Lade Inhalte...

Literatur Paulo Coelho: "Ich war bereit zu sterben"

Der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho über die Zensur seiner Bücher im Iran, seine Herz-Operation und den Spaß, sich in Blogs zu entblößen.

19.10.2011 17:08
Paulo Coelho: "Auf Facebook und Twitter schrieben mir sehr viele iranischen Leser." Foto: dpa

Ein eiskalter, regnerischer Tag in Genf. Die Wolken hängen so tief, dass man die hohen Berge dahinter nicht mal ahnen kann. Nicht weit vom Genfer See entfernt, im zweiten Stock eines unauffälligen Blocks mit Eigentumswohnungen, öffnet mir ein freundlicher älterer Herr und begrüßt mich in seinem brasilianisch gefärbten Englisch. Es singt mehr, als dass er spricht. Paulo Coelho – einer der auflagenstärksten Autoren unserer Zeit, UN-Friedensbotschafter und begeisterter Blogger – lebt heute abwechselnd in der Schweiz und in seiner Geburtsstadt Rio de Janeiro.

Von seinen Fans wird er leidenschaftlich verehrt, von den Kritikern ebenso leidenschaftlich gehasst. Seine Romane über Sinnsuchen, Reinkarnationen oder Pilgerreisen werden meist als „unerträglich süßlicher Kitsch“ oder als „peinigende Lektüre“(Die Zeit) gescholten. Seinem neuesten Werk „Aleph“ erging es nicht anders. Der 64-Jährige beschreibt darin abermals eine magische Pilgerreise – diesmal in der Transsibirischen Eisenbahn: Es ist, man ahnt es, eine lange Fahrt zu sich selbst. Während des zweistündigen Interviews an seinem Wohnzimmertisch wird es draußen immer dunkler – ohne dass er auf die Idee käme, das Licht anzumachen. Was irgendwie gut zum Verlauf des Gesprächs passt.

Senhor Coelho, vor einem Jahr sind Ihre Bücher im Iran verboten worden. Planen Sie dennoch, Ihren neuen Roman „Aleph“ in die iranische Amtssprache Farsi übersetzen zu lassen?

Das habe ich bereits gemacht. Die Farsi-Ausgabe meines Romans gibt es bereits als kostenlosen E-Book-Download auf meiner Website. Nach dem für mich völlig überraschenden Verbot meiner Bücher vor einem Jahr wusste ich, dass es schwierig sein würde, im Iran einen neuen Verleger zu finden. Also bat ich meinen bisherigen iranischen Verleger, mein neues Buch zu übersetzen. Er hat das mit großem Enthusiasmus gemacht. Dann haben wir seine Übersetzung ins Web gestellt – als PDF und in anderen verschiedenen Formaten zum Herunterladen. Ich wollte, dass die Menschen im Iran trotz der Zensur mein Buch lesen können.

Nach dem Verbot haben Sie offiziell bei der brasilianischen Regierung darum gebeten, dagegen zu protestieren. Was hat das gebracht?

Nicht viel. Teheran hat meiner Regierung gegenüber einfach bestritten, dass man dort meine Bücher verboten hätte. In deren offizieller Stellungnahme hieß es: Nicht ich, sondern mein iranischer Verleger sei verboten worden – und damit auch die von ihm verlegten Bücher. Das ist absurd. Fakt ist zurzeit: Die einzigen frei verfügbaren Farsi-Übersetzungen meiner Bücher im Iran sind meine Online-Downloads.

Dass Sie zahlreiche Übersetzungen Ihrer Werke zum kostenlosen Download online bereitstellen, hat vor Jahren zunächst im Buchhandel für Aufregung gesorgt – obwohl parallel dazu die Zahl Ihrer verkauften Bücher gestiegen ist. Haben Sie die Online-Piraterie in eigener Sache jetzt als Ausdruck politischen Protests entdeckt?

Sagen wir so: Ich kann auf diese Weise sehr effektive Bypässe legen und die Zensur umgehen. Das ist mir sehr wichtig. Auf Facebook und Twitter schrieben mir sehr viele iranischen Leser, die sich dafür bedanken, dass ich meine neuen Bücher weiterhin auf Farsi übersetzen lasse, dass ich sie nicht vergessen habe. Viele sind völlig überrascht, weil sie so etwas einfach nicht erwartet hätten. Das gefällt mir.

Wie oft wurde Ihre Farsi-Ausgabe bisher heruntergeladen?

Es gab bisher etwa 350?000 Downloads. Da muss man allerdings die Diaspora noch mit einrechnen. Ich weiß nicht, wie viele derjenigen, die sich die Farsi-Version heruntergeladen haben, tatsächlich im Iran oder in den USA und anderen Ländern leben.

