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Regina Zieler „Im Haifischbecken war ich die Meerjungfrau“

Die Filmproduzentin Regina Ziegler feiert 44-jähriges Firmenjubiläum. Mit Bascha Mika spricht sie über den Start in der Männerdomäne und die beste Entscheidung ihres Lebens.

Regina Ziegler
Regina Ziegler ist eine der bekanntesten deutschen Filmproduzentinnen. Foto: Ulrike Schamoni/Ziegler Film

Frau Ziegler, Sie sind nicht nur die dienstälteste, sondern vor allem die erfolgreichste deutsche Filmproduzentin. Sie haben in gut vierzig Jahren 500 Filme gemacht, Auszeichnungen ohne Ende geholt. Dennoch sagten sie einmal, Ihre Bäume seien weder in den Himmel, noch in die Hölle gewachsen. Das klingt nach heftigem Understatement.
Naja, so ganz nach oben ging es eben nicht immer. Manchmal werden Träume nicht erfüllt, das passiert jedem von uns. Natürlich bin ich sehr verwöhnt, was Erfolg angeht. Doch Erfolg kann süchtig machen…

Das klingt gefährlich…
Deswegen schaue ich eben nicht nur auf den kommerziellen Erfolg, sondern produziere nach wie vor Filme, die den Mainstream verlassen, die ich mit Leidenschaft mache. Als Filmemacherin habe ich ja auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Was mich als Produzentin immer interessiert hat – seit inzwischen 44 Jahren – ist deutsche Zeitgeschichte. Dafür steht zuletzt die Serie „Weissensee“, die das deutsch-deutsche Verhältnis widerspiegelt.

Sie wollen Motor sein und etwas in Bewegung setzen – ein weiteres Zitat von Ihnen. Doch jeder Motor braucht Energie, die ihn antreibt. Was treibt denn Sie?
Vielleicht klingt das zu einfach. Ich möchte Geschichten erzählen. Meine Mutter war Journalistin, die mit dem Moped im Weserbergland spannenden Geschichten hinterher gejagt ist. Mein Vater, der nach dem Krieg in russischer Gefangenschaft war, wollte eigentlich Förster werden, hat dann aber als Brunnenbauer gearbeitet. Dabei hat er festgestellt, dass er mit der Wünschelrute gehen und Wasseradern finden kann. Mit dieser Begabung hat er begonnen, in Indien Brunnen zu bauen und ein Wassernetz zu errichten.

Klingt, als hätten Sie Ihre Energie von zu Hause mitgebracht.
Haltungen haben immer mit den Eltern zu tun, wenn die Eltern wichtig waren. Da ist eine Mutter, die wahnsinnig geackert hat, um die Familie zu ernähren. Und der Vater, der sich auf die Wassersuche konzentriert hat und damit einen Weg fand, sich mit seinem schwierigen Leben einverstanden zu erklären.

Was haben sich Ihre Eltern für das Leben ihrer Tochter vorgestellt?
Sie wollten, dass ich Akademikerin werde, weil sie dazu keine Chance hatten. Damals musste man noch Schulgeld bezahlen. Ich bin jeden Tag mit dem Fahrrad acht Kilometer hin und acht Kilometer zurück zum Gymnasium Adolfinum in Bückeburg gefahren. Ich sollte ein humanistisches Abitur machen, weil meine Eltern mich als Juristin gesehen haben. Daraus wurde zwar nichts, aber ich habe immerhin neun Jahre Latein und fünf Jahre griechisch gelernt. Und allein die griechischen Sagen, die man sich im Laufe der Jahre in der Schule erarbeitet hat und dann im Kopf mit sich herumträgt, waren für mich ein Anreiz, Geschichten zu erzählen.

 

Ihr Vater war Wünschelrutengänger. Das ist ja eine wirkliche Begabung, denn nur wenige Menschen spüren, wenn sich die Weidenrute in ihren Händen bewegt und dem Wasser zuwendet. Wie war das mit Ihrer Wünschelrute, warum hat sie beim Film ausgeschlagen?
Wir lebten in Obernkirchen, einer kleinen Stadt mit 7000 Einwohnern. Dort gab es damals zwei Kinos, die alle zwei Tage das Programm wechselten. Meine Mutter schrieb Filmkritiken und bekam deshalb Freikarten. Als ich dann dreizehn Jahre alt war, durfte ich immer mitgehen. Selbst Filme ab 16 Jahren habe ich gesehen – auf Zehenspitzen! Das war wunderbar und aufregend. Diese Kinoerlebnisse waren etwas Besonderes. Das Kino war für mich der Raum, in dem ich Abenteuer erleben konnte und die Welt kennenlernen durfte. Diese Erinnerungen dienten mir später bei Dreharbeiten als Inspiration.

