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Regisseur Wnendt "Fremdenhass ist Mainstream"

Am Zahn der Zeit: Regisseur David Wnendt zeigt in seinem Film "Kriegerin" ein gegenwartsnahes Thema - und erzählt von der Rolle von Frauen in der rechten Szene Ostdeutschlands.

19.01.2012 16:31
David Wnendt und die Schauspielerin Alina Levshin auf dem Weg zur Premiere. Foto: dpa

Mit dem Film „Kriegerin“ hat David Wnendt ein Thema berührt, wie es gegenwartsnaher nicht sein könnte: Die Geschichte einer jungen Frau, deren Leben bestimmt wird von Hass – auf Ausländer, auf Juden, auf den Staat. Eine Geschichte aus der rechtsradikalen Szene Ostdeutschlands, die nun in den Kinos zu sehen ist.

Als Sie den Film drehten, war Ihnen bewusst, wie aktuell er ist?

Ich bin auf das Thema gestoßen, weil es so ein offensichtliches Problem ist. Wenn man sich in den vergangenen zehn Jahren mit der rechtsradikalen Szene beschäftigt hat, war einem klar, dass es ein massives Problem ist – eines, das uns früher oder später auf die Füße fallen wird. Dass es in dieser Form geschieht, konnten wir natürlich nicht wissen. Es wird einem nun erst klar wird, wie sehr das Thema in den vergangenen Jahren verdrängt worden ist. Experten wird es nicht überrascht haben.

Die Brutalität, die sich jetzt zeigt, hat Sie nicht überrascht?

Man schätzt, dass es etwa 10?000 gewaltbereite Rechtsextremisten gibt. Bei denen, die ich interviewt habe, lautet das Credo: Taten statt Worte. Die wollen eine Revolution, einen Systemsturz. Da erstaunt es mich nicht, dass es unter den 10?000 ein paar gibt, die das machen. Überraschend ist eher, dass sie damit so lange durchgekommen sind. Allein ein Bankraub ist hochriskant. Dass die (Zwickauer Zelle, Anm. der Redaktion) in ihrer Zeit im Untergrund 14 Banken ausgeraubt hat ohne geschnappt zu werden, ist doch erstaunlich.

Mit der Verhaftung von Beate Zschäpe ist für die breite Öffentlichkeit nun auch die Rolle der Frauen in der Neonazi-Szene deutlich geworden. Wie sind Sie schon früher darauf gekommen, eine Frau in den Mittelpunkt ihres Filmes zu stellen?

Frauen sind noch eine Minderheit in der rechten Szene, aber sie werden immer mehr. Ich habe das beobachtet und viel darüber gelesen. Es ist klar, dass die Frauen nicht nur Mitläuferinnen sind. Sie sind genauso rassistisch, gewaltbereit und ideologisch, wie ihre männlichen Kollegen. Sie arbeiten auf den verschiedensten Ebenen mit. In unserem Film wird ja eher eine chaotische, anarchische Gruppe gezeigt. Es gibt aber auch Frauen jeder Altersgruppe, auch Mütter, die sich in Schulen, in Elternbeiräten und anderen Institutionen engagieren und versuchen, diese zu unterwandern.

Jetzt ist der Film in Ostdeutschland gedreht. Haben Sie das Gefühl, dass die Brutalität, die da gezeigt wird, ein Phänomen des Ostens ist. Oder hätte man ihn so auch im Westen drehen können?

Das Phänomen ist im Osten vielleicht ein wenig anders gelagert. Was die absoluten Zahl der rechten Gewalttaten angeht, liegen Ost- und Westdeutschland gleich auf. Im Osten leben nur deutlich weniger Menschen, damit gibt es prozentual mehr rechte Gewalttaten im Osten. Gleichwohl gibt es auch im Westen Regionen, in denen die Zahlen enorm ansteigen, im Ruhrgebiet beispielsweise. Im Osten Deutschlands ist die rechte Szene allerdings anders ausgerichtet. Sie betont den Sozialismus im Nationalsozialismus. Sie sind Kapitalismusgegner, wollen aber einen Sozialismus mit nationaler Ausrichtung.

Wir gegen den Rest der Welt?

Genau. Das macht sie auch attraktiv für die „normale Bevölkerung“. Die will keine Gewalt und keinen Terror, kann sich aber mit den Argumenten der rechten Szene anfreunden. Die jungen Rechten im Osten existieren nicht einfach im luftleeren Raum, sie sind dort verwurzelt.

Würden Sie sagen, dass auch der Fremdenhass, der im Film dargestellt wird, schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist?

Absolut. Ein Beispiel: Ich bin einmal bei einer rechten Demo in Lübben mitgelaufen, in Brandenburg. Rechts und links gab es ein paar Gegendemonstranten, aber auch viele nicht beteiligte Jugendliche, die zugeschaut haben. Das hat mich interessiert. Deshalb habe ich später einige Zeit in Lübben verbracht. Ich hatte Kontakt zu mehreren Gruppen: Nazis, Russlanddeutschen und auch ein paar Punks. Will heißen, es war eigentlich eine gemischte Gesellschaft. Wenn allerdings die Rede auf Ausländern kam, waren sich alle einig. Sie sind alle ausländerfeindlich. Ich habe keinen getroffen, der aus dieser Haltung ausgebrochen wäre.

Kennen diese Jugendlichen denn viele Ausländer?

Nein. Es hat nichts mit ihrer Realität zu tun. Die Zahl der Asylbewerber, auch die der dort lebenden Ausländer ist verschwindend gering. Wenn man dort Mädchen fragt, warum sie gegen Ausländer sind, erzählt jede die Geschichte vom Ausländer, der sie im Bus angemacht hat. Wenn diese Jugendlichen nach Berlin fahren, ist das für sie Sodom und Gomorra. Auch deren Eltern und Großeltern denken so. Ausländerfeindlichkeit ist Mainstream.

Wie recherchiert man in dieser Szene?

Ich habe eineinhalb Jahre für diesen Film recherchiert, zu unterschiedlichen Zeiten. Ich bin bei Demos der rechten Szene mitgelaufen, was natürlich eine Gratwanderung war. In den Jugendclubs, in denen ich recherchiert habe, habe ich offen gesagt, dass es mir um eine Recherche für einen Film und um national gesinnte Frauen geht. Ich wollte die Szene von innen erleben, aber meine Haltung war klar.

Offensichtlich bedarf es einer gewissen Überwindung. Auch die Medien pflegen ja einen Ekel vor der rechten Szene.

Das verstehe ich nicht. Wenn es ein so offensichtliches Problem gibt, ist es die Aufgabe von Journalisten ebenso wie von Filmemachern, es auch zu benennen. Mir sind aber oft Menschen begegnet, die mir erklärten, über das Thema sollte man keinen Film machen.

Das Interview führte Katja Tichomirowa.

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