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Literatur „Ich lass' mich ganz gern mal von einem großen Künstler manipulieren“

Daniel Kehlmann spricht im Interview mit Christina Bylow über die Verführbarkeit des Schriftstellers, seine Leidenschaft fürs Kino und seine Erfahrungen als Kleindarsteller.

17.03.2012 20:42
Schriftsteller, Drehbuchautor, Kleindarsteller und Kinofan: Daniel Kehlmann Foto: Markus Wächter

Daniel Kehlmann spricht im Interview mit Christina Bylow über die Verführbarkeit des Schriftstellers, seine Leidenschaft fürs Kino und seine Erfahrungen als Kleindarsteller.

Er hat ein Restaurant neben dem Berliner Ensemble vorgeschlagen. Gehobene österreichische Küche, gediegenes Interieur, an den Wänden hängen gerahmte Fotografien von Bertolt Brecht. Der Dichter in Lederjacke, der Dichter mit Zigarre. Daniel Kehlmann wählt einen Nischenplatz gleich bei der Küche. Auf der Wand gegenüber steht Brechts Zitat aus der Dreigroschenoper „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Daniel Kehlmann bestellt eine Vorspeise, Kräuter-Backhendl auf Kartoffel-Speck-Salat.

Herr Kehlmann, wir sind hier von Brecht umgeben, dabei haben Sie einmal daran erinnert, dass Brecht, so wurden Sie zitiert, „dem Massenmörder Stalin gehuldigt“ habe. Brecht mögen Sie offensichtlich nicht.

Dem Massenmörder Stalin gehuldigt, das war aber nicht meine Formulierung! Ich halte Brecht für einen der größten Schriftsteller der deutschen Sprache. Ich habe nur bei einem Brecht-Festival, bei dem eine reichlich popartige Glorifizierung stattfand, daran erinnert, dass wir meiner Meinung nach Glück haben, dass die Welt nicht ganz so geworden ist, wie Brecht sie haben wollte. Ich kann, glaube ich, um die zwanzig Brecht-Gedichte auswendig. Ich halte ihn für einen Sprachschöpfer, den man neben Goethe oder Luther oder Hölderlin stellen kann. Ich würde nie sagen, ich mag Brecht nicht. Aber er hat Stalin verteidigt, und zwar wider besseres Wissen. Und daran muss man auch erinnern, wenn alle anderen Redner bei einem Festival nur sagen, wir brauchen Brecht, gerade heute. Der für mich wichtige Satz meiner Rede war ja: Brecht ist nicht das literarische Äquivalent zum Che-Guevara-T-Shirt. Sondern er ist jemand, der verdient hat, dass wir seine Thesen ernst nehmen, und wenn wir seine Thesen ernst nehmen, müssen wir darüber reden, wie erstaunlich es ist, dass ein Mann wie er sich auf die Seite von Mördern stellte. Nicht um ihm Vorwürfe zu machen, sondern weil es so viel über das zwanzigste Jahrhundert erzählt.

Ist Brecht für Sie auch ein Exempel für die Verführbarkeit von Schriftstellern durch totalitäre Systeme?

Dieses Thema ist etwas, was mich sehr beschäftigt. Schriftsteller werden ja immer ganz phrasenhaft gefragt, ob Literatur etwas verändern kann. Wenn man sich aber die politischen Ansichten von einigen der größten Autoren des 20. Jahrhunderts ansieht, so muss man sagen, es ist nicht unbedingt zu bedauern, dass sie nichts verändern konnten. Weil sie dezidierte Gegner waren von Demokratie und Freiheit. Das schmälert nicht ihre literarische Bedeutung, aber es ist etwas, das man im Gedächtnis behalten sollte. Eben als Warnung. Es ist wichtig, zu sehen, wo andere sich geirrt haben, und man muss das auch aussprechen dürfen, bei aller Verehrung für Brecht oder Neruda zum Beispiel.

Wir könnten jetzt über Christian Krachts Roman „Imperium“ reden. In einem Interview neulich haben Sie ihn gegen den Vorwurf eines Kritikers verteidigt, er verbreite damit eine rassistische Weltsicht.