Sie beobachten die Filmbranche seit Jahrzehnten. Was unterscheidet sie von anderen?
Das Filmgeschäft kann man nicht planen. Man kann handwerklich viel tun. Aber am Ende gilt: Entweder es klappt oder es klappt nicht. Maren Ade hat für Ihren Film „Toni Erdmann“ in Cannes 15 Minuten Standing Ovations bekommen. Dennoch hat er wie so viele deutsche Filme in Cannes keinen Preis gewonnen. Das Wichtigste in unserem Geschäft: die Faszination und Beziehungen. Die Beziehungen wachsen langsam. Das Faszinierende muss man wie ein Trüffelschwein suchen.

Wie hat die Digitalisierung die Branche verändert?
Es ist in den letzten Jahren viel in Bewegung geraten, zum Beispiel würden Netflix oder Sky sonst nicht selbst produzieren. Auch so etwas wie eine Co-Produktion zwischen Sky und der ARD ist ein Anfang. Es gibt ganz neue Möglichkeiten und Perspektiven, die vor Jahren noch nicht absehbar waren. Hier erwarte ich noch viele Überraschungen.

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht?
Es gibt unerwartete Konstellationen. Die Produktion „Rückkehr nach Montauk“ von Volker Schlöndorff und mir brauchte noch 400 000 Euro, die letztendlich Til Schweiger beigesteuert hat. Der Film kommt am 11. Mai in die deutschen Kinos. Heute können wir auch leichter internationaler arbeiten. Es ist für uns alle wichtig, dass deutsche Filme in der Welt gezeigt werden – egal ob sie jetzt für’s Kino oder Fernsehen gemacht sind. Damit wird die deutsche Kultur auch im Ausland wahrgenommen.

Regina Ziegler, Volker Schlöndorff, Til Schweiger – eine ungewöhnliche Combo. Wie sind Sie denn zusammen gekommen?
Wir kommen aus unterschiedlichen Richtungen, stimmt. Til Schweiger ist seinen Weg in Richtung Komödien gegangen, die riesig erfolgreich waren in Deutschland. Zum Beispiel „Honig im Kopf“, da konnte auch Dieter Hallervorden zeigen, was für ein wunderbarer Schauspieler er ist. Ich habe den Film mit meiner 13-jährigen Enkeltochter Emma gesehen, die mir im letzten Jahr die Ehren-Lola überreicht hat. Ich stand auf der Bühne und auf einmal kam da Emma mit dem Preis in der Hand auf kleinen Absätzen und mit getuschten Wimpern auf mich zu. Ich war so glücklich, dass ich beinahe geheult hätte – und zwar nicht wegen des Preises.

Und Schlöndorff?
Ich hätte nie gedacht, dass ich mit ihm einen Film machen würde. Wir waren ja mal verkracht.

Erzählen Sie!
Ich hatte zehn Produzenten zusammen getrommelt. Wir wollten die DEFA, die ehemalige DDR-Filmgesellschaft, von der Treuhand übernehmen. Die Treuhand hat aber Volker Schlöndorff mit seinem französischen Wasserkonzern vorgezogen. Daraufhin haben wir uns richtig gefetzt.

Aber offenbar inzwischen versöhnt…
Vor drei Jahren haben wir uns zufällig auf Long Island getroffen. Ich hatte dort vor ein paar Jahren mit Wolf Gremm „Nancy & Frank – A Manhattan Love Story“ gedreht. Schlöndorff hatte schon ewig die Idee in Anlehnung an Max Frisch eine Montauk-Geschichte zu verfilmen. Und dann erzählte er mir von „Return to Montauk“, guckte mich an und ich fragte: „Du willst, dass ich das produziere?“ Er sagte ja! Ich finde, man sollte nicht nur über den Tellerrand schauen, sondern über den Tellerrand springen.

Sie haben ja mit vielen berühmten Schauspielerinnen und Schauspielern gearbeitet. Wer war der bedeutendste und wer war der nervigste? Wir verraten es auch nicht.
Ich habe festgestellt, dass der Zugang zu amerikanischen Schauspielern unkomplizierter ist als in Deutschland. Hier geht die Kontaktaufnahme immer über eine Agentur.

Kaum vorstellbar, dass es in den USA anders läuft.
Doch. Nehmen wir zum Beispiel Jane Fonda. Dazu möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die mir viel bedeutet. Rainer Werner Fassbinder und ich hatten vor, das Leben von Rosa Luxemburg gemeinsam zu verfilmen. Nachdem es zwischen Fassbinder und Hanna Schygulla eine künstlerische Pause gab, fragte er mich, wer das spielen solle. Ich schlug Jane Fonda vor, woraufhin er entgegnete, dass ich das nie schaffen würde. Innerhalb von 24 Stunden hatte ich Jane Fonda tatsächlich an der Strippe. Sie sagte dann: „I know very well Rosa Luxemburg and I admire Mister Fassbinder“. Anschließend habe ich innerhalb von vier Tagen in Cannes elf Millionen Dollar zusammengesammelt. Leider ist dann Rainer Werner Fassbinder drei Wochen später am 10. Juni 1982 gestorben.

