26. Februar 20172°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Tatort Kommissarin ChrisTine Urspruch Kleine Frau, große Kraft, viel Humor

Berühmt wurde sie als "Sams", im Münsteraner Tatort wird sie wie der Wagner-Zwerg "Alberich genannt. Ein Gespräch mit der Schauspielerin ChrisTine Urspruch über neugierige Blicke, entwürdigende Fototermine und den Wunsch, einfach mal eine Frau zu spielen.

27.06.2012 17:00
Von Irene Bazinger
Irgendwann fragte meine Tochter: Du bist ganz schön klein, Mama. Warum? Ich habe geantwortet: Ich bin einfach nicht größer gewachsen. Die Schauspielerin ChrisTine Urspruch ist 1,32 Meter groß. Foto: BLZ/Pablo Castagnola

Berühmt wurde sie als "Sams", im Münsteraner Tatort wird sie wie der Wagner-Zwerg "Alberich genannt. Ein Gespräch mit der Schauspielerin ChrisTine Urspruch über neugierige Blicke, entwürdigende Fototermine und den Wunsch, einfach mal eine Frau zu spielen.

Kaum sind ein paar Minuten vergangen, denkt man schon nicht mehr daran, dass die Schauspielerin ChrisTine Urspruch viel kleiner ist als die meisten Menschen. Sie lacht laut, redet schnell und ist für alle Fragen offen. Dass sie mit sich im Reinen ist, spürt man, egal, ob sie über ihr Privatleben spricht oder über ihre Rollen, ob sie auf der Bühne steht oder vor der Kamera. Ihre Pumps sind gefährlich spitz, was sie nicht hindert, energisch durch das Foyer der Volksbühne zu eilen. Verkehrte Welt: Nicht sie kommt einem klein vor, man selbst fühlt sich plötzlich wie ein Elefant.

Frau Urspruch, was hat es denn mit Ihrem Vornamen auf sich?

Sie meinen, weil ich ihn mit einem großen „T“ in der Mitte schreibe? Für mich ist es ein Spiel mit Klein und Groß, aber spielerisch im kreativen Sinne. Ich wollte mir die Freiheit nehmen, und meinen Namen nach meinem eigenen Geschmack schreiben. Dieses große „T“ ist ein bisschen wie mein persönliches Ausrufezeichen.

Mit Ihren 1,32 Meter Körpergröße sind Sie wahrscheinlich der bekannteste kleinwüchsige Mensch in Deutschland, die bekannteste kleinwüchsige Schauspielerin auf jeden Fall.

Kann sein, das liegt natürlich am Fernsehen und am „Tatort“ aus Münster, der mit – ich glaube – durchschnittlich zehn Millionen Zuschauern pro Folge so beliebt ist wie kein anderer.

In diesem „Tatort“ wird Ihre Körpergröße auf sehr komische Weise immer wieder zum Thema gemacht – ohne dass die Figur der Gerichtsmedizinerin Silke Haller, die ihr Chef nach dem Zwerg in Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ Alberich nennt, dadurch diskriminiert wird, oder?

Die Filme schweigen eben die Unterschiede zwischen den Menschen nicht tot und tun nicht einfach so, als wäre ich so groß wie Axel Prahl, Jan Josef Liefers oder die anderen Kollegen, nach dem Motto: Darüber spricht man nicht. Gern wenden die Autoren die Holzhammermethode an, aber, wie ich finde, mit Ironie und System. Ich würde nicht so spielen wollen, als wäre ich nicht kleinwüchsig, oder als täte meine Größe nichts zur Sache, denn das tut sie schon. Ich will sie auch nicht negieren. Sie bestimmt in gewisser Weise meine Person und ist etwas, das ich als persönliche Note in meine Rollen einbringe.

Es scheint, dass Alberich wegen ihrer Größe nie leidet?

Ja, so ist es, für sie ist ihre Körpergröße kein Problem. Und auch nicht für ihren Chef Börne, der sie als Mitarbeiterin schätzt und respektiert, sonst wäre sie schon längst weg vom Fenster. Und Alberich kann sich gegen ihn und seine demonstrative Arroganz behaupten. Sie ist eine starke Persönlichkeit. Ich finde es toll, dass dieser ganze Themenkomplex – Kleinwüchsigkeit, Diskriminierung, Behinderung – in unseren „Tatorten“ einen solchen Stellenwert bekommt, obwohl wir ja „nur Unterhaltung“ produzieren. Dadurch sorgen wir vielleicht ein bisschen für ein anderes Selbstverständnis in der Gesellschaft – indem wir zeigen, dass es Leute gibt, die äußerlich zwar anders sind, quasi einen Makel haben, aber sich sonst nicht wirklich vom Rest der Bevölkerung unterscheiden.