Vor elf Jahren war die Situation noch völlig anders: Sie konnten im Jahr 2000 als erster westlicher Schriftsteller nach Khomeinis Machtergreifung zu einer Lesereise in den Iran kommen. Sie sagten damals, Sie würden gerne zurückkehren?…

Es ist leider nie dazu gekommen. Ich würde immer noch gerne in den Iran reisen, ungeachtet der gegenwärtigen Spannungen. Damals stand Regierungschef Khatami erstmals nach Jahren der Abschottung für einen offeneren Iran. Heute ist es extrem kompliziert, dorthin zu gehen. Einfach war es auch damals nicht. Als ich im Jahr 2000 dort war, hatte ich vor allem Kontakte zu meinem iranischen Verleger und seiner Familie. Davon abgesehen, war ich während meines Besuchs ständig von Security-Leuten umgeben, die meine Schritte überwachten. Ich konnte nicht wirklich in einen offenen Meinungsaustausch mit Iranern kommen. Dennoch war diese Reise für mich unvergesslich, ein Gewinn – ich bewundere ihre Kultur.

Lesen Sie weiter, warum Coelho den Westen im Umgang mit Iran kritisiert.

Damals sagten Sie, der Westen würde bei seiner Kritik des iranischen Regimes immer auch pauschal das iranische Volk dämonisieren. Hat sich das nach der Grünen Revolution 2009 verändert?

Nein, das ist leider immer noch so. Es stimmt zwar: Während der Grünen Revolution hat der Rest der Welt erkannt, dass man die Iraner nicht mit ihrer Regierung gleichsetzen kann. Das währte allerdings nur so lange, wie die Grüne Revolution andauerte. Danach wurde der Unterschied zwischen Regime und den Menschen, die unter ihm leben und leiden müssen, schnell wieder vergessen. Das kann man derzeit in den Berichten über die Zuspitzung des Konflikts zwischen USA und Iran wieder verfolgen. Wir sind zu der alten Sichtweise zurückgekehrt.

Es heißt, dass Sie proportional die meisten Leser im Iran und in Israel haben.

Das stimmt. Und von meinen Reisen und Begegnungen weiß ich: Iraner und Israelis haben viel mehr gemeinsam als ihre Liebe für meine Bücher. Das Geschichtenerzählen, meine Art, Geschichten zu erzählen, transzendiert offenbar die kulturellen und politischen Grenzen und Unterschiede zwischen Iran und Israel. Wir leben in einer Zeit, da immer mehr Brücken zwischen den Ländern einstürzen – diplomatische, ökonomische wie politische Brücken. Wenn man fähig ist, die Geschichten des anderen zu verstehen, bedeutet es: „Du bist nicht mein Feind. Lass uns einen Weg finden, zumindest einen Dialog zu beginnen.“ Ich glaube, dass sich die Menschen in Iran und Israel näher sind, als die Presse es gemeinhin darstellt. Viele sind diesen nicht enden wollenden Konflikt so leid. Und parallel dazu sehen sie die Veränderungen in der arabischen Welt, von denen wir allerdings noch nicht wissen, wohin sie führen werden. Fest steht, dass diese Revolutionen bestehende Strukturen erschüttern. In dieser Situation ist es fundamental falsch, Iran immer mehr zu isolieren. Damit spielt man nur der iranischen Regierung in die Hände.

US-Präsident Obama hatte es nach Beginn seiner Amtszeit aber doch mit mehr Dialogbereitschaft gegenüber Teheran versucht. Ohne Erfolg. Kürzlich schickte er einen Flugzeugträger in die Straße von Hormus, nachdem der Iran angekündigt hatte, die strategisch wichtige Meerenge zu blockieren.

Ich weiß auch nicht, wohin das führen wird. Ich sage nur: Die Diplomatie wurde doch erfunden, um komplizierte Konflikte zu verhandeln, friedlich zu lösen. Um Kriege zu vermeiden. Wenn ich mir in den USA das verbale Säbelrasseln der Republikaner im Vorwahlkampf anhöre, graust es mich. Sie ziehen das alte Feindbild Iran aus der Tasche, um das Land zu dämonisieren und so vor allem die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. Das ist eine gefährliche Entwicklung, die mir Sorgen macht. Wissen Sie, was für ein Tag heute ist?

Der 15. Dezember. Warum?

Heute ist der Tag, an dem der Dritte Golfkrieg im Irak von den USA offiziell als beendet erklärt wurde. Es ist kein Datum, das in diesen Tagen große Aufmerksamkeit erregen würde. Ich habe mir dennoch die Frage gestellt: Was hat dieser Krieg gebracht? Nichts. Durch diesen Krieg wurde nichts, aber auch rein gar nichts gewonnen.

Senhor Coelho, reden wir über die Wahrnehmung Ihrer Bücher dieseits des Irans. Im Gegensatz zu den Millionen Lesern, die Sie weltweit haben, werden Sie von der Kritik entweder ignoriert oder verrissen – „Literatur-Scharlatan“ gehört da noch zu den harmloseren Urteilen. Verletzt Sie sowas?

Nein. Was die Kritik über mich sagt, interessiert mich schon lange nicht mehr. Ich gebe auch kaum noch Interviews, weil ich eh immer nur das gleiche gefragt werde: „Wie erklären Sie sich Ihren phänomenalen Erfolg? Was machen Sie mit all dem Geld?“ Da tausche ich mich lieber mit meinen Fans über Facebook aus oder ich schreibe Blogs.

In Ihrem neuen Roman „Aleph“ beschreiben Sie, wie die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn für Sie wieder mal zu einer Pilgerreise wird, in deren Verlauf Ihnen dämmert, dass Sie 1492 schon mal in Cordoba gelebt und als Handlanger der Inquisition Mädchen gefoltert haben. Gleichzeitig kritisieren Sie ungewöhnlich deutlich all den Esoterik-Quark, der uns in Ratgeber-Büchern oder auf DVDs präsentiert wird. Wollen Sie die Geister wieder loswerden, die Sie durch den Erfolg Ihrer Sinnsuch-Literatur mit gerufen haben?

Ich habe mich selbst nie als New-Age-Guru gesehen. Na gut, vielleicht für eine kurze Zeit, als ich Hippie war. Dann haben mich die Medien in ihrem Drang, alles und jeden kategorisieren zu müssen, in diese New-Age-Kiste gesteckt. Was kann ich dagegen machen? Gar nichts. Die Botschaft meines neuen Buches ist im Grunde ganz einfach: Alles ist hier. Alles ist jetzt. Der gegenwärtige Moment ist der wichtigste.

Sie predigen solche Kalenderspruchweisheiten, gleichzeitig schreiben Sie in dem Buch, es sei absurd, eine alte Eiche anzustarren, in der Hoffnung, dass sich Weisheit auf Sie herabsenke. Wie passt das zusammen?

Wir werden heutzutage in allen Medien-Formaten mit unsäglichen Ratgebern konfrontiert. „Wie werde ich glücklich?“, „Wie soll ich mein Leben leben – mit oder ohne Kinder, mit oder ohne Frau?“ bis zu „Wie verdiene ich Geld im Internet?“ Ich frage mich immer, worüber die alle reden? Das Leben besteht doch aus Erfahrungen. Und genau darüber habe ich geschrieben – über eine Fahrt in der Transsibirischen Eisenbahn. Die Reise war wichtig, nicht das Ziel. Ich bin von Moskau nach Wladiwostok gereist, habe dabei Putin getroffen – dann ging’s weiter nach München zur Eröffnung der Fußball-WM. Ein Kulturschock. Ich schreibe darüber, wie ich versuche, mit diesen verschiedenen Inputs klarzukommen. Ich teile meine Erfahrungen mit. Leben bedeutet, Erfahrungen sammeln.

Neben Ihren teils autobiografischen Büchern posten Sie Ihre Befindlichkeiten auch mehrmals in der Woche im Web. Was treibt Sie dabei an?

Warum sollte ich sowas nicht machen? Habe ich etwas zu verbergen?

Das müssten Sie schon selbst beantworten.

Wahrscheinlich schon. Aber es fällt mir leichter, mich zu entblößen. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Ob es um die Angst vor dem Tod, Versuchungen oder Lebenskrisen geht – ich kann immer sagen: Lesen Sie es in meinem Blog oder meinem Buch oder in meiner Biografie nach. Ich tauge nicht für Skandale – weil von mir alles bekannt ist. Diese Selbstentblößung ist ein Selbstschutz. Die Wahrheit macht dich frei.