Und wer hat am meisten genervt?
Verrate ich nicht.

Schade. Aber welche Schauspieler Sie schätzen, sagen Sie uns?
Die Freundschaft mit Brigitte Mira und mit Ruth Maria Kubitschek gehört zu den schönen Momenten dieses Gewerbes. Florian Lukas schätze ich sehr. Auch Lisa Wagner und Uwe Kockisch, um nur einige zu nennen.

Ihren ersten Film haben Sie zusammen mit Ihrem Mann, Wolf Gremm, gemacht. Er war Regisseur und sie haben seinen Film produziert. Wie ist das eigentlich, mit dem eigenen Mann zusammen zu arbeiten?
Also, die meisten aus unserer Branche haben ja immer gedacht, der Gremm hat’s ganz einfach. Der ist mit einer Produzentin verheiratet und die lässt ihn alles machen. Richtig ist das Gegenteil! Wolf hat jeden Tag zu hören bekommen, wo wir kostenmäßig stehen, bei uns sind immer die Fetzen geflogen, wenns ums Berufliche ging. Vor ein paar Jahren hatten wir uns dazu entschlossen einen ausführenden Produzenten einzustellen, der Wolfs Filme auch finanziell betreut. Wir wollten uns einfach ein bisschen entspannen.

Und – wurde es entspannter?
Aber wie! Leider viel zu kurz. Wolf ist vorletztes Jahr an seiner schweren Krebserkrankung gestorben. Davor hat er noch einen Selfie-Film über seine Krankheit gedreht: „Ich liebe das Leben trotzdem“. Es ist so wichtig, dass man in schweren Situationen zusammen hält und dass der Partner sich in Frieden verabschieden kann.

In Ihrem Unternehmen arbeiten Sie zusammen mit Ihrer Tochter. Was ist denn einfacher – den Mann oder die Tochter in der Firma zu haben?
Mit Tanja zusammen zu arbeiten ist einfacher. Vor 20 Jahren habe ich sie gefragt, ob sie das Familienunternehmen weiterführen möchte. Ich wollte nicht, dass es in fremde Hände gerät. Sie hatte eine Ausbildung als Produzentin hinter sich und inzwischen eine eigene Firma gegründet, die auch sehr erfolgreich war. Sie war von Anfang an gleichberechtigte Partnerin. Sie konnte machen, was sie will. Sie hätte die Firma auch verkaufen können. Wir sind auf Augenhöhe und trotzdem ist jeder für seinen eigenen Kontostand verantwortlich. Wenn wir ein Problem haben, tauschen wir uns aus, aber am Ende trifft jeder seine eigene Entscheidung für seine Projekte.

Sie haben Ihre Firma in den siebziger Jahren gegründet, zu einer Zeit, als man als Frau beim Fernsehen kaum Karriere machen konnte. Damals waren Sie die einzige deutsche Filmproduzentin. Wie fühlten Sie sich denn so unter Wölfen?
Es war wie im Haifischbecken – und ich war die Meerjungfrau. Das fand ich eigentlich ganz schön. Der Regisseur und Drehbuchautor Ulli Schamoni, mit dem ich den Film „Chapeau Claque“ gemacht habe, hat immer gesagt: „Regina ist der Silberstreif am Himmel, auf den wir Männer gewartet haben“. Auch das fand ich unglaublich cool.

Dennoch haben Sie auch am eigenen Leibe erfahren, wie schwer es Frauen in einer Männerdomäne gemacht wird. Als ich Sie vor Jahren einmal darauf ansprach, war ich ziemlich überrascht. Denn Sie meinten, dass sogenannte Frauenfragen Sie nie interessiert hätten. Warum eigentlich nicht? Die Bewegung hätte so jemanden wie Sie gut gebrauchen können.
Habe ich das wirklich gesagt?! Ich habe natürlich in Frauenfragen unheimlich viel gemacht – aber eben nicht zur Schau gestellt. Ich bekomme viele Mails oder Anfragen von Frauen, die nach einem Rat fragen, wenn sie sich in einer bestimmten Situation befinden. Das ist eine Verantwortung, die ich habe und auch gerne übernehme. Erich Kästner hat schon gesagt: „Es gibt nichts Gutes, es sein denn man tut es.“

Da hatte Erich Kästner recht. Das einzige, was Sie jetzt bitte noch für mich tun, ist ein paar Sätze zu vervollständigen: Die Filmbranche ist…
…ein Haifischbecken.

Die beste Entscheidung in meinem Leben war…
…Wolf Gremm zu heiraten.

Mein schönstes Zukunftsprojekt wäre…
…kann ich Ihnen nicht verraten. Die Konkurrenz schläft nicht.

Vielen Dank Frau Ziegler.
Aber gerne.

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