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Namika „Die Wahrheit kann man nicht beschönigen“

Sängerin Namika über ihre Kindheit ohne Vater, ihr Verhältnis zum lieben Gott und warum neue Sneakers in ihr bis heute höchste Glücksgefühle auslösen.

Namika
Namika hat schon als Jugendliche Texte geschrieben. „Meine Mutter hat aber darauf bestanden, dass ich mein Abitur mache, weil sie eben wusste, dass ohne Bildung nichts geht.“ Foto: David Daub

Namika, auf Ihrem neuen Album erzählen Sie sehr persönlich von Ihrer Kindheit in Frankfurt. Eine Textzeile lautet „Alles, was ich wollte, war ’n sicheres Zuhause. Nie mehr Zwei-Zimmer-Wohnung, nie mehr Hartz-IV: Ich hol’ uns raus hier, Yemma (Mama), glaub mir.“ Wie konnten Sie sich da so sicher sein?
Ich wusste es einfach schon. Die Frage ist: Was hat mich dazu gebracht, so einen Kämpferwillen zu entwickeln? Es war wohl diese Ausgangssituation vor dem Nichts zu stehen und zu sagen: „Alles oder nichts.“ Mit 14 habe ich angefangen, meine ersten Texte zu schreiben, anfangs noch ganz spielerisch. Ich nahm Rap-Tapes mit meinem Cousin auf. Ich habe mich dann später immer mehr gesteigert und wurde immer besser. Meine Mutter bestand aber darauf, dass ich mein Abitur mache, weil sie eben wusste, dass ohne Bildung nichts geht. Als ich mit 21 meinen ersten Plattenvertrag bekam, sagte ich zu ihr: „Das habe ich dir doch gesagt.“ Mittlerweile lebe ich mit meiner Mutter und meinen zwei jüngeren Brüdern zusammen in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Frankfurt.

Haben Sie Ihre Mutter vorab gefragt, ob es für sie okay ist, dass Sie Ihre Familiengeschichte so publik machen werden? 
Klar, habe ich mir zuerst den Segen meiner Mutter geholt. Aber das, was passiert ist, ist halt die Wahrheit – und die kann man nicht beschönigen. Meine Mutter hat sehr verständnisvoll reagiert. Meine Fans waren hingegen anfangs ziemlich schockiert. Sie verbanden mit mir meinen ersten Hit „Lieblingsmensch“. Und dann kommt so eine Story raus. Aber nach dem ersten Schock, haben sie so reagiert wie ich es mir gewünscht habe. 

Und zwar?
Positiv. Am Ende des Tages hat jeder Mensch sein Päckchen zu tragen. Und viele fühlen sich durch meine neuen Lieder nicht mehr so allein mit ihrem Schicksal. 

Sie erzählen auf Ihrem Album auch von Ihrem Vater, den Sie nie kennengelernt haben… 
Ich trage dieses Thema schon ewig mit mir rum. Als ich das Lied über ihn schrieb, hatte mir meine Mutter zum ersten Mal ungefiltert die Wahrheit erzählt. Mir war schon als Kind klar, dass er verschwunden und irgendwas passiert war. Selbst seine Familie wusste anfangs nicht, wo er war. Meine Mutter, die hochschwanger mit mir war, hatte sogar Privatdetektive engagiert, um ihn zu suchen. Erst später erfuhr sie, dass er in Deutschland mit Drogen gedealt hatte und dann in sein Heimatland Marokko abgeschoben wurde. Dort saß er dann lange im Gefängnis. 

Als Sie als Kind im Urlaub in Marokko waren, wollte er Sie auch entführen…
Mein Vater wurde frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen, weil bei ihm Krebs diagnostiziert worden war. Er schickte seinen Schwager zum Ferienhaus meiner Großeltern in Marokko. Er sollte für ihn seine Familie zurückfordern. Mein Großvater hat das aber nicht zugelassen. Die Gefahr war wohl aber groß. Denn mein Vater, der aus einer wohlhabenden Familie kam, war sehr gut vernetzt mit Politikern und hatte sogar beste Kontakte zum Königshaus. Und wenn er mich in die Finger bekommen hätte, hätte er dafür sorgen können, dass ich er mich in Marokko behält. In diesem Sommer konnte ich nicht mehr allein draußen spielen. Meine Familie fürchtete, dass mein Vater aus dem Busch springt und mich entführt. 

Haben Sie sich auch gefürchtet?
Ich selbst hatte keine Angst vor meinem Vater. Doch ich spürte die Angst meiner Familie. Dieses Gefühl war beängstigend. 

Mit 42 starb Ihr Vater dann an Krebs. Trotz allem hätten Sie ihn gerne kennengelernt. Warum? 
Ich hätte gerne auch seine Version der Geschichte gehört. Immer wieder wird mir gesagt, dass ich ihm wie aus dem Gesicht geschnitten bin, und ich frage mich: Was war noch ähnlich? Und: Wie hätte sich mein Charakter entwickelt, wenn ich einen Vater gehabt hätte? Vielleicht wäre ich etwas weniger willensstark, weil ich gedacht hätte: „Ich habe einen Papa und der passt auf mich auf“. Ich weiß es nicht. 

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