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Sting und Shaggy Von Willkür und Liebe

Sting und Shaggy trennen Welten, trotzdem haben sich die beiden Musiker für ein Album und eine kleine Tour zusammengetan. FR-Autorin Dagmar Leischow traf das ungleiche Paar in London.

Sting und Shaggy
Gegensätze ziehen sich an: Für das seltsame Gespann gibt es aber nicht nur positive Kritiken. Foto: afp

London zeigt sich nicht gerade von seiner besten Seite: grauer Himmel, Nieselregen. Möglicherweise ist das Wetter Schuld an Shaggys Miesepetrigkeit. Mit mürrischer Miene sitzt der jamaikanische Reggae-Musiker neben dem sonnengebräunten Sting in einem Raum, dessen hohe Decke keinen Zweifel daran lässt, wo man sich befindet: in einer Kirche. In der Union Chapel im Stadtteil Islington, um präzise zu sein. Hier finden normalerweise Hochzeiten oder Taufen statt, oftmals auch Konzerte.

In einem Nebenraum probt gerade ein Chor, während Sting, 66 Jahre alt, und der 49-jährige Shaggy die Entstehungsgeschichte ihrer gemeinsamen CD „44/876“ Revue passieren lassen. „Eigentlich sollte ich Shaggy nur als Gastsänger und Co-Autor bei dem Lied ,Don’t make me wait‘ aushelfen“, sagt Sting. „Doch dann entstand ein Song nach dem nächsten.“ Bald erreichten die Musiker einen Punkt, an dem sie genügend Material für ein Album hatten. Im Studio, beteuert Sting, sei es nie krampfig gewesen: „Wenn wir nicht gerade gesungen haben, haben wir gelacht.“

Offenbar hatten Sting und Shaggy ziemlichen Spaß miteinander. Im Vorfeld wirbelte die Kollaboration dieses ungleichen Duos trotzdem ordentlich Staub auf. Die Emotionen der Fans schaukelten sich in den sozialen Medien zu einem regelrechten Shitstorm hoch. Ein Twitter-User nannte die zwei Musiker empört „das willkürlichste Duo, das es je gab“. In der Tat trennen die beiden Welten – nicht nur wegen des Altersunterschieds. Shaggy, der mit 18 Jahren in die USA auswanderte, war 1991 während des Golfkriegs als amerikanischer Soldat in Kuwait stationiert. Sting erzählt seit Jahrzehnten jedem, er sei Pazifist. Gern fokussiert er sich in seinen Stücken auf gesellschaftliche oder politische Missstände. Das macht ihn in Akademikerkreisen so populär. Shaggy wiederum frönt bekanntlich mit Gute-Laune-Krachern wie „Boombastic“ dem Hedonismus. Zum Tanzen reicht das, für Denkanstöße nicht.

Was also mag diese unterschiedlichen Künstler verbinden? Ihre Liebe zum Reggae. Besonders in der Anfangsphase seiner legendären Band Police orientierte sich Sting sehr an diesem Musikstil. In den frühen 80er Jahren zog es ihn immer wieder nach Jamaika – teils um mit seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau Trudie Styler vor der Presse zu fliehen, teils um sich vom Flair der Karibik inspirieren zu lassen. Danach allerdings war er eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr in Jamaika – bis ihn Shaggy zu einem Benefizkonzert nach Kingston einlud. Dort war ausnahmsweise mal nicht er der Superstar, sondern Shaggy: „Shaggy ist quasi der jamaikanische Papst. Auf der Straße stürzen sich alle auf ihn.“

Das war der Hauptgrund, weshalb die beiden Musiker ihre Platte im Sear Studio in Manhattan aufgenommen haben, nicht in Kingston. „In Jamaika“, glaubt Shaggy, „wären wir nie im Studio angekommen. Vermutlich hätten wir mit Einheimischen am Strand gechillt und etwas geraucht.“ In New York City dagegen spielten Sting und Shaggy „44/876“ innerhalb von sechs Wochen ein. Um sie herum waren stets Musikerkollegen, viele Jamaikaner wie Robbie Shakespeare oder Aidonia. „Nicht alle haben mit uns musiziert“, so Sting. „Einige waren lediglich für den richtigen Vibe da.“

Auch Shaggy empfand die Zusammenarbeit mit Sting durchaus als Herausforderung. Stings Experimentierfreude – manchmal wechselte er innerhalb eines Liedes gnadenlos von einer Tonart in eine andere – stellte ihn auf eine harte Probe: „Sting hat mir eine Lektion in Sachen Geduld erteilt.“ Im Gegenzug verlangte Shaggy seinem Mitstreiter bisweilen mehr Spontanität ab: „Im Studio standen wir nebeneinander, jeder hatte ein Mikrofon vor sich“, sagt er. Und dann brauchte es nicht mehr als die Magie des Augenblicks: „Wir haben einfach unsere Ideen rausgelassen, ohne großartig nachzudenken. Das war für Sting gar nicht so leicht.“

Funktioniert hat das Wechselspiel zwischen fein austarierter Detailarbeit und Impulsivität aber erstaunlich gut. „44/876“ ist ein ideenreiches, flüssig zu hörendes Album. So kann das in Richtung Pop strebende „Dreaming of the USA“ durchaus als Hommage an die Vereinigten Staaten verstanden werden. Einerseits schwärmt Sting von den USA als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, andererseits ist das in der Trump-Ära ein wunder Punkt, denn: „Mit dem Amerika, das Mauern bauen und Moslems loswerden will, kann ich mich nicht identifizieren“, sagt Sting. Bevor er sich allerdings richtig heißreden kann, schaltet sich Shaggy ein. „Nicht jeder Amerikaner steht hinter Trump“, beschwichtigt er. „Zudem könnte unser Song doch dazu beitragen, den Menschen wieder das ins Gedächtnis zu rufen, wofür die USA von jeher stehen: für Freiheit und Toleranz.“

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