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Ulrich Kasparick Vom Bundestag ins Pfarramt

Ulrich Kasparick war einst ein Spitzenpolitiker. Das hektische Tempo macht ihn krank: Schlaganfall, Krebs. Kasparick zieht die Notbremse. Jetzt leitet er eine 500-köpfige Kirchengemeinde im brandenburgischen Hetzdorf. Und pflegt einen Internet-Garten.

Freut sich jetzt an Rosen: Ulrich Kasparick. Foto: Markus Wächter

Ulrich Kasparick war einst ein Spitzenpolitiker. Das hektische Tempo macht ihn krank: Schlaganfall, Krebs. Kasparick zieht die Notbremse. Jetzt leitet er eine 500-köpfige Kirchengemeinde im brandenburgischen Hetzdorf. Und pflegt einen Internet-Garten.

Irgendwann holt der Pfarrer den Blackberry raus und kniet nieder. Er hält die Linse auf die Rosenblüte vor ihm und betätigt den Auslöser. Wenige Augenblicke später erscheint der Schnappschuss auf seiner Facebook-Seite: „Der Internetgarten in Hetzdorf (Uckerland)“. Ulrich Kasparick ist zufrieden.

Das Spirituelle und die High Technologie bringt er spielend unter einen Hut. Nur dass die Einheimischen nicht immer verstehen, was der Mann treibt. „Wat willer? ’n Internetgarten?“, haben sie gefragt, als es losging. Das amüsiert den 54-Jährigen. Tatsächlich fließen in dem Blackberry und dem, was er damit anstellt, Kasparicks altes und sein neues Leben zusammen – zwei Leben, zwischen denen es sonst kaum eine Brücke gibt.

Vor zwei Jahren hat Ulrich Kasparick getan, was der moderne Mensch so tut, wenn er eine Krise bewältigt: Er hat ein Buch geschrieben. „Notbremse“, hieß das Werk. Untertitel: „Ein Politjunkie entdeckt die Stille“. Es spiegelt die Seelenarbeit eines Zeitgenossen, der jahrelang als kleiner Staatsmann unterwegs war, der jetzt aber nicht mehr kann und der auch nicht mehr will – wobei das Können und das Wollen nicht so leicht zu trennen sind. Das Buch sei ein Zeugnis seiner Zerrissenheit gewesen, sagt Kasparick, als wir unter sengender Sonne vor dem Pfarrhaus von Hetzdorf stehen. Vor seinem Pfarrhaus. Heute, so wirkt es jedenfalls, scheint die Zerrissenheit fast vollkommen verflogen zu sein.

Pausbacken, mehr Kilos

Der Mann, 1957 in Südbrandenburg geboren, hatte in der DDR Theologie studiert. Während der Wendezeit geriet er in die Politik. Kasparick war Anfang der 90er-Jahre zunächst Geschäftsführer des Vereins für Politische Bildung und Soziale Demokratie e.V., von 1992 bis 1998 leitete er das Büro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Magdeburg. Von dort war es nicht mehr weit zu einer Bundestagskandidatur für die Sozialdemokraten. Dreimal holte Kasparick seinen Wahlkreis in der Magdeburger Börde direkt. Doch in Berlin ging’s erst richtig los.

Der Protestant wurde 2004 Parlamentarischer Staatssekretär im Bildungs-, 2005 im Verkehrsministerium. Und Parlamentarischer Staatssekretär zu sein, das bedeutete für ihn: viel Arbeit.

Einerseits habe er den Kontakt zum Bundestag gehalten, sagt Kasparick. Wenn der jeweils zuständige Ausschuss Informationen begehrte, dann kam in der Regel nicht der Minister. Es kamen die Staatssekretäre. Mit der Vertretung nach außen verhielt es sich oft ähnlich. Und so war Kasparick fleißig unterwegs – im Inland sowieso, aber auch im Ausland. Tief im Westen zum Beispiel, in San Francisco. Oder tief im Osten, in Seoul. Die bei Google sichtbaren Bilder zeigen einen pausbäckigen Mann, der ein paar Kilo mehr wiegt – mit Schlips und Kragen, versteht sich. Heute wird die Hose gerade noch so von den Hüftknochen gehalten.

Subjektiv habe man das Gefühl einer rasanten Geschwindigkeit gehabt, erinnert sich der ehemalige SPD-Politiker. Doch objektiv sei das Tempo zur Lösung der Probleme eher gering gewesen. Wie auch immer: Für Kasparick war’s zu hoch. Jedenfalls sieht er das heute so. Er erlitt einen Schlaganfall, erkrankte an Nierenkrebs. Die Ehe geriet ins Wanken. Kasparicks Diagnose fiel eindeutig aus: „Alter, Du läufst zu schnell!“

Der Schnitt war dann radikal. Kasparick trat 2009 nicht mehr zur Bundestagswahl an. Er ging in sich, schrieb das Buch, wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefragt, ob er als Repräsentant für drei afrikanische Länder nach Kenia übersiedeln wolle – und lehnte ab. Zu hohes Tempo.

2011 kehrte Kasparick der Politik endgültig den Rücken und trat die Pfarrstelle in Hetzdorf an, während ein gewisser Pastor Joachim Gauck seither im politischen Berlin aufs Gaspedal drückt. Pastorentochter Angela Merkel kommt aus dem benachbarten Templin. Für 20 Ortschaften, elf Kirchen und neun Friedhöfe in der Uckermark ist er verantwortlich – wiewohl dabei trotzdem nur 500 Christen zusammen kommen, von denen die Hälfte über 70 ist. Acht Beerdigungen habe er seit Oktober abhalten müssen, sagt Ulrich Kasparick. „Geht eigentlich.“ Er sagt auch: „Wer hier lebt, muss sich was einfallen lassen.“ Das macht er.

Zeit zum Denken

Kasparick lädt zu Konzerten und Lesungen ein. Die 750 Jahre alte Wehrkirche und das Pfarrhaus mit dem großen Garten bieten Möglichkeiten. Er gibt Computerkurse für Ältere. Hetzdorf ist seit kurzem mit online-fähigen Leitungen versorgt. Ohne Social Media sei man in der Diaspora verloren, findet der Pfarrer. Er hat einen Blog, eine persönliche Internetseite und natürlich eine Facebook-Seite.

Irgendwann kam ihm die Idee mit dem Internet-Garten. So bat Kasparick Menschen in Nah und Fern, ihm Rosen zu schicken. Die taten das. Einen Teil des Grundstücks ließ er mit den Rosen bepflanzen. Die wiederum stellt er zur Freude der Gemeinde ins Netz. Derart wird Hetzdorf viel größer, als es ist. Man könnte sagen, der Ort ende im Westen in San Francisco, im Osten in Seoul.

Die Kontakte seien „der eigentliche Wert“, sagt Ulrich Kasparick. Und die spirituelle Bedeutung der Rose, an der sich die Perser einst schon erfreuten.

Ob er manchmal noch Sehnsucht hat nach dem Regierungsviertel? „Der Betrieb fehlt mir nicht“, sagt der Pfarrer und zieht an seiner Zigarette. „Aber ich bin noch interessiert dabei.“ Seine Diagnose ist klar: Je schneller sich die Welt drehe, desto mehr müssten sich die Verantwortlichen Zeit zum Nachdenken nehmen. Doch sie hätten die Zeit nicht. Oder sie nähmen sie sich nicht.

Sie lassen sich lieber von jenem Blackberry treiben, mit dem Ulrich Kasparick heute seine Rosen knipst.

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