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Neil Armstrong tot Im Meer der Stille

Neil Armstrong war der erste Mensch auf dem Mond. Dieser eine Moment, da sein Fuß den Staub des fremden Planeten berührte, hat den Mann zum ewigen Helden gemacht. Nun ist er im Alter von 82 Jahren gestorben.

26.08.2012 18:26
Frank Junghänel
Neil Armstrong am 21. Juli 1969, nachdem er gerade mehr als zweieinhalb Stunden auf der Mondoberfläche verbracht hatte. Foto: AFP/NASA

Man muss schon sehr genau hinschauen, um auf jener Fotografie, die den ersten Menschen auf dem Mond zeigt, tatsächlich Neil Armstrong zu erkennen. Denn der Astronaut, der sich dort breitbeinig im Staub des Erdtrabanten für die Aufnahme postiert hat, die linke Hand auf der Höhe des Herzens, dieser Astronaut ist Buzz Aldrin, der ewige Zweite. Armstrongs Silhouette spiegelt sich lediglich daumennagelgroß im Helmvisier des Porträtierten. Neil Armstrong, der Kommandant des Unternehmens Apollo 11, trug während des Ausstieges fast die gesamte Zeit die Kamera. So gibt es keine publizistisch verwertbaren Fotos, die ihn am Ziel der historischen Mondfahrt zeigen.

Jenes Bild das zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts geworden ist, zeigt gewissermaßen nicht nur den falschen Mann, es erzählt zugleich die Geschichte der Mondlandung aus einer sehr persönlichen Perspektive. Es berichtet von den Dramen und Ränkespielen im Hintergrund dieses historischen Unternehmens, das technisch nahezu perfekt verlaufen sein mag, das aber keineswegs frei von menschlichen Schwächen war. Die Crew von Apollo 11 ist nicht das, was man sich unter einer Schicksalsgemeinschaft vorstellt. Zu den Tests vor dem Flug kommen sie in getrennten Autos, zum Mittagessen geht jeder für sich. Im Grunde kennen sie sich kaum.

Wenn Buzz Aldrin später einräumte, dass es wahrscheinlich sein Fehler gewesen sei, sich nicht mal für einen Moment den Apparat geschnappt zu haben, um Armstrong auf dem Mond zu fotografieren, sagt das einiges über seinen Charakter, viel mehr allerdings über den seines Partners. Jeder Tourist der Welt hätte sich an diesem Reiseziel knipsen lassen, damit er später ein Bild fürs Album hat. Neil Armstrong kam gar nicht auf die Idee. Ihm fehlte einfach das Gen für Eitelkeit.

Es war dieser Mangel an Ich-Bezogenheit, die ihn in den Augen seiner Vorgesetzten bei der Nasa qualifizierte, der Erste zu sein. So wichen sie im Fall der Mondlandung von ihrem bei früheren Ausstiegen in den Weltraum praktizierten Prozedere ab, den Kommandanten zur Sicherheit zunächst einmal an Bord des Raumschiffes verweilen zu lassen.

Der Satz seines Lebens

Also war es schließlich Neil Armstrong, der am 20. Juli 1969, seinen Fuß auf einen fremden Himmelskörper setzte und jenen Satz sagte, der für alle Zeiten an prominenter Stelle im Geschichtsbuch der Erdbewohner vermerkt sein wird: „That's one small step for man... ah...one giant leap for mankind.“ Mittendrin hat er mal kurz aufgestöhnt, es war ja alles noch neu für ihn an diesem Ort. Und auch beschwerlich. Der staubige Boden im Meer der Stille, wo die Fähre niederging, leuchtete so hell wie ein Lampenschirm. Wegen der fehlenden Atmosphäre wird das Licht der Sonne auf dem Mond nicht gefiltert, sondern unmittelbar von der Oberfläche reflektiert. Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit. Ob ihm diese Worte selbst eingefallen sind, oder sie ihm vor dem Flug von einem PR-Offizier zugesteckt worden sind, hat Neil Armstrong nie verraten. Auf jeden Fall sind sie in ihrer Schlichtheit grandios.



