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Love-Parade-Prozess „Wir wollen Gerechtigkeit“

Es könnte einer der umfangreichsten Strafprozesse der Nachkriegszeit werden: Seit Freitag wird über das Love-Parade-Unglück verhandelt – in einem Düsseldorfer Messesaal mit Platz für 500 Personen.

Loveparade
Am Vorabend des fünften Jahrestages der Loveparade-Katastrophe in Duisburg gedachten 2015 zahlreiche Menschen der Opfer des Unglücks. Unter ihnen auch der Techno-Musiker und Gründer der Loveparade, Dr. Motte. Foto: epd

Nadine Lange zittert, als sie sich am Freitagmorgen auf den Weg zum Kongresszentrum Ost in Düsseldorf macht. Siebeneinhalb Jahre hat sie auf diesen Tag gewartet, sagt sie. Damals, bei der Loveparade in Duisburg am 24. Juli 2010, stand sie in einem Tunnel, um sie herum herrschte Panik, Menschen schrien und wurden totgetrampelt. Jahrelang litt sie unter Schlafstörungen, war zwölf Wochen in stationärer Therapie. Jetzt ist die 32-jährige ambulante Pflegekraft Nebenklägerin in einem Prozess, der monumentale Ausmaße hat. „Ich bin hier, weil endlich die Wahrheit ans Licht kommen soll. Doch bei dem, was ich hier erlebe, schwindet meine Hoffnung.“

Im Lauf des Vormittags deutet sich an, was auf Lange und die übrigen Nebenkläger zukommt. Der erste Tag im Loveparade-Prozess beginnt mit 45 Minuten Verspätung und zerfließt dann in einer mehrstündigen Antragsflut der Verteidigung. Die Anwälte verwickeln die Strafkammer in Debatten um die Befangenheit von Ergänzungsschöffen, Besetzungsrügen, digitale Kopien, Zeugen im Saal und versuchen schließlich sogar, die Verlesung der Anklage zu verhindern, weil sie unvollständig sei.

Sechs Stunden juristisches Vorgeplänkel

Es kommt zum Schlagabtausch mit der Nebenklage. „Wir wollen hier nicht querschießen“, sagt Verteidiger Ioannis Zaimis. Es solle nur alles beachtet werden. Der Vorsitzende Richter Mario Plein lässt alle Anträge erst einmal zurückstellen.

„Man hat uns darauf vorbereitet“, sagt Gabriele Müller, die bei dem Techno-Event ihren Sohn verloren hat. „Aber das als Mutter jetzt zu sehen, tut schon weh.“ Sechs Stunden dauert das juristische Vorgeplänkel im Messezentrum Ost in Düsseldorf, wo das Duisburger Landgericht für einen der größten Strafprozesse in der bundesdeutschen Geschichte für 14.000 Euro pro Verhandlungstag eigens einen Saal angemietet hat. Der fasst 500 Personen, man rechnet mit vielen Zuhörern.

Das Gericht sitzt auf einer Bühne, neben ihm zwei riesige an Kameras gekoppelte Leinwände, die jede Wortmeldung aus dem Saal übertragen. Vor der Kammer die Prozessbeteiligten: Drei Staatsanwälte und 65 Nebenkläger mit ihren 38 Anwälten. Einige Betroffene sind am ersten Prozesstag nicht erschienen. Auf der anderen Seite haben die zehn Angeklagten und ihre 32 Verteidiger Platz.

Die Beschuldigten müssen sich vor der 6. Großen Strafkammer des Duisburger Landgerichts unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in 21 und fahrlässiger Körperverletzung in exemplarischen 18 von eigentlichen 652 Fällen verantworten. Vier der Beklagten haben damals für den Veranstalter Lopavent gearbeitet, die übrigen sechs waren bei der Stadt Duisburg unter anderem für die Genehmigung zuständig, darunter der frühere Baudezernent. Die Staatsanwaltschaft ist sicher, dass diesen zehn Personen eine individuelle Schuld nachzuweisen ist. Dafür hatte sie knapp 3500 Zeugen befragt, 963 Stunden Videomaterial gesichtet, 53.500 Seiten Prozessakten erstellt und eine knapp 560-seitige Anklageschrift verfasst, die sie am späten Nachmittag endlich verlesen kann.

Belastende Momente im Loveparade-Prozess

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, schwerwiegende sicherheitsrelevante Fehler begangen zu haben, die letztlich einen tödlichen Dominoeffekt auslösten. Zahlreiche bauliche Vorgaben seien mangelhaft oder gar nicht eingehalten, Besucherströme falsch berechnet worden, führt Oberstaatsanwalt Uwe Mühlhoff aus. Der Zugang zum Gelände über den engen Tunnel, die zu schmale Rampe, die Bauzäune, die nicht entfernt worden waren, „all das musste zwangsläufig zu einem Systemversagen führen“, so die Ankläger.

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