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"Persepolis"-Autorin Evolution statt Revolution

Die iranische Filmemacherin Marjane Satrapi spricht im FR-Interview über die Kraft von Kunst und Bildung und warum ihr neuer Film „Huhn mit Pflaumen“ nicht politisch ist.

04.01.2012 17:53
Autorin und Schauspielerin Marjane Satrapi. Foto: dapd

Die iranische Filmemacherin Marjane Satrapi spricht im FR-Interview über die Kraft von Kunst und Bildung und warum ihr neuer Film „Huhn mit Pflaumen“ nicht politisch ist.

Im Jahr 2007 landete die Exil-Iranerin Marjane Satrapi mit der Verfilmung ihres Comics „Persepolis“ einen Welterfolg. Nun kommt der zweite Film der 42-Jährigen in die Kinos: „Huhn mit Pflaumen“, ein Realfilm. Im Interview redet Marjane Satrapi mal heiter, mal mit tränenerstickter Stimme über Politik und Poesie, Visionen und Resignation.

Frau Satrapi, in „Persepolis“ haben Sie Ihre persönliche Geschichte erzählt. Woher stammt die Geschichte, die Sie in „Huhn mit Pflaumen“ erzählen?

Sie kommt aus meiner Familie: Der Onkel meiner Mutter war Musiker und ist an Traurigkeit gestorben. Eine Tante zeigte mir ein Foto von ihm, ein schöner Mann. Ich wollte eine Geschichte über den Tod schreiben, anhand der ich etwas über das Leben erzähle. Das passte. Die anderen Elemente habe ich aus anderen iranischen Familien. Keine führt ein normales Leben, ständig landen Leute im Gefängnis oder werden hingerichtet. Nichts ist in diesem Land normal – alles passiert mit Wucht!

Das bietet eine Fülle von Material für dramatische Geschichten.

Als Kind habe ich es geliebt, mit älteren Familienmitgliedern Zeit zu verbringen. Ich hörte gerne ihre Geschichten mit allen Details.

Sind Ihre Filme also wirklich miteinander verknüpft?

Ja. Mein Großvater, der in „Persepolis“ zu sehen ist, hat ein Drittel seines Lebens im Gefängnis verbracht, weil er Kommunist war. Er ist der Bruder von Nasser Ali Khan, der neuen Hauptfigur.

„Persepolis“ ist ein sehr politischer Film, „Huhn mit Pflaumen“ nicht. Wie kommt das?

In den vergangenen zehn Jahren bin ich mit vielen Politikern in Kontakt gekommen. Anfangs haben mich ihre Reden fasziniert. Irgendwann fand ich sie zynisch und schließlich widerlich. Mit Menschen, die auf Macht aus sind, stimmt etwas nicht. Sie sind regelrecht psychisch krank.

Also ist das vermeintlich Apolitische ein verstecktes Statement?

Genau. Man kann sagen: Dieser Film ist nicht politisch. Aber was könnte die Vorurteile über ein Land besser widerlegen als eine poetische Geschichte, die erzählt: „Am 22. November 1958 stirbt ein Mann aus Liebe zu einer Frau.“ Und das passiert in demselben Land, über das man sonst nur Negatives hört. Das ist doch besser als jeder Werbeslogan!

Haben Sie sich völlig vom Politischen abgewendet?

Wenn ich heute einen politischen Kommentar abgeben sollte, dann wäre es: „Glaubt an Liebe und an Schönheit!“ Schauen Sie sich die Renaissance an – das Zeitalter war der Höhepunkt unserer Zivilisation. Dies konnte nur geschehen, weil Ästhetik, Dichtung und Literatur gefeiert wurden.

Rufen Sie also zum Rückzug in den Elfenbeinturm auf?

Wir reduzieren uns heute viel zu sehr auf das Reale. Niemand hat Ideen zur Verbesserung.

Wofür würden Sie plädieren?

Wenn wir in Fantasie, Poesie und Schönheit investieren würden, könnte das zu mehr Gemeinsamkeiten zwischen Menschen oder Völkern führen. Das ist derzeit verloren. Indem ich Kunst um der Kunst willen, um der Liebe wegen, um der Schönheit willen mache, gebe ich ein politisches Statement ab. Ich bin es leid, große Worte zu hören. Natürlich bin ich froh, dass die Ära Gaddafi vorbei ist. Wenn aber Libyen kein Öl besitzen würde, würde sich kein Staat für das Land interessieren!

Was halten Sie von Menschen, die für Ihre Überzeugungen auf die Straße gehen?

Es ist gut, dass es Demos gibt. Ich mache das nicht mehr. Dafür habe ich zu oft erlebt, wie uneins Menschen sein können, die sich in den Dienst einer Sache stellen. Ich bin Künstlerin, und mache das, von dem ich etwas verstehe.

Das klingt desillusioniert. Glauben Sie nach der unterdrückten Freiheitsbewegung in Iran nicht mehr an die demokratische Wirkung des arabischen Frühlings?

Natürlich finde ich es gut, dass Veränderung stattfinden. Aber auf Bildern aus Tunesien oder Libyen sah ich nur Männer. Für mich kann eine Revolution nur erfolgreich sein, wenn Männer und Frauen gemeinsam auf die Straße gehen. Ich glaube mehr an Evolution als an Revolution.

Kann Kunst wirkungsvoller sein als Revolutionen?

Ich habe Respekt vor politischen Revolutionären, ein großer Teil meiner Familie war politisch aktiv und wurde dafür hingerichtet. Wenn das aber nicht gefruchtet hat, müssen wir einen anderen Weg finden: über Bildung, Kultur und Poesie. Je mehr Menschen Zugang zu Bildung haben, desto weniger Kriege würde es geben. Unwissenheit ist der Grund von vielen Konflikten.

Hat sich durch „Persepolis“ , der weltweit für viel Aufsehen sorgte, etwas verändert?

Wenn „Persepolis“ dafür gesorgt hätte, dass nur zwei Menschen danach anders denken, wäre das schon viel. Die Welt lässt sich so einfach nicht verändern. Das geht nur in kleinen Schritten.

Wurde „Persepolis“ auch in Iran gezeigt?

„Persepolis“ war ja für den Oscar nominiert. Die Regierung wusste, dass Iraner vor allem eins sind: extrem nationalistisch. Dies wäre der erste iranische Film gewesen, der einen Oscar bekommen hätte – die Regierung hätte tief in der Scheiße gesessen …

… weil der Film bis dato in Iran nicht zu sehen war?

Das Regime hatte Angst vor dem Oscar. Also haben sie sieben Vorführungen mit jeweils 75 Zuschauern angesetzt, 25 Minuten waren aus dem Film herausgekürzt worden, angeblich sexuelle Szenen. Plötzlich war ich, nachdem ich lange als Staatsfeindin, Hure des Westens und Mitarbeiterin des CIA und Mossad beschimpft worden war, völlig in Ordnung.

Das Interview führte Amira Aslani.

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