Neil Armstrong hat in seinem Leben überhaupt wenig gesprochen, ob vor dem Flug, unterwegs oder danach. Danach schon gar nicht. Als ihn unmittelbar vor dem Start von Apollo 11 ein Reporter fragte, was er dabei empfinde, die Chance zu haben, den Mond zu betreten, antwortete er: „Ich würde sicherlich nicht sagen, dass ich keine Gefühle bei dem Gedanken hätte, denn das entspräche nicht den Tatsachen. Über die emotionalen Tatsachen denke ich nicht viel nach.“

Gene Krantz, Flugleiter der Apollo-Missionen, beklagte, dass Armstrong in den Einsatzbesprechungen immer nur lächelte und nickte. „Ich war überzeugt, dass er seine eigenen Regeln für die Landung hatte. Ich wollte nur wissen, wie sie lauteten.“ Von seinen Zeitgenossen wird Armstrong als introvertiert, geradezu verschlossen charakterisiert. Unzählige Journalisten haben versucht, seinem Wesen näherzukommen, es ist ihnen nicht gelungen.

Selbst der Romancier Norman Mailer scheiterte an ihm, allerdings findet er noch im Scheitern sehr schöne Formulierungen für den Astronauten. In seinem Buch „Of a Fire on the Moon“ schreibt er über Armstrong: „Er sprach mit langen Pausen, in denen er nach Worten suchte. Wenn er dann wieder redete, schien die Wartezeit für den banalen Inhalt zu lang gewesen zu sein. Als Sprecher war er praktisch eine Niete – doch deswegen war er noch lange kein Mensch, dem man keine Beachtung geschenkt hätte.“

Mailer sprach auch von dem bodenständigen Verhalten des Raumfliegers in der Öffentlichkeit, „dieser provinzlerischen Bresche, die er in seine Psyche geschlagen hatte, um der Welt eine Person bieten zu können.“ Er war freundlich, trat bescheiden auf, beinahe schüchtern. „In seiner sanften, distanzierten Miene gab es etwas vollkommen Unschuldiges oder unterschwellig Finsteres“, schreibt Norman Mailer.

Mit anderen Worten: Neil Armstrong war cool. Oder auch kaltblütig. Das machte ihn zum perfekten Helden. Seine für Außenstehende letztlich diffuse Persönlichkeit bot die ideale Projektionsfläche, in der sich das blendende Licht der eigenen Erwartungen spiegelte. Dieser Mann konnte alles sein – und musste nichts mehr dafür tun. Nicht einmal Autogramme geben, was er stets verweigert hat. Es genügte schon, dass es ihn gab.

Neil Armstrong kam am 5. August 1930 auf der Farm seiner Großeltern im US-Bundesstaat Ohio zur Welt. Er war das älteste von drei Kindern. Seine Mutter kümmerte sich um das Haus, der Vater arbeitete als Wirtschaftsprüfer für die Regierung. Es muss eine glückliche Kindheit gewesen sein für diesen Jungen in den schwierigen Dreißigerjahren da draußen auf dem Land. Er lernte Klavier, wurde Pfadfinder, durfte gar mal mit einem Flugzeug mitfliegen, als ein Pilot zu Besuch in der Stadt war. Seine Lehrer erinnerten sich später, er sei ein ausgezeichneter Schüler gewesen, mit Vorlieben Mathematik und Astronomie. So etwas lässt sich natürlich in den Zeiten des Ruhms immer gut sagen.

Ein Nachbar will sogar einmal sein Teleskop an den jungen Armstrong verliehen haben. Sehr wahrscheinlich dürfte er mit diesem Instrument schon sein späteres Reiseziel inspiziert haben. Im Alter von 16 Jahren machte er dann erstmal seinen Pilotenschein und seinen Highschool-Abschluss und war damit bestens vorbereitet für das Studium der Luftfahrttechnik. Er hatte drei Semester studiert, als ihn die Navy 1949 zum Militärdienst einzog.

Armstrong wurde zum Kampfpiloten ausgebildet und 1950 für zwei Jahre nach Korea geschickt. Wie bei fast allen amerikanischen Astronauten führte der Weg zum Himmel auch für ihn durch die Hölle des Krieges. Wenngleich für ihn aus der Perspektive eines Jagdfliegers die sportliche Aspekte des Kampfes überwogen haben mögen.

Zurück in den USA bewarb sich Armstrong um die Aufnahme in das Korps der Testpiloten. Als die Nasa 1959 ihre ersten Astronauten aussuchte, bewarb er sich gar nicht erst, da er den Steuerknüppel nicht aus der Hand geben wollte. Diese Männer in den ferngesteuerten Blechkapseln waren für ihn nur so etwas wie Dosenfleisch. Im April 1962 überlegte er es sich anders. Kurz zuvor war seine zweijährige Tochter Karen an einem inoperablen Hirntumor gestorben.

Man muss kein Psychologe sein, um in seinem Entschluss eine Art Fluchtreaktion zu sehen. Den Verlust seines Kindes versuchte Neil Armstrong wohl auch dadurch zu kompensieren, dass er sein eigenes Leben in Frage stellte. Die bemannte Raumfahrt war zu dieser frühen Zeit im wahrsten Sinne des Wortes ein Himmelfahrtskommando. 1966 flog Armstrong mit Gemini 8 zum ersten Mal ins All. Seine Kapsel koppelte damals in der Umlaufbahn an eine unbemannte Raketenstufe, ein durchaus riskantes Manöver, wie sich zeigen sollte.

In aussichtsloser Lage

Die zweisitzige Kapsel geriet wegen einer defekten Steuerdüse außer Kontrolle und begann sich wie eine Waschmaschinentrommel zu drehen. In fast schon aussichtsloser Lage konnte Armstrong das Gefährt stabilisieren. Damals entgingen er und sein Kollege David Scott nur knapp dem Tod. Doch die Souveränität, mit der er dieses Problem meisterte, war am Ende die beste Empfehlung für das, was ihn erwarten sollte. Drei Jahre später, da war er schon neununddreißig, folgte die Mission seines Lebens.

Am 16. Juli 1969 liegt Neil Armstrong an der Spitze der Trägerrakete Saturn V in hundert Metern Höhe auf dem Rücken liegend festgezurrt in seinem Sitz ganz links in der Kapsel. Neben ihm auf dem mittleren Platz der Mondfährenpilot Buzz Aldrin, rechts außen der Astronaut Michael Collins, dem es als Wachhabenden im Apollo-Mutterschiff nicht vergönnt sein wird, den Mond zu berühren. In dem Apparat unter ihnen Millionen von Litern Kerosin, flüssiger Sauerstoff und Wasserstoff. Schon der Start kann in der Katastrophe enden. Nur drei Wochen vor dem Flug von Apollo 11 war in Baikonur die sowjetische Mondrakete explodiert.

Das Desaster beendete zwar abrupt den Wettlauf der Supermächte, doch ruhiger schlafen konnten die Amerikaner trotzdem nicht. Sie wissen, dass auch ihre Mission in jeder Phase des Fluges schiefgehen kann. US-Präsident Richard Nixon hatte für den Notfall schon eine Rede aufgezeichnet, in der er das tragische Ableben der drei Astronauten im Dienst für das Vaterland aufs Schmerzhafteste bedauert.

Selbst wenn sie die Erdschwere abschütteln können, liegt die Chance der Raumfahrer, ihr Ziel zu erreichen, bei zirka fünfzig Prozent. Aber so ging es schließlich allen Entdeckern, angefangen von den vielen, deren Namen nie bekannt wurden, bis hin zum großen Kapitän James Cook, der einmal sagte: „Es war meine Ambition, nicht nur weiter zu kommen als jemals ein Mensch zuvor, sondern soweit zu gehen, wie es einem Menschen überhaupt möglich ist.“

Es ist schon seltsam, dass ausgerechnet diejenigen Menschen, die soweit gegangen sind, wie niemand zuvor, bald nicht mehr Zeugnis ablegen können von dem, was sie erreichten. Zwölf Männer haben den Mond bisher betreten. Selbst die jüngsten von ihnen sind mittlerweile um die siebzig.

Am Sonnabend ist Neil Armstrong im Alter von 82 Jahren an den Folgen einer Herzerkrankung gestorben. Das Meer der Stille wird für immer sein Zuhause sein.

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