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Reisen und Schreiben "Unsere Gier wird uns abschaffen"

Andreas Altmann gehört zu den profiliertesten deutschen Reiseschriftstellern. Sieben, acht Monate pro Jahr ist er unterwegs. Im Interview spricht er die Flucht vor dem Alltag und falsche Scham bei Schriftstellern.

16.03.2013 16:14
Christine Hoch
Liebt die deutliche Sprache: Andreas Altmann. Foto: imago

Vor zwei Jahren veröffentlichte er seine Autobiografie „Das Scheißleben meiner Mutter, das Scheißleben meines Vaters und meine eigene Scheißjugend“ – Vor Kurzem stellte er sein neues Buch, „Dies beschissen schöne Leben – Geschichten eines Davongekommenen“, vor.

Herr Altmann, wir sind hier an einem ruhigen Ort in Paris. Wie kommt es, dass Sie hier leben?

Weil es in Paris schön aussieht. Außerdem habe ich ja keinen Geburtsort, sondern einen Geburtsfehler: den bigotten Kraal Altötting. So wollte ich immer schon dorthin, wo es leuchtet, wo die Intelligenten leben, wo Internationalität weht, wo verschiedene Sprachen zu hören sind, wo Menschen anders aussehen als ich, wo ich etwas lernen kann, wo ich vieles nicht verstehe. Außerdem bin ich gerne Fremder. Denn dann bin ich aufgeweckter, mache weniger Fehler oder, noch besser: Ich mache neue Fehler.

Wie kann man sich Ihr Leben als Reiseschriftsteller vorstellen? Sie leben hier und schreiben auch Ihre Bücher hier? Oder schreiben Sie unterwegs?

Wenn ich reise, führe ich jeden Tag digital Tagebuch, in meinem Computer. Wie ein Koch: Ich nehme Ingredienzen mit, meine Gewürze. Und dann, zu Hause, koche ich. Dann muss ich mich an den Schreibtisch nageln und schreiben. Aber ich schreibe nicht nur in Paris – irgendwann wird mir fad und dann fliege ich irgendwohin, in ein Hotel, und schreibe weiter. Ich mag diesen romantischen Lebensstil. Aber der Stress des Schreibens hört deshalb nicht auf, ganz egal wo.

Sie reisen seit über 20 Jahren professionell. Inwieweit hat sich die Welt in dieser Zeit verändert?

Gewiss geht es der Welt schlecht. Mir scheint, dass die menschliche Rasse zu dumm ist, zu gierig, zu habsüchtig, zu zerstörerisch. Unsere Gier wird uns abschaffen. Die Wachstumsnarren geben den Ton an und wir Narren rennen hinterher. Ganze Landstriche, die ich noch vor drei Jahrzehnten als Naturwunder erlebt habe, sind heute der Vorhof zur Hölle.

Ich habe mal gelesen, Sie seien ein „bekennender Flüchtling“. Inwieweit halten sich Neugierde und Fluchtinstinkt die Waage?

Die spornen sich gegenseitig an. Wenn ich flüchte, nehme ich meine Neugierde mit. Um vor dem Alltag davonzurennen, vor diesem bleiernen Gefühl, alles schon gesehen zu haben: Déjà vu. Déjà écouté. Déjà senti. Alles schon gefühlt, gehört, gesehen.

Sie sind Profi-Reisender. Koffer oder Rucksack?

Koffer? Ich habe keinen, nur Rucksack oder Reisetasche. Und rein muss: ein Buch, ein bisschen Musik, was zum Schreiben – und mein Laptop. Ansonsten gar nichts Besonderes: zwei Hosen, zwei Unterhosen, zwei Hemden, ein paar Toilettengeschichten. Unauffällig, cool, leicht.

Sie lernen auf Ihren Reisen viele Leute kennen. Wie erhalten Sie dieses Netz an Kontakten aufrecht?

Aufrechterhalten kann ich es nicht. Ich habe in meinem Computer zwar ein Adressdossier mit über 380000 Anschlägen, aber viele Kontakte versanden. Weil die Leute gar keine Mittel haben, keine Kommunikationsmittel. Sie haben kein Internet, keine E-Mail-Adresse. Die Kontakte finden in dem Augenblick statt. Die Leute erzählen mir ihre Geschichte, ich schreibe sie auf und reise weiter.

Ihr Buch „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ war ein Titel, den das Publikum so wohl nicht erwartet hätte. Für jene, die Sie als Reiseautor kannten, aber auch für die Leute, die Sie nicht kannten, war allein der Titel eine Provokation. Wie kam es zu dem Buch?

Mir ist egal, was der Leser erwartet. Ich schreibe das, was ich in mir vermute. Dieses Buch war mir seit vielen Jahren im Kopf herumgegangen. Aber ich hatte mich nicht getraut, weil ich dachte, es würde so eine Elendsjeremiade, so eine Heulsusenarie, so ein Gewinsel. Und das ist furchtbar, ganz unerträglich. Das interessiert niemanden. Der Rotz musste in das Buch. Damit der Leser versteht, dass hier ein Kind um sein Überleben kämpft. Aber nicht auf die weinerliche Art, sondern auf eine – wenn Sie so wollen – männliche Art.

Gibt es eine Fortsetzung zu dem, was Sie in Ihrem „Scheißleben“ geschrieben haben?

Es gibt nichts mehr zu sagen. Das Schreiben hat mich gerettet, ohne das Schreiben hätten die zwanzig Jahre Therapie nicht gegriffen. Aber damit hat es sich.

Also sind die Geschichten in Ihrem neuen Buch einfach autobiografische Erzählungen aus der Lebensmitte?

Ach, die Lebensmitte, das klingt mir zu abgehoben. Es sind Geschichten aus dem Leben. Allen gemeinsam ist, das sie nach meinem „Davonkommen“ entstanden sind.

In dem Buch gibt es eine Geschichte, die „Die Vergewaltigung“ heißt. Empfinden Sie dem Leser gegenüber keine Scham?

Nein. Man kann mir viel Dreck hinterherwerfen, aber zu den Bigotten zählt mich keiner. Wer diese Geschichte ohne dauererigierten Zeigefinger liest, wird mir, dem Autor, zustimmen. Immerhin habe ich drei Menschenleben gerettet: das der Frau, des Kindes, und meins.

Sollte sich ein Autor beim Schreiben generell nicht von Schamgefühlen bremsen lassen?

Das sind Fragen an Kandidaten einer Schreibwerkstatt für Gutmenschen, für professionelle Heuchler. Literatur kann mit „guten Gefühlen“ nichts anfangen, sie soll von der Wirklichkeit erzählen. Von dem, was ist. Und nicht von dem, wie wir es gern hätten.

Das Interview führte Annette Christine Hoch.

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