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Lückenhafte Biografie Wer rettete ihr das Leben?

Drei Jahre fehlen der Israelin Tana Stern in ihrer Biografie. Als Kind lebte sie mit ihrer Mutter in Köln – zu einer Zeit, als alle Juden bereits von den Nazis deportiert waren. „Ein einzigartiger Fall“, sagt eine Historikerin. Jemand muss die Sterns versteckt haben.

05.05.2011 17:30
Petra Pluwatsch
Tara Stern Foto: Christoph Hennes

Drei Jahre fehlen der Israelin Tana Stern in ihrer Biografie. Als Kind lebte sie mit ihrer Mutter in Köln – zu einer Zeit, als alle Juden bereits von den Nazis deportiert waren. „Ein einzigartiger Fall“, sagt eine Historikerin. Jemand muss die Sterns versteckt haben.

Das Leben der Tana Stern passt zwischen zwei Aktendeckel. Geburtsurkunde, ein Stapel alter Fotos, ein wenig Korrespondenz, das meiste davon nur in Kopien vorhanden. Das ist nicht viel – Tana Stern, geborene Cahn, weiß um die großen Lücken in ihrer Biografie. „Mein ganzes Leben ist eine einzige Frage“, sagt sie in einem etwas eckigen Deutsch. Fröstelnd zieht sie die Schultern hoch. Es ist frisch in Deutschland am frühen Morgen. Daheim in Israel klettern um diese Zeit die Temperaturen schon auf mehr als 20 Grad.

Ein wenig verloren steht die 67-Jährige in der Eingangshalle des kleinen Kölner Hostels, das ein Freund ihr vermittelt hat – eine schmale Frau mit blond gefärbten Haaren und leuchtend grünen Augen. Die Beine stecken in halbhohen Stiefeln, ein wadenlanger, modisch-bunter Pulli schmiegt sich eng an den Körper.

Eine Kleinanzeige, versteckt zwischen Grußbotschaften und guten Wünschen zum Geburtstag, hatte uns auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht: „Ich, geboren 1943 in Köln, lebe in Israel. Meine Mutter Irene Cahn, geboren 1907, wurde von 1942 bis 1943 in Köln von einer Familie versteckt. Ich suche dringend Angaben zu der Familie, bei der sie untertauchen konnte. Wenn Sie dazu Angaben machen können, wenden Sie sich bitte an das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln.“ Wir tauschten Mails aus, näherten uns in Telefonaten an. Blechern und ein wenig schroff hatte ihre Stimme durch das Telefon geklungen, während im Hintergrund heiser ein Papagei krächzte. Kfar Saba, die Stadt in der Nähe von Tel Aviv, ist mehr als 3000 Kilometer Luftlinie von Köln entfernt. Hier lebt die pensionierte Kinderkrankenschwester seit einigen Monaten.

Im Rheinland zum Lücken füllen

In diesem Frühling ist Tana Stern vier Tage zu Besuch im Rheinland, um Freunde zu treffen, um Erinnerungen aufzufrischen – und um die großen Lücken weiter zu füllen. Im vergangenen Jahr hat sie zum ersten Mal die Gräber der Großeltern in Köln besucht, deren genaue Lage sie zuvor nicht kannte, und auf dem Grab der Großmutter einen Gedenkstein errichtet. Auch diesmal wird sie die Grabstätten aufsuchen und vielleicht zum Lenauplatz in Köln-Ehrenfeld fahren. Hier hat sie zwischen 1945 und 1949 gewohnt, in der Iltisstraße Nummer 19 ist sie in den Kindergarten gegangen. „Daran erinnere ich mich“, sagt sie. „Aber mir fehlt noch so viel von meiner Vergangenheit, und je älter ich werde, umso wichtiger wird es für mich, so viel wie möglich über mich und meine Familie zu erfahren.“

Und sie will Zeugnis ablegen. Deshalb ist sie ein wenig nervös an diesem Morgen. Denn gleich wird sie vor 32 Schülerinnen und Schülern der Willy-Brandt-Gesamtschule in Köln-Höhenhaus stehen und ihnen von ihrem Leben erzählen, das ihr selber mitunter ein Rätsel ist. Es ist das erste Mal, dass sie vor deutschen Jugendlichen spricht. In Israel hält sie häufig Vorträge in Schulen und Jugendeinrichtungen, „damit die Jungen verstehen, was damals geschehen ist. Wir Alten sterben langsam aus, und dann ist niemand mehr da, der sich noch erinnert.“