Senhor Coelho, in unserem ersten Gespräch, vor mehr als elf Jahren, habe ich Sie gefragt, ob der junge Rockmusiker, der Sie mal waren, eher zu den Beatles oder zu den Stones tendierte. Sie gaben den Beatles den Vorzug. Weil sie unberechenbarer als die Stones seien und sich ständig verändert hätten. Es gibt einen Beatles-Song, der zumindest vom Titel her ganz gut auf Ihr aktuelles Lebensalter passt?…

Ich weiß, „When I’m 64“. Schon kurios, dass Sie das jetzt hervorkramen. Ich habe zuletzt tatsächlich oft darüber nachgedacht, wenn ich vorm Spiegel stand und „When I get older, losing my hair“ sang und mich dabei ansah. Da fiel mir dann ein, was mir damals als junger Mensch durch den Kopf ging, als ich dieses Lied das erste Mal gehört hatte. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, wie das sein würde, wenn ich selbst mal so alt sein würde. 64 – das war so weit weg. Ich sah diesen alten Mann aus dem Lied, der in Pantoffeln vor dem Kamin sitzt, die Enkel auf seinem Knie schaukelt. Mein Gott. Jetzt bin ich selbst so alt.

Und?

Meine Frau schickt mir zwar keine Valentinsgrüße, über die in dem Song gesungen wird. Aber sie lädt mich noch ins Restaurant ein. Sie braucht mich, und ich brauche sie. Was will ich mehr?

Paul McCartney hat zuletzt einen Song darüber geschrieben, wie er sich seine eigene Beerdigung vorstellt. Haben Sie sich damit auch schon mal beschäftigt?

Sicher. Ich habe einem Journalisten, der mir eine ähnliche Frage stellte, mal geantwortet: Auf meinem Grabstein sollte stehen: „Er starb, während er am Leben war.“ Tatsächlich habe ich aber einen anderen, sehr konkreten letzten Willen. Ich möchte verbrannt werden, meine Asche soll an der Pilgerstraße nach Santiago de Compostela an einem bestimmten Platz verstreut werden. Aber der Tod ist für mich keine große Sache mehr, ich könnte heute sterben. Und ich würde nichts bedauern. Ich sage Ihnen jetzt mal etwas, was ich bisher noch keinem erzählt habe.

Nicht mal in Ihren Blogs?

Nicht mal da. Vor wenigen Wochen ging ich zu einem Arzt, weil der Vater meiner Agentin plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben war. Von einem Moment auf den anderen – paff. Er war 70. Meine Agentin riet mir zu einem Belastungs-EKG, um zu checken, ob mein Herz in guter Verfassung ist. Ich ließ also in Genf mein Herz checken. Dann saß der Doktor mit dem Testergebnis vor mir und sagte: „Sie werden in 30 Tagen sterben.“ Ich sagte nur: „Was?!“ Der Arzt: „Wenn wir Ihnen nicht schnell zwei Stents setzen, sind das Ihre letzten 30 Tage auf dieser Erde.“

Sie meinen jene winzigen Metallröhren, die einen Verschluss der Herzkranzgefäße verhindern sollen.

Ja. Ich war völlig perplex, wollte die Meinung von anderen Ärzten einholen. „Können Sie machen“, sagte er, „aber beeilen Sie sich.“ Die Antwort der anderen Ärzte kam prompt: „Sofort operieren, Sie sind kurz vor einem Herzinfarkt.“ Der Arzt in Genf war dann sehr ehrlich zu mir. Er sagte, es könne auch was schiefgehen bei dem Eingriff. In dem Moment wurde mir erstmals klar: Ich könnte sterben. Das war keine Abstraktion, sondern real. Aber ich war im Frieden mit mir. Ich habe alles im Leben gemacht, was ich machen wollte. Ich liebe meine Frau, finde Erfüllung in meiner Arbeit. Ich war bereit zu sterben.

Wie geht es Ihnen heute?Sehr gut. Sie haben mir zwei Stents gesetzt. Es ist keine große Sache. Es gab während des Eingriffs einen Moment, als der Arzt mir sagte: „Jetzt könnte es gefährlich werden. Aber wir sind darauf vorbereitet. Wenn Sie jetzt einen Infarkt bekommen, haben wir es im Griff.“ Die Operation begann um 13 Uhr, um 15 Uhr war sie beendet. Ich musste bis 17 Uhr auf der Intensivstation bleiben, dann kam ich auf ein anderes Zimmer. Am nächsten Tag war ich wieder zu Hause. Soll ich Ihnen die Stents zeigen?

Wie meinen Sie das denn?Ich habe eine Röntgen-Aufnahme mit den Stents an meinem Herzen auf meinem Computer. Kommen Sie mit, ich zeig sie Ihnen. (Er führt mich in sein Arbeitszimmer, klickt sich durch den Computer, bis ein Röntgenbild seines Herzens erscheint, in dem deutlich die Gefäßstützen zu erkennen sind. Coelho strahlt, als würde er ein ihm besonders liebes Familienfoto zeigen.) Meine Agentin war mein Schutzengel. Ich bin froh, dass ich auf sie gehört habe.

Interview: Martin Scholz

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen