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Loveparade Die Grenzen einfach ignoriert

Experten warnten früh vor der Party auf dem alten Bahnhofsgelände. Doch die Verantwortlichen erteilen die Genehmigung für die Loveparade - wenige Stunden vor ihrem Beginn.

26.07.2010 22:14
Thorsten Moeck und Tim Stinauer

Planmäßig begann die Loveparade Samstag um 14 Uhr, die Genehmigung dafür war nach Informationen des Kölner Stadt-Anzeigers nur wenige Stunden alt. „Die Bedenken der Sicherheitsbehörden haben offensichtlich dazu geführt, dass die Verantwortlichen ihre Entscheidung bis zum letzten Tag aufgeschoben haben“, sagte ein hoher Polizeibeamter.

Eine ordnungsrechtliche Genehmigung ist ein Schriftstück, in dem alle Einzelheiten von Rettungsplänen über Architektenzeichnungen des Partygeländes bis hin zum geschätzten Wasser- und Strombedarf für eine Veranstaltung dargelegt sind. In der Regel werden in solch einem Papier zwei Konzepte ausgeführt – eines für gutes Wetter und eines für schlechtes. Ob diese Unterscheidung auch in dem Schriftstück für die Loveparade gemacht wurde, ist unklar. Im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte ein am Einsatz beteiligter Beamter: „Hätte es am Samstag stark geregnet, hätte der Tunnel, in dem die Massenpanik ausbrach, kniehoch mit Wasser vollgestanden. Ich mag mir gar nicht ausmalen, um wie viel schlimmer das Ganze dann ausgegangen wäre.“

Seit Montagvormittag ermittelt nun die Kölner Polizei am Unglücksort, aus Neutralitätsgründen. Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft sollen sie die Auswertung aller beschlagnahmten Akten übernehmen und nach strafrechtlich relevanten Aspekten suchen. „Die Untersuchungen werden nach wie vor von der Staatsanwaltschaft Duisburg geleitet“, sagte Oberstaatsanwalt Rolf Haferkamp. Am Sonntag waren im Duisburger Rathaus alle Akten zur Loveparade sichergestellt worden.

Inzwischen wurde bekannt, dass nicht nur der frühere Bochumer Polizeipräsident Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gestellt hat, sondern auch ein Beamter der Duisburger Berufsfeuerwehr. Zudem gingen Strafanzeigen von Loveparade-Besuchern gegen Polizisten ein. Der Vorwurf: unterlassene Hilfeleistung.

In einem warnenden Brief, den der Direktor der Duisburger Berufsfeuerwehr vor acht Monaten an den Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) geschrieben hatte, heißt es: Das Partygelände am alten Güterbahnhof sei „physikalisch nicht geeignet“ für eine Veranstaltung dieser Dimension.

Laut Bauaufsichtsamt bietet die Fläche Platz für maximal 250000 Besucher. Aber die Veranstalter rechneten laut internen Unterlagen mit „weit mehr als 300000“. Die Polizeiführung gab an ihre Einsatzkräfte weiter, es müsse nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre in Essen (1,2 Millionen Besucher) und Dortmund (1,6 Millionen) auch in Duisburg mit mindestens einer Million Ravern gerechnet werden.

Weil aber auch während der Party Menschen das Gelände verließen, entstand in dem Tunnel – dem einzigen Zugang zur Partyzone – Gedränge, das in der tödlichen Massenpanik endete. Von dem plötzlichen Tumult war auch die Polizei völlig überrascht. Zum Zeitpunkt des Unglücks gegen 17 Uhr war eine Hundertschaft der Kölner Polizei in dem Tunnel. Auch einige der Beamten sind wohl selbst nur mit Mühe dem Tod entgangen.

Die frühere Leiterin des Duisburger Bauordnungsamtes soll laut einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa die Genehmigung für die Loveparade verweigert haben – und deshalb versetzt worden sein. Auch auf die Polizei sei massiver politischer Druck ausgeübt worden, so der Bericht.

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