Stumm sitzen die 16-, 17-Jährigen wenig später vor ihr, als sie anhebt zu erzählen. „Ich wurde 1943 im Gefängnis geboren und wurde anschließend mit meiner Mutter nach Theresienstadt deportiert.“ Warum sie so viel über ihre Vergangenheit in Erfahrung bringen wolle, fragt schließlich ein junges Mädchen. „Weil man nicht leben kann, wenn man seine Wurzeln nicht kennt“, antwortet Tana Stern.

„Klingelpütz“ heißt im Volksmund das berüchtigte Gefängnis , in dem die Tochter der „israelitischen“ Irene Cahn am 9. Juni 1943 in ein kriegsgeschütteltes Deutschland hineingeboren wird. Allein diese Geburt ist ein kleines Wunder. Dass Mutter und Kind die kommenden 23 Monate bis zum Kriegsende überleben, ein noch viel größeres. „Der Fall ist einzigartig“, sagt denn auch die Historikerin Barbara Becker-Jakli, die von keiner weiteren Geburt im „Klingelpütz“ Kenntnis hat. Im Jahr 1943 waren alle „Volljuden“ längst aus Köln deportiert. Wie also hat es die schwangere Irene Cahn geschafft zu überleben? Wer hat ihr geholfen, sich vor den Nazis zu verstecken und – wer hat sie eventuell kurz vor der Niederkunft verraten?

Fragen nach der Biografie sind existentiell

Barbara Becker-Jakli, eine nüchtern wirkende Frau mit einer großen Begeisterung für den Gegenstand ihrer Forschung, arbeitet im Kölner NS-Dokumentationszentrum, der bundesweit größten lokalen Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. Sie hilft Menschen wie Tana Stern, die Bruchstücke ihrer Biografie zusammenzufügen und weitere Puzzleteile aufzuspüren. 2009 sind sich die beiden Frauen zum ersten Mal begegnet, als Tana Stern im Dokumentationszentrum um Hilfe bei der Suche nach Verwandten bat. Seitdem schaut sie, wenn sie in Köln ist, regelmäßig bei der Historikerin vorbei. Auch dieses Mal haben die beiden einen Besuch geplant.

Becker-Jaklis Büro liegt im ersten Stock des etwas düster wirkenden Kölner EL-De-Hauses. Zehn Jahre lang benutzte die Gestapo das Gebäude als ihre Zentrale. Die Historikerin hat in einem lindgrünen Aktenordner alles gesammelt, was sie an Dokumenten über Tana Sterns Leben finden konnte: eine vielfach gefaltete Kopie der Geburtsurkunde, in der die Justizhauptwachtmeisterin Elisabeth Klinz aus Walberberg, Buschgasse 4, die Geburt des Mädchens Tana in „Klingelpütz 51“ bezeugt. Die Geburtsscheine der Halbgeschwister Kurt und Hannelore Cahn, die 1945 in Auschwitz ermordet wurden. Ein Schreiben der Gedenkstätte Buchenwald, in dem steht, dass der Tischler Josef Cahn mit der Haftnummer 119 689 am 23. Januar 1945 als „politischer Jude“ nach Buchenwald deportiert wurde. Sein Tod ist nicht bezeugt, eine Leiche wurde nie gefunden, und Tana Stern hofft, dass Josef, ihr ältester Halbbruder, noch lebt. Er wäre heute 85 Jahre alt.

Barbara Becker-Jakli ist da weniger optimistisch. „Manchmal müssen Dinge ungeklärt bleiben“, sagt die Historikerin. Zu ihr kommen häufig Menschen, „die sich bei uns Erlösung erhoffen. Sie waren viele Jahre in einer ungeheuren Not, die hier und jetzt geheilt werden soll“. Nicht immer kann sie ihnen helfen.

Auch für Tana Stern sind die Fragen nach den blinden Flecken in ihrer Biografie längst existenziell geworden. „Ich möchte endlich Ruhe und Frieden finden“, sagt sie.

