzsteuer nachzahlen soll, etwa 2000 Euro. „Man hat mein Museum als Flohmarktsammlung eingestuft“, erzählt der Wut-Umformer leicht aufgebracht.

Eine sächsische Landesstelle für Museumswesen sei zu dem Ergebnis gekommen, dass nach den Kriterien des Internationalen Museumskonzils ICOM sein Museum eher ein „performatives Gesamtkunstwerk“ sei. Ja, und kaum war das festgestellt, sei ihm das Finanzamt auf die Pelle gerückt. In Brandenburg gehörte sein Haus zum landesweiten Museumsverband. Und im reichen Sachsen? „Hier ist es Plunder.“

Nun will der Lügenmuseumsdirektor, wenn er denn einer ist, vor Gericht klagen. Und womöglich hätte er gar keine schlechten Chancen, denn ein Zimmer seines herrlichen Was-auch-immers widmet sich ausdrücklich und sehr ernsthaft und gleichzeitig ironisch der Untergrund-Kunstszene zu DDR-Zeiten. Etwas das all die anderen DDR-Museen in Ostdeutschland mit ihren Stasi-Sachen und realsozialistischem Alltagskram garantiert nicht aufweisen können. Und Radebeul schon gar nicht mehr: Das dortige DDR-Museum ging in Insolvenz und zog nach Dresden weiter.

Wer weiß. „Es gibt Lügen, da hört der Spaß auf“, steht auf einer Tafel am Museumseingang. Das gilt wahrscheinlich für Zabkas Ärger mit der Kulturbürokratie. „Es gibt Lügen, da fängt der Spaß an“, steht genau darunter. Für das Museum, das keines sein darf, stimmt das auf jeden Fall. Und was sagt das Serkowitzer Orakel, die kluge Holzscheibe zu der sächsischen Provinzposse? Eine Drehung, leises Rattern, Stillstand: „Wir brauchen die Kunst, damit die Wahrheit uns nicht zugrunde richtet.“

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