Sie hat Ihre körperliche Abweichung nicht daran gehindert, sich in aller Öffentlichkeit zu präsentieren. Wie wurden Sie Schauspielerin?

Ich habe schon im Kindergarten damit angefangen. In meiner allerersten Aufführung spielte ich einen Matrosen. Worum es sonst noch ging, habe ich vergessen. Jedenfalls musste ich auf einen Tisch steigen, der ein Schiff darstellte, und rufen: „Land in Sicht!“ Das war mein erster Satz auf der Bühne. Als es so weit war, klettere ich also auf den Tisch, fand es irre spannend, war wahrscheinlich auch aufgeregt und habe deshalb eine Sekunde lang gezögert, ehe ich meinen Satz sagte. Und da bemerkte ich die ungeheure Aufmerksamkeit, die ich seitens des Publikums mit der ungewollten Pause erregte. Das hat mir total gefallen, dieser Moment, in dem mich alle anschauten und sich fragten, was wohl jetzt kommen würde.

Damals waren Sie ein Kind unter Kindern. Wie beeinflusste es Ihre Neigung zum Theater, dass Sie mit zwölf Jahren nicht weiter wuchsen?

Ich bin weiterhin sehr gern ins Stadttheater Remscheid gegangen, da hatte ich ein Abonnement. Theater fand ich als Ereignis ganz toll, dass man Geschichten erzählt bekam und auf der Bühne eine Welt für sich entstand. Mit 18, 19 Jahren habe ich mich einer Theatergruppe an der städtischen Kunst- und Musikschule in Remscheid angeschlossen, wir nannten uns „Brot und Spiele“. Da hatte ich zweimal pro Woche Unterricht bei einem Theaterpädagogen, wir haben Improvisationsspiele, Sprachübungen und Musik gemacht. Und so habe ich von der Pike auf alles gelernt, wir waren ja für alles selbst zuständig, wenn es um eine Inszenierung ging. Es war wie der Ursprung des Theaters: Geschichten erzählen, sich verwandeln, aus Nichts mit wenigen Mitteln etwas Großes machen.

Wie ist es, ein Sams zu sein?

Möchte man nicht, wenn man Schauspieler wird, alle Rollen von der Königin bis zur Putzfrau spielen?

Ja, genau, ich will das auch! An die Schauspielerei als Beruf habe ich mich erstmal nicht getraut, weil ich Angst hatte, an einer Schauspielschule abgelehnt zu werden, oder, wenn ich angenommen würde, später auf mein Äußeres reduziert zu werden und nur Freakrollen zu bekommen. Also habe ich zunächst Deutsch und Englisch studiert, jedoch weiterhin stark mit der Schauspielerei geliebäugelt. Anfang der Neunzigerjahre habe ich mich dann in eine Künstlerkartei eintragen lassen, und so ging’s los. Ich bekam meine erste Rolle, zwar eine Kinderrolle, aber immerhin am Schauspiel Bonn – einem richtigen Theater! Daraufhin folgten weitere Engagements. Mein Studium habe ich bald sausen lassen und mich ganz auf die Schauspielerei konzentriert. Ausschlaggebend war auch, dass mir der Regisseur András Fricsay in Bonn irgendwann die Rolle der Ophelia in „Hamlet“ anvertraute. Weil das eine klassische Rolle in einem klassischen Stück ist, hat er mir gezeigt, dass es nicht nur um meine Größe ging. Es war so eine Ermunterung und Bestätigung für mich! Ich wünsche mir weiter klassische Frauenrollen, wie Ibsens Nora! In dieser Hinsicht gibt es leider noch wenige Angebote, aber immerhin ein paar.

Gerade Nora, die sich aus ihren Zwängen befreit und vom Objekt zum Subjekt entwickelt, würde in Ihrer Gestalt noch ganz andere Facetten gewinnen können, oder?

Genau, und neue Betrachtungsweisen anstoßen können. Eigentlich denke ich, ist es ein Vorteil meiner Person, dass die gängigen Kategorien überflüssig werden und sich ins Nichts auflösen, weil es letztlich unwichtig ist, ob jemand groß oder klein, dick oder dünn ist. Gebt den Gedanken freien Lauf! Wir können die Schubladen und Normen allmählich echt entsorgen.

Im Moment werden Sie offenbar eher für bestimmte Rollen angefragt?

Das stimmt, aber es sind sehr schöne Sachen darunter. Am Wiener Volkstheater spiele ich bald eine kleinwüchsige Frau in Peter Turrinis „Der Riese vom Steinfeldt“. Was sie ausmacht, ist eine tiefe Leidenschaft, ein großes Begehren – Eigenschaften, die mit ihrem Körpermaß nichts zu tun haben. Für mich ist das wunderbar, kann ich doch wieder einmal eine erwachsene Frau spielen und komme so heraus aus der Ecke der Zwerge, Kobolde, Märchenwesen. Das gelang mir auch, als ich die verrückte Krankenschwester Annie Wilkes in „Misery“ von Stephen King in Bregenz spielte. Natürlich gab es ein paar abstruse Momente, als sie zum Beispiel den verletzten Schriftsteller, den sie zu Hause gefangen hält, aus dem Bett heraushieven muss – da legte ich mir den Kerl von 1,80 Meter über die Schulter! So ergaben sich etliche ungewöhnliche spielerische Möglichkeiten für die Aufführung, die im Übrigen mein Mann Tobias Materna inszeniert hatte.

In diesem Jahr sah man Sie sogar beim Berliner Theatertreffen, in Herbert Fritschs umjubelter Volksbühnen-Inszenierung der Boulevardkomödie „Die (s)panische Fliege“. Wie kamen Sie zueinander?

Über meinen Mann, dessen Vater mit Herbert Fritsch in den 1970er-Jahren in Heidelberg zusammen Theater gespielt hat. Unabhängig davon habe ich Herbert Fritsch schon früher an der Volksbühne bewundert, wenn ich in Berlin war. Es ist so toll mit der „Fliege“ – die Aufführungen sind immer ausverkauft. Ich sitze zu Stückbeginn meist noch in der Maske, weil ich erst viel später auftrete, und dann ist es mir eine diebische Freude, wenn ich die Durchsage des Inspizienten höre, dass wir ein paar Minuten später anfangen, weil es so einen großen Andrang an der Kasse gibt.

Auch in dieser Inszenierung wird Ihre Körpergröße eingesetzt, um die Geschichte zu erzählen.

Das fängt schon beim Bühnenbild an, einem riesigen Teppich, der hinten eine steile Falte wirft. Alle hüpfen dort herum, denn im Boden ist ein Trampolin eingearbeitet. Ich jedoch als die falsche spanische Fliege – eine anrüchige Tänzerin, mit der alle Männer etwas hatten – renne immer nur gegen diese Faltenwand, ohne drüberzukommen. Ich pralle wie eine Stubenfliege dagegen und rutsche wieder ab. Dazu trage ich eine extrem hohe Perücke, bestimmt siebzig Zentimeter lang. Auch hier setze ich als Schauspielerin natürlich auf die Vorzüge, die meine Größe mit sich bringt. Weil ich so klein bin, müssen sich meine Spielpartner zu mir herabbeugen und daraus kann man allerlei Slapstick entwickeln. Oder eben auch, dass meine Perücke mich optisch unübersehbar vergrößert. Ich trage sie aber einfach so, als wäre dieses Monster die natürlichste Sache der Welt, und kommentiere es durch mein Spiel nicht. Die Komik geht auf, die Zuschauer lachen und lachen. Vom Spiel her ist es mir auch wichtig, diese Frau nicht zu denunzieren, denn sie kann ja nichts dafür, dass alles aus dem Ruder läuft. Sie tritt auf und weiß nicht, was ihr widerfährt – sie wird verwechselt und es dauert eine Weile, bis sie mitkriegt, worum es eigentlich geht. Denn sie möchte lediglich die Heirat ihres Sohnes arrangieren und seine Verlobung feiern. Sie kommt mit ganz bürgerlichen Absichten an – und gerät in eine Art Irrenhaus. Die Fallhöhe aus dieser Ernsthaftigkeit und die Dringlichkeit ihres Anliegens führt dann zu der abgründigen Komik des Stücks und der Inszenierung.

Ihre Sehnsucht nach „richtigen“ Frauenrollen hat Sie aber nicht davon abgehalten, in die Rolle des kindähnlichen Geschöpfes namens Sams zu schlüpfen, und nun schon den dritten Film mit blauen Wunschpunkten im Gesicht zu spielen. Wie kam’s?

Als mich meine Agentin vor dem ersten Sams-Casting anrief, weil ich dazu eingeladen worden war, dachte ich, nein, da gehe ich nicht hin, das Sams ist genau die Art Rolle, die ich unbedingt vermeiden wollte. Doch als ich das Drehbuch gelesen hatte, war ich begeistert – dieses freche, anarchistische, spaßige, genussvolle Wesen ist toll zu spielen. Das Drehen hat natürlich riesigen Spaß gemacht. Aber es gab schon seltsame Momente: Meine Kollegin Aglaia Szyszkowitz als Margarete März wurde in der Maske wunderhübsch geschminkt und kriegte prächtige Kleider – und ich, die ich ja auch eitel bin, bekam eine Rüsselnase angeklebt und einen Bauch, damit man meinen Busen nicht mehr sieht, und wurde in einen Taucheranzug gesteckt! Ach, was soll’s, habe ich mir gesagt, schlussendlich ist das Sams die geilste Rolle in diesen Filmen! Und es hat eine unerschöpfliche Bandbreite an Emotionen. Ich bin wirklich stolz auf meine Rolle!

Wachsen Ihnen manchmal Dinge über den Kopf?

Es ist schon immer eine Herausforderung, Beruf und Familie zeitlich-organisatorisch unter einen Hut zu bringen. Wenn ich in Berlin auf der Bühne stehe, liebe ich genau dieses Leben sehr. Wenn ich zu Hause im Allgäu bin, meine Tochter aus der Schule abhole und das Mittagessen zubereite, liebe ich dieses ruhige Leben auch sehr! Bloß die Übergänge zwischen den Welten sind oft anstrengend. Wenn ich zu Hause bin, kann ich mir vorstellen, nur noch zu kochen, meinen Garten zu bestellen, privat zu sein. Aber nach zwei Wochen merke ich, oh, eigentlich könnte ich wieder los und drehen oder eine Vorstellung spielen … Und wenn ich arbeite, denke ich mir, ach, eigentlich ist das toll, sich rund um die Uhr mit der Kunst und mit Kunstfiguren auseinanderzusetzen … Nach ein paar Tagen allerdings kriege ich wieder Sehnsucht nach daheim. Es wird mir auf jeden Fall nie langweilig!

Das Kleinsein nervt manchmal

Wie groß ist Ihre Tochter?

Lilo – wie Lilo Pulver – ist jetzt sieben Jahre alt und fast so groß wie ich. Sie geht mir bis zu den Augenbrauen. Irgendwann hat sie gesagt: Du bist ja ganz schön klein, Mama. Warum? Da war sie vielleicht fünf Jahre alt. Bis dahin hat sie meine Kleinheit ganz selbstverständlich zur Kenntnis genommen. Ich habe geantwortet: Ich bin einfach nicht größer gewachsen. Das sagt sie jetzt auch manchmal, wenn sie jemand darauf anspricht. Damit ist das Thema meistens erledigt. Sie freut sich darauf, dass sie schon bald meine Kleider und Schuhe anziehen kann. Ich bin gespannt, wie es wird, wenn sie größer als ich ist. Es sieht aus, als ob sie normal wächst, doch mein Mann und ich haben das weder in meiner Schwangerschaft noch später untersuchen lassen. Man muss nicht alles diagnostizieren. Ich finde diese neue Art von Selektion ganz schlimm. Was ist das für ein Weltbild, nach dem wir alle perfekt sein sollen? Jemand, der ein bisschen aus der Norm ausschert, gilt gleich als Problemfall. Letztlich ist es aber die Vielfalt, die uns auch evolutionär weiterbringt.

Werden Sie in der Öffentlichkeit angestarrt?

Natürlich, einerseits, weil man mich aus dem Fernsehen kennt, andererseits aber auch wegen meiner Größe. Kinder haben mich nicht unbedingt im „Tatort“ gesehen und starren mich eigentlich immer an. Das ist okay. Ich würde es selbst wahrscheinlich nicht anders machen. Das entspricht ja einer natürlichen Neugier.

