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Wladimir Kaminer im Interview "Im Film muss es knallen"

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer über seinen Tanzstil, die Integration von russischen Migranten in Berlin und die Verfilmung seines Buches „Russendisko“.

27.03.2012 16:27
Wladimir Kaminer. Foto: dpa

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer über seinen Tanzstil, die Integration von russischen Migranten in Berlin und die Verfilmung seines Buches „Russendisko“.

Privat ist er Russe und von Beruf deutscher Schriftsteller. Seit mehr als zwanzig Jahren lebt und arbeitet Wladimir Kaminer in Berlin. Mit Büchern wie „Russendisko“, "Militärmusik“ oder „Liebesgrüße aus Deutschland“ hat der gebürtige Moskauer vieles für die deutsch-russische Völkerverständigung getan. Nun wurde sein Bestseller „Russendisko“ verfilmt. Ein Gespräch mit dem Mann, der so unvergleichlich schön das R rollt.

Herr Kaminer, Sie sollen von der Verfilmung von „Russendisko“ überrascht gewesen sein und gesagt haben: ,Der Film ist deutlich besser geworden, als ich gedacht habe.’ Klingt, als hätten Sie mit dem Schlimmsten gerechnet?

Nein, aber ich hatte wenig Erfahrungen mit dem deutschen Film. Was ich bis jetzt gesehen habe, ging oft ins Klamaukhafte oder war übertrieben bedeutungsschwanger. Deshalb war ich misstrauisch, was die Verfilmung meines Buches anging. Aber ich glaube, dass dem Team etwas gelungen ist, was selten auf der deutschen Leinwand gelingt: Ein leichter schneller Film, eine Hymne auf die Jugend, in der Kulisse von Berlin Anfang der Neunzigerjahre mit toller Musik. Ich glaube, wenn der Film raus ist, tanzt ganz Deutschland zu unserer Musik.

Ihr Buch „Russendisko“ besteht aus Kurzgeschichten, der Film dagegen hat eine durchgängige Handlung. Haben Sie am Drehbuch mitgeschrieben?

Nein, ich habe mich von Anfang an rausgehalten. Die Arbeit eines Schriftstellers findet im Stillen statt. Er hat Zeit nachzudenken und muss nicht einem Dutzend Geldgeber gefallen. Beim Film ist das anders. Deshalb haben sie diese Liebesgeschichte reingeschrieben, weil ein Film ohne Liebe nicht bestehen kann. Ein Film muss wie ein Feuerwerk funktionieren, es muss knallen, bunt sein, und das alles auf einmal und am besten ständig.

Sie spielen in der Verfilmung einen polnischen Händler. Außerdem leihen Sie Ihre Stimme einem russischen Radiodoktor.

Ich habe mit meiner Familie den Drehort besucht, und um nicht nur herumzustehen, habe ich mir diese Rolle des polnischen Händlers ausgedacht, der eimerweise gefälschte Mauersteine an die Russen verkauft. Die Texte für den Radiodoktor haben wir am gleichen Tag aufgenommen.

Als Rahmenhandlung für den Film dient die Freundschaft zu zwei jungen Russen, mit denen Sie nach Deutschland auswandern. Gab es die wirklich?

Die gab es, volle Pulle. Der eine ist inzwischen in Amerika, er ist vor Jahren nach L.A. ausgewandert. Und kürzlich traf ich zufällig die Mutter des anderen auf der Straße. Sie hatte die Kinoplakate gesehen und sagte: ,Das soll Mischa sein? Der sieht doch ganz anders aus.’

Die Russendisko ist auch eine Partyreihe, die Sie seit 1996 veranstalten. Wenige Partyreihen in Berlin sind von so langer Dauer. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Der Hauptgrund sind wir, glaube ich. Weil wir das so menschenfreundlich gestalten und immer noch Spaß daran haben. Das schwappt über auf die Menschen, deswegen kommen sie zu uns.

Können Sie gut tanzen?

Inzwischen habe ich es gelernt. Ich hatte ja eine gute Schule: Ich tanze oft sechs bis sieben Stunden hinter dem DJ-Pult. Da würde sogar ein Kaninchen tanzen lernen.

Wie würden Sie Ihren Tanzstil beschreiben?

Ich würde sagen, das ist ein Tanzstil mit Courage. Bei der Russendisko können sich Deutsche und Russen besser kennenlernen.

Wissen Sie, wie viele deutsch-russische Ehen Sie schon gestiftet haben?

Jedes Jahr bekomme ich Fotos von Kindern zugeschickt, die aus Bekanntschaften hervorgegangen sind, die bei der Russendisko entstanden sind. Manche von diesen Kindern gehen bereits aufs Gymnasium.

Finden Sie, dass russische Einwanderer in Berlin gut integriert sind?

Ich glaube, dass die Integration ein fortwährender Prozess ist, an dem alle beteiligt sind. Nicht nur die Russen oder die Ausländer, sondern auch die Einheimischen. Und nur so flexible Konstruktionen wie in Berlin können langfristig auch bestehen. Wo jedes Jahr ein anderer Bezirk als Zentrum gefeiert wird, wo große Mengen von Menschen hin- und herziehen. Das ist ein perfektes Pflaster für das, was Sie als Integration bezeichnen.

In Berlin hat man auch die Möglichkeit, auf russische Anbieter zurückzugreifen. Kaufen Sie im russischen Supermarkt ein?

Ich gehe da ab und zu mal hin, zum Beispiel um Salzgurken zu kaufen. Die Deutschen können kein Gemüse richtig einlegen, die bringen ihre Gurken mit Essig um.

Worüber können Sie sich nach 20 Jahren in Ihrer Wahlheimat noch aufregen?

Über diese immer wieder aufflackernde Diskussion über das Deutschland, das sich abschafft. Sicher ist das Leben eines Landes immer im Fluss: Ein Deutschland schafft sich ab, aber dafür entsteht auch ein neues. Die Angst vor der Zukunft ist hier etwas übertrieben. Man verliert dann oft den Blick für die Gegenwart.

Sie sind so etwas wie der Lieblingsrusse der Deutschen. Wie hoch ist Ihr Bekanntheitsgrad in Russland?

In Russland bin ich nicht so bekannt. Wenn ich mal russische Fernsehreporter bei mir zu Hause habe, dann, weil die Landsleute zeigen wollen, die in anderen Ländern etwas erreicht haben. Da finden sie dann jemanden in Argentinien, der Rinder züchtet, in Frankreich einen russischen Winzer und in Deutschland einen Russen, der deutscher Schriftsteller geworden ist.

Das Interview führte Elke Eckert.

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