Mit 15 entdeckt sie durch Zufall, dass Fritz Stern, der Mann, mit dem ihre Mutter verheiratet ist und dessen Namen auch sie selbst trägt, nicht ihr leiblicher Vater sein kann. Die jüdische Familie lebt seit 1949 in Israel; 1946 hat Irene Cahn in Köln eine weitere Tochter geboren. Auch Emil, der erste Ehemann der Mutter, kommt nicht als Erzeuger infrage. Emil Cahn ist bereits 1939 nach England emigriert und unter dem Namen Eric Caley in die britische Armee eingetreten, 1948 wird die Ehe geschieden. Wenig später heiratet die Mutter Fritz Stern, den Tana bis heute „einen guten Mann“ nennt. Doch es muss da noch einen dritten Mann gegeben haben. Als Tana Stern nachhakt, nennt ihre Mutter unter Tränen seinen Namen: Moritz Brunner aus Mönchengladbach.

Mehr will sie nicht verraten über den schmalen Mann mit den schwermütigen Augen, den sie nach der Flucht des Ehemannes kennen gelernt haben muss. Erst nach dem Tod der Mutter findet Tana Stern im Nachlass Unterlagen ihres Vaters, darunter auch einen Ausweis mit Brunners Foto und weiteren Angaben zu seiner Person. Der staatenlose Brunner war ebenfalls Jude und wurde 1897 in Polen geboren. Von Beruf war er Polsterer und Schneider. Sehr viel mehr erfährt sie nicht über den Mann, dem sie ihre Existenz verdankt.

„Bei uns herrschte das große Schweigen“, erinnert sie sich heute mit Bitterkeit in der Stimme. „Wenn die Erwachsenen etwas besprochen haben, musste ich rausgehen.“ Tief sitzen bis heute die Verletzungen eines Kindes, das sich stets ungeliebt fühlte. „Meine Mutter hat mich eigentlich nicht gewollt“, wagt sie heute zu sagen.

Nach dem Tod der Mutter im Jahr 1974 beginnt Tana, inzwischen selber Mutter von drei Kindern, systematisch die eigene Vergangenheit und die ihrer Familie zu erforschen. Zur Seite steht ihr dabei ein Kriminalbeamter aus Bonn: Heini Fritsche. Im Juni 1974, während einer Studienreise Fritsches durch Israel, begegnen sich der Deutsche und die gebürtige Kölnerin zum ersten Mal.

„Sie war damals eine Farmersfrau in Galiläa und besaß das einzige Haus mit einem deutschen Giebeldach“, erinnert sich der heute 81-jährige Pensionär. „Sie stürmte in unseren Bus und rief: Seid ihr Kölner?“ Aus der „Sympathie auf den ersten Blick“ entwickelt sich eine intensive Freundschaft, und irgendwann bittet Tana den Freund aus Deutschland, sie bei ihren Nachforschungen zu unterstützen. Dessen Neugierde ist schnell geweckt: Fritsche begibt sich auf Spurensuche.

In Standesämtern sucht er nach den Geburtsurkunden von Familienmitgliedern; er korrespondiert mit dem Roten Kreuz und anderen internationalen Suchdiensten, um mögliche Überlebende aufzuspüren. Doch auch er kann nicht alle Lücken in der Familiengeschichte der Freundin füllen. Mutter Irene Cahn, so viel steht heute fest, stammt aus Wesseling bei Köln. 1925 heiratet sie dort den drei Jahre älteren jüdischen Schuhmacher Emil Cahn, drei Kinder werden geboren: Josef, Kurt und Hannelore. 1939 zieht die Familie nach Köln in ein sogenanntes „Ghettohaus“ am Kleinen Griechenmarkt in der Innenstadt. In der Stadt existieren rund 300 dieser „Ghetto“- oder „Judenhäuser“. Sie stehen unter der Verwaltung der jüdischen Gemeinde. Die Mieter sind in der Regel jüdische Familien aus den umliegenden Dörfern, die man zwangseingewiesen hat, nachdem sie ihre eigenen Wohnungen und Häuser verlassen mussten. Von hier aus werden sie in Gruppen in die Konzentrationslager deportiert. Die Familie Cahn muss gewusst haben, was die Einweisung in ein „Ghettohaus“ bedeutet. Verzweifelt bemüht sie sich um die Auswanderung in die Dominikanische Republik, wo der Diktator Trujillo alle europäischen Juden willkommen heißt, um die vorwiegend dunkelhäutige Bevölkerung des Inselstaates „aufzuhellen“. Doch ihre Pläne scheitern. Vermutlich fehlt es an Geld, um die Überfahrt zu bezahlen.

Was geschah in diesen drei Jahren?

Emil Cahn geht stattdessen nach England und tritt in die britische Armee ein. Die drei Kinder – Hannelore, die Jüngste, ist erst vier Jahre alt – werden nach Utrecht geschickt. Die Unterlagen legen nahe, dass sich eine Tante väterlicherseits und das Rote Kreuz um die Geschwister kümmern, bis die 1944 nach Auschwitz deportiert werden. Die beiden Jüngeren werden wenig später ermordet. Der älteste, Josef, wird zuletzt im März 1945 im KZ Buchenwald gesehen.

Irene Cahn bleibt mit ihrer betagten Mutter in dem Haus am Kleinen Griechenmarkt zurück. Doch nach deren Tod 1940 verliert sich für einige Jahre auch ihre Spur. Erst am 9. Juni 1943 wird sie wieder aktenkundig, als sie im „Klingelpütz“ ihre zweite Tochter zur Welt bringt: Tana. Was ist in diesen drei Jahren geschehen? Wie ging das Leben für die Sterns weiter?

„Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie lange Zeit bei einer Familie im Keller versteckt war und Hausarbeit für sie verrichtet hat“, erinnert sich die Tochter. Auch nach Kriegsende habe die Mutter noch Kontakt zu der Kölner Familie gehalten, doch sie habe nie den Namen ihrer Retter genannt. Daher, sagt sie, die Anzeige. „Irgendjemand muss doch etwas wissen.“

Auch Moritz Brunner, im polnischen Zgierz geboren und in der Pelzstichstraße 41 im rheinischen Mönchengladbach zu Hause, sitzt in jenem Juni 1943 im „Klingelpütz“ ein. Zwischen 1938 und 1939 war er als politischer Gefangener in Dachau und Buchenwald interniert, die Angst vor einer weiteren Deportation in ein Konzentrationslager muss ihm tief in den Knochen gesteckt haben. „Vielleicht haben sie sich zusammen bei der Familie versteckt und sind verraten worden“, mutmaßt Tana Stern.

Drei Wochen nach der Geburt des gemeinsamen Kindes wird Brunner angeblich auf der Flucht in Köln erschossen. Das erfuhr Tana Sterns Freund Fritsche von der ehemaligen Justizhauptwachtmeisterin Elisabeth Klinz, die sich unter Tränen an die junge Mutter und ihr kleines Mädchen erinnerte. Inzwischen lebt auch Elisabeth Klinz nicht mehr.

Kühles Mutter-Tochter-Verhältnis

Sicher ist, dass Irene Cahn und ihre Tochter im Oktober 1943 ohne Brunner nach Theresienstadt deportiert wurden. Irene kommt in die berüchtigte „Kleine Festung“, in der vor allem politische Gefangene festgehalten werden. Tana wird in der drei Kilometer entfernten Kinderstation untergebracht, wo sich eine junge tschechische Gefangene des Säuglings annimmt. „Meine Adoptivmutter“ nennt Tana Stern sie bis heute voller Wehmut. Erst eineinhalb Jahre später, nach der Befreiung des Konzentrationslagers im Mai 1945, sehen Mutter und Tochter sich wieder. Ihr Verhältnis wird kühl bleiben bis zu Irenes Tod.

Tana Sterns Suche ist noch lange nicht zu Ende. In Utrecht forscht sie nach Josef, dem verschollenen Halbbruder. Bekannte der Mutter wollen ihn Jahre nach dem Krieg in der Stadt gesehen haben. Angeblich ist er kurz vor Kriegsende mit einer Freundin aus dem Lager geflohen und zurück in die Niederlande gegangen. Ungeklärt auch das Schicksal einer mutmaßlichen Tochter oder Nichte von Moritz Brunner, Regine. Im Nachlass der Mutter fand sich ein Foto des Mädchens, die Angabe des Datums auf der Rückseite des Bildes ist auf Französisch: „Régine Bruner, juillet 15 1941“. „Vielleicht lebt sie ja heute in Frankreich“, hofft Tana.

Auf ihre Zeitungsanzeige hat sich bis heute niemand gemeldet.

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