Darüber möchte ich eigentlich nichts mehr sagen. Ich finde, man hält diese sinnlose sogenannte Debatte, die ja nach jetzigem Stand der Dinge auch nur aus einem Spiegel-Artikel und etwa fünfhundert Verteidigungsartikeln bestand, sinnlos am Laufen, wenn man dazu noch etwas äußert.

Dann sprechen wir über das Kino – in dem Sie in diesem Jahr sehr präsent sind. Ihr Bestseller „Die Vermessung der Welt“ wird gerade von Detlev Buck verfilmt. Sie haben selbst das Drehbuch geschrieben. Kommende Woche läuft „Ruhm“ an, ein Film, der auf Ihrem gleichnamigen „Roman in neun Geschichten“ basiert. Sie spielen darin sogar selbst eine kleine Rolle.

Nur ein ganz kurzer Auftritt. Leider war ich damals gerade ein bisschen rundlicher als jetzt.

Kameras lassen jeden ein wenig fülliger aussehen.

Genau das werde ich sagen, wenn man mich darauf anspricht.

Sie treten in „Ruhm“ als Laudator für einen Schriftsteller auf und reden Unsinn. Haben Sie den Monolog selbst erfunden?

Der Monolog ist kompletter Unsinn, ja. Das habe ich aber nicht improvisiert, so etwas kann ich nicht. Die Regisseurin Isabel Kleefeld hat den Text für mich geschrieben.

Eigentlich sind Sie kaum zu erkennen.

Gut so.

War es ein wenig einschüchternd, selbst vor der Kamera zu stehen, umgeben vom Team?

Ich war als Kind sehr oft bei Dreharbeiten, mein Vater war ja Regisseur. Ich war also nicht eingeschüchtert. Außerdem sind ja alle sehr nett zu einem, wenn man der Autor ist und einen Cameo-Auftritt hat. Ein normaler Kleindarsteller steht wohl unter viel mehr Druck. Aber wenn man der Autor ist, muss man ja nicht gut sein. Das erwartet niemand von einem.

Haben Sie einen Einfluss darauf, wer welche Bücher von Ihnen verfilmt? Viele Autoren klagen darüber, dass Sie dabei nicht mitreden können.

Es sind gerade drei Filme nach Romanen von mir im Entstehen, und ich bin nie übergangen worden. Ich weiß, dass Kollegen von mir sehr unangenehme Erfahrungen mit dem Filmgeschäft gemacht haben. Aber ich kann mich wirklich nicht beklagen.

Glauben Sie, dass „Ruhm“ als Film noch mehr Publikum erreicht als das Buch?

Das weiß ich nicht, darüber denke ich nicht nach. Ich denke auch beim Schreiben nicht daran, wie viel Auflage etwas haben wird. Ich glaube, dass man tun muss, was man künstlerisch für richtig hält, und dass es dann dafür auch oft ein größeres Publikum gibt, als es die Kulturpessimisten vermuten. Mich interessiert aber jetzt die Frage, wie der Film auf jemanden wirkt, der das Buch gar nicht kennt. Das kann ich natürlich schlecht einschätzen.

Was bedeutet Ihnen die Zusammenarbeit mit Regisseuren, mit Filmteams? Hat es für Sie etwas Familiäres – was ja auch anstrengend sein kann?

Jede Familie wird nach einer Weile anstrengend. Aber man ist als Autor ja nicht ständig dabei. Bei „Ruhm“ war ich nur einmal am Set. Grundsätzlich ist es für einen Romanautor eine schöne Sache, zur Abwechslung einmal mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Beim Romanschreiben ist man wirklich ganz allein. Ich weiß, dass Zusammenarbeit auch lästig sein kann und viele Regisseure froh sind, endlich wieder alleine zu sein und zum Beispiel das nächste Drehbuch zu schreiben. Aber für mich ist es eine willkommene Abwechslung.

Die Hauptfigur von „Ruhm“, der Schriftsteller Leo Richter, bewegt sich im Film an der Grenze zur Karikatur. Er ist ängstlich, weltfremd, immer in Gedanken verstrickt. Handelt es sich um ein Selbstporträt Daniel Kehlmanns, geschrieben mit viel Selbstironie?

Ich weiß nicht, warum das so viele annehmen. Abgesehen davon, dass ich immer ein bisschen nervös bin, wenn ich fliegen muss – und zwar nicht aus Flugangst, sondern weil ich Flughäfen so schrecklich finde –, glaube ich nicht, dass Leo Richter viel von mir hat. Ich glaube, dass es eine optische Täuschung ist, die dadurch entsteht, dass Leo Richter ein Schriftsteller ist, der sehr autobiografisch arbeitet. Alles, was ihm und den Personen um ihn herum passiert, setzt er in Bücher. Und das bin nun gar nicht ich. Aber wenn Leute annehmen wollen, dass Leo mein Alter Ego ist, stört mich das auch nicht.

Der von Ihnen erfundene Leo Richter ist als Schriftsteller eigentlich ein Vampir. Er saugt seine Umgebung aus.

Genau, und das fasziniert mich, weil ich viele Schriftsteller kenne, die so sind. Ich bin aber gerade nicht so. Nicht, weil ich so nett bin, sondern weil ich gerne erfinde. Ich glaube, es ist ein automatischer Rückschluss, dass, wenn man einen Schriftsteller als Hauptfigur in ein Buch setzt, noch dazu einen Schriftsteller, der extrem autobiografisch arbeitet, dass dann viele Leser glauben: Hier hat der Autor auch autobiografisch gearbeitet und sein Leben verwertet. Ich glaube, Leo Richter ist einfach eine Karikatur eines neurotischen Schriftstellers. Er hat übrigens nie einen Roman geschrieben, das ist auch noch ein nicht ganz unwichtiger Unterschied zu mir. Ich habe ja ein paar Romane geschrieben. Und die Arbeit als Romanautor empfinde ich auch immer noch als das Wesentliche. Ich möchte nicht hauptsächlich Drehbuchautor werden oder Dramatiker.

Ich werde Sie nicht fragen, warum Sie schreiben. Sie haben ja einmal gesagt, das Schlimme ist, dass man nicht weiß, warum man schreibt.

Ja, man weiß es nicht. Ich könnte darauf nur sagen, weil ich glaube, dass es das ist, was ich am besten kann. Aber da kann ich mich natürlich irren.

Wollten Sie nie etwas anderes tun als schreiben?

Nein, und deshalb bin ich so froh, dass sich daraus auch ein Beruf machen ließ.

Gehört zu diesem Beruf für Sie auch der finanzielle Erfolg?

Es ist schön, wenn er sich einstellt. Aber es ist keine Bedingung. Ich hätte das auch gemacht, wenn er sich nicht eingestellt hätte, so lange es eben geht. Nach dem Bestseller haben mich dann wirklich zu meiner größten Verblüffung Leute gefragt, ob ich jetzt nicht aufhöre zu schreiben, weil es ja sozusagen geschafft ist, und das ist natürlich genauso sinnlos wie die Frage, ob ich aufgehört hätte, wenn sich die Bücher nicht gut verkauft hätten. Wenn sie sich verkaufen, ist es natürlich erfreulich, aber wenn man viel Geld verdienen möchte, schlägt man gleich eine andere Karriere ein. Ich wollte gerade sagen, dann wird man Investment-Banker, aber das stimmt heute so auch nicht mehr. Ich glaube, man schreibt, weil man schreiben will. Deswegen ist man bei dieser Frage, warum man schreibt, immer hilflos. Schreiben hat etwas mit dem Charakter des Homo faber zu tun, das ist der Mensch, der etwas herstellen will.

Sie vergleichen den Schriftsteller mit einem Ingenieur?

Nein, ich meine nicht den Technokraten, den „Homo faber“ des Max Frisch. Ich meine es im aristotelischen Sinn. Ich meine den Macher, denjenigen, der etwas erzeugen will. Dazu gehört der Tischler ebenso wie der Lyriker oder der Maler oder der Komponist. Ich glaube, das ist eine ursprüngliche Art von Persönlichkeitsstruktur. Dass man etwas herstellt. Und ob das dann Tische sind oder Romane, das ist eine Frage der Begabung und der Interessenlage. Aber dieser Wunsch, etwas herzustellen, ist so ursprünglich, dass man dafür eigentlich gar keine Erklärung hat. Natürlich hat es etwas Obsessives.

Arthur Miller hat Möbel geschreinert und geschrieben. Mit der handwerklichen Arbeit wollte er etwas gegen seine Ungeschicklichkeit tun.

Ja, wunderbar. Ich bin auch ungeschickt mit den Händen, aber ich fange nicht an, zu schreinern. Für mich ist es schon eine Heldentat, Ikea-Möbel zusammenzubauen. Das kann ich allerdings. Ich habe es gerade in Wien wieder getan.

Ich hätte bei Ihnen eher antike Bauernmöbel vermutet, wie sie in österreichischen Landgasthöfen stehen.

Um Gottes Willen! Im Gegenteil!

Sprechen wir über das Kino. Sie sind ein leidenschaftlicher Kinogänger. Was bedeutet das Kino für Sie?

Ich gehe viel ins Kino. Es gibt Filme, die ich unbedingt sehen möchte. Ich hatte sogar einmal die Idee, für eine Wochenzeitung eine Serie zu schreiben über richtig niveaulose Blockbuster-Filme, aber nicht, um mich darüber lustig zu machen, das wäre zu einfach. Ich wollte sie ernst nehmen und das als Erlebnisbericht aufschreiben. Weil mir der Gedanke gefallen hat, einmal die Woche einen Blockbuster zu sehen. Ich mag das. Vor allem Science-Fiction und alle Arten von Außerirdischen-Invasions-Filmen.

Sie meinen einen Film wie „Avatar“?

Das ist kein Invasions-Film. Aber den habe ich natürlich sofort gesehen, in New York. Am ersten Tag, als man noch gar nicht wusste, was einen erwartet. Ich war mit ein paar Freunden da, wir sind eine Stunde angestanden, um gute Plätze zu kriegen. Den neuen Cameron-Film, 3D, wollte ich ganz früh sehen. Und „Avatar“ zu sehen, ohne vorher gelesen zu haben, was einen erwartet, das war überwältigend.

Was hat Sie denn so überwältigt? War 3D für Sie solch ein physisches Erlebnis?

Es ist der visuelle Reichtum, diese ganze erfundene Welt. Die Bäume, der Dschungel, die Tiere, Man merkt, dass es nicht einfach nur hingezeichnet ist, sondern wirklich von Biologen entworfen. Man merkt, dass diese Bäume leben könnten. Es ist natürlich alles auf dem Computer gemacht. 3D allein ist es nicht. Bei Avatar ist es wirklich diese überwältigende Erfahrung, die der Film bietet. Man sieht wie durch ein Fenster in eine ganz reiche, komplexe, ganz und gar erfundene Welt. Ich wünschte nur, die Story wäre besser gewesen, die war idiotisch.

Bei einem Film verzeihen Sie sogar eine schwache Story?

Ja, weil es visuell so erstaunlich war. Ich fand Camerons „Titanic“ auch einen sehr guten Film. Da gibt es auch ein kluges und gut aufgebautes Drehbuch. Grundsätzlich wird jeder größere neue amerikanische Sciene-Fiction-Film von mir gesehen. Ich bin so gut wie immer enttäuscht, aber ich habe immer die echte, naive Hoffnung, etwas Tolles zu sehen. Manchmal wird das erfüllt, wie bei „Avatar“.

Sie sprechen vom Kino wie von einer Droge. Lassen Sie sich da gern in Ausnahmezustände versetzen?

Ja, ich mag das. Aber natürlich mag ich auch Filme, die das nicht versuchen. Ich bin ein großer Bewunderer von Lars von Trier. Ich war einer der wenigen Leute, die „Antichrist“ fantastisch fanden.

Sie haben Lars von Trier in einem Artikel über „Antichrist“ als „den größten Avantgardisten“ bezeichnet.

Darauf habe ich wütende Briefe bekommen, weil die Leute, die den Film nicht gesehen hatten, solch eine Berührungsangst mit diesem Thema hatten. Viele Leute hatten ja panische Furcht, diesen Film zu sehen. Nicht ganz zu Unrecht übrigens.

Legen Sie ans Kino andere Maßstäbe für sich an als an die Literatur, die Sie lesen?

Ich würde nicht einfach zum Vergnügen Tom Clancy oder John Grisham lesen und sagen, ich lese das, das hat kein Niveau, aber das macht mir Spaß. Das macht mir keinen Spaß. Aber Science-Fiction-Filme schon. Vielleicht weil sie das, was ich eigentlich mache, überhaupt nicht berühren.

Elfriede Jelinek guckt nachmittags Fernseh-Serien an, hat sie einmal bekannt.

Ja, das kann ich gut verstehen. Soaps sehe ich mir aber nicht an.

Sind Sie sicher, dass das, was Sie im Kino sehen, nicht doch Ihr Schreiben beeinflusst?

Ein Film wie „Battle L. A.“ hat mit meinem Schreiben wirklich nichts zu tun. Lars von Trier durchaus.

Warum ist Lars von Trier wichtig für Sie?

Sein Film „Dogville“ zum Beispiel zeigt das absurde Nebeneinander von Menschen auf engem Raum. Wenn man einfach Wände wegblendet, dann hat man die Situation, dass irgendwo eine Frau vergewaltigt wird und gleich daneben spielen Kinder. So ist es ja auch in der Welt. Nur ist eine Wand dazwischen, und deswegen denkt man, das wäre ein anderes Universum. Das Prinzip von Lars von Trier ist: Er nimmt eine These, die sich eigentlich nicht verteidigen lässt, und dann dreht er einen Film, um diese These zu verteidigen. Bei „Antichrist“ ist die These: Es gibt den Teufel, es gibt Hexen, sie gehören verbrannt. „Dogville“ spielt die These durch, dass Nächstenliebe und Verzeihen falsch sind. Richtig ist die Rache. Und Trier ist so stark in der emotionalen Steuerung des Zuschauers, dass man am Ende des Films fast immer den Punkt erreicht, dass man diese nicht zu verteidigende These für einen Augenblick für richtig hält.

Lars von Trier ist ein großer Manipulator.

Allerdings. Manche Leute wollen sich partout nicht manipulieren lassen und haben da eine starke Abwehrreaktion, auch Leute, die ich sehr respektiere. Aber ich lasse mich ganz gerne mal manipulieren von einem großen Künstler.

Sie werden doch gar nicht manipuliert, wenn Sie die Absicht durchschauen.

Es funktioniert trotzdem. Ich fand es bei „Dogville“ am Ende richtig, dass die Kinder erschossen werden. Man erlebt dieses Hinmorden aller Bewohner des Dorfes als eine Erleichterung. Als eine Befreiung, Erleichterung und eine große Gerechtigkeit. Endlich keine christliche Milde mehr. Und das ist eine ganz große Sache, die Kunst tun kann. Einem auf diese Weise, nein, ich will nicht sagen zu zeigen, dass man manipulierbar ist, das wäre zu platt pädagogisch, sondern einem zu zeigen, wie fragwürdig vieles ist, was man für sicher hält.

(Eine SMS piept auf Kehlmanns Handy. Er guckt nach.)

Sie sind immer wieder mit dem Handy beschäftigt – wie einige Figuren von „Ruhm“.

So handysüchtig bin ich nicht. Ich bin nur im Moment kurz vor dem Aufbruch nach New York. Dort werde ich in den nächsten Monaten an der New York University unterrichten, und jetzt warte ich auf Nachrichten wegen der Wohnung. Normalerweise gucke ich nicht in einem Gespräch dauernd aufs Handy. Ich bin nur gespannt, ob ich die Wohnung kriegen werde oder nicht.

Unterrichten Sie „Creative Writing“ – ein Fach, das künftige Schriftsteller hervorbringen soll?

Gott sei Dank nicht. Sondern einfach nur deutsche Literatur. Darüber bin ich auch froh. Mir hat ein befreundeter amerikanischer Autor erzählt, ich sage nicht wer, wie grauenvoll das ist, immer die schlechten Sachen von seinen Studenten lesen zu müssen. Ich hab ihn gefragt, sagst du ihnen, dass es schlecht ist, und er sagte: nein, „I give my love to everybody, that’s how I got tenure.“ Tenure ist die feste Anstellung, der Lehrstuhl sozusagen. Es war halb ein Scherz, aber nur halb. Aber so ist das eben, wenn die Performance des Lehrers nach der Zufriedenheit der Studenten beurteilt wird, dann heißt das, dass er nicht zu kritisch sein darf.

Deshalb machen solche Schreibkurse wohl niemanden zum Schriftsteller.

Ach doch, aber nur die, die ohnehin Schriftsteller geworden wären.

Gespräch: Christina Bylow

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