Was halten Sie von dem Satz, den sich viele gehandicapte Menschen zu eigen machen müssen: „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert“?

Ich gebe mich diesem Thema nicht hin, denn wenn ich damit einmal anfange, gerate ich vielleicht in eine bestimmte Ecke hinein und werde tatsächlich behindert. Doch so fühle ich mich nicht. Freilich gibt es banale, alltägliche Dinge, die für mich schwerer zu bewerkstelligen sind als für andere Menschen. Zum Beispiel kam ich neulich im Hotel im Frühstücksraum nicht an die Gläser heran, weil die hoch oben im Regal standen. Deshalb bin ich herumscharwenzelt, bis mir jemand half. Zu Hause komme ich auch an manches nicht heran und hole mir halt eine Leiter. Autofahren kann ich, da gibt es Hilfsmittel wie etwa Pedalerhöhungen. Aber ich würde auch sehr gern Vespa fahren! Und das geht nicht. Ich kann sie nicht allein halten, sie ist zu schwer.

Und dann wünschen Sie sich, einen halben Meter länger zu sein?

Ach, das würde ich nicht sagen, ich bin, wie ich bin, und das ist gut so. Bloß einmal war eine Volleyballmannschaft im Flugzeug, lauter Hünen. Ich stand nach der Landung hinter ihnen und bekam ihre riesigen Rucksäcke ins Gesicht, grässlich! Es gibt Momente, da denke ich mir, in der Masse bin ich nicht gut aufgehoben. Wenn es im Gedränge zu eng wird, fühle ich mich nicht wohl. Man beachtet mich dann nicht und nimmt mich auch nicht wahr, weil ich aus dem üblichen Sichtfeld verschwinde. Da wünsche ich mir wirklich, ich wäre 1,80 m groß und könnte allen in die Augen schauen.

Rollstuhlfahrer hassen es, wie ein Gepäckstück irgendwohin gehoben zu werden, wenn es keine Rampe gibt, die sie befahren können. Wie ist das bei Ihnen, werden Sie auch gelegentlich gehoben?

Leider, ja, zum Beispiel bei manchen Fototerminen, wie gerade zu den „Sams“-Filmen, die sich ja in erster Linie an ein Kinderpublikum richten. Einmal fand jemand bei einem dieser Anlässe, es wäre ein ganz süßes Motiv, wenn mich Ulrich Noethen, der den Adoptivvater des Sams spielt, auf den Arm nehmen würde … Da musste ich schon schlucken und mir zureden: „Schalte um, es geht jetzt um die Filmfigur!“ Denn es kann nicht sein, dass mich jemand als erwachsene Frau von über vierzig Jahren einfach auf den Arm nimmt wie ein Kind oder wie jemand, der nicht selbstständig genug ist und ohne Rechte. Dadurch fühle ich mich manchmal in der Tat beleidigt und entmündigt. Hin und wieder werde ich auch gefragt, wenn ich mit jemandem die Treppe hochgehe, ob ich das denn ohne Probleme schaffe. Ich bin eigentlich ein sportlicher Mensch und habe keine körperlichen Einschränkungen. Das kann mein Gegenüber nicht wissen. Aber es ist so etwas, das mich kratzt, weil ich mir denke, warum soll ich denn die Stufen nicht bewältigen? Die Fragen sind nett gemeint, doch ich muss mich wegen meines Körpers immer irgendwie erklären. Und, glauben Sie mir: Das nervt.

Konfrontieren Sie Menschen durch Ihre Kleinwüchsigkeit mit etwas, womit man nichts zu tun haben will?

Vielleicht habe ich derlei einfach nie wahrhaben wollen, das will ich gar nicht ausschließen. Denn ich war eigentlich immer integriert, hatte Freunde, war in Sportvereinen und in Tanzkursen akzeptiert. Ich erlebte und erlebe Diskriminierungen tatsächlich sehr selten. Das mag mit meiner offensiven oder auch progressiven Art zusammenhängen, in die Welt hinauszugehen und jemanden, der sich mir gegenüber ablehnend verhält, gar nicht wahrzunehmen. Klar gibt es manchmal doofe Sprüche, aber nichts, was mich wirklich runterziehen oder belasten würde. Da stehe ich, klein oder nicht, einfach drüber.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum