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Missbrauch Kinski und seine Töchter

Die schweren Vorwürfe seiner ältesten Tochter lassen das Lebenswerk des Schauspielers in einem anderen Licht erscheinen. Pola Kinski ist nicht das einzige Kind des Schauspielers, das sich vom Vater missbraucht fühlte.

Klaus Kinski Mitte der 60er Jahre. Foto: dpa

Die schweren Vorwürfe seiner ältesten Tochter lassen das Lebenswerk des Schauspielers in einem anderen Licht erscheinen. Pola Kinski ist nicht das einzige Kind des Schauspielers, das sich vom Vater missbraucht fühlte.

Auf den Namen Pola tauften Klaus Kinski und seine erste Frau Gislinde Külbeck ihre Tochter. Eine Fanseite des Schauspielers kommentiert die Namensgebung arglos und doch, wie es heute scheinen muss, auf tragische Weise vielsagend: „Die Eltern geben ihr den Namen des kleinen Mädchens in Fjodor Dostojewskis ‚Schuld und Sühne‘, das den Raskolnikoff umarmt und küsst, obwohl er ein Mörder ist.“

Ein Mörder ist Klaus Kinski wohl nicht gewesen, auch wenn er sich menschlichen Abgründen näherte. „Missbraucht hat er eigentlich alle Menschen. Er hat ja andere Menschen nie respektiert“, charakterisiert Pola Kinski ihren Vater in einem Interview mit dem Stern, das bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Folgt man ihrer Darstellung, dann war Klaus Kinski, der meisterhafte Darsteller der vom Wahnsinn Getriebenen, auch privat ein Seelenmörder.

Alle Väter küssen ihre Kinder, doch Klaus Kinski küsste seine fünfjährige Tochter mit offenem Mund. Bis zu ihrem neunzehnten Geburtstag habe der sexuelle Missbrauch angedauert: „Kindermund“ heißt dann auch Pola Kinskis Erinnerungsbuch, das noch vor seinem Erscheinen an diesem Samstag in die Top 100 eines Internetversandhauses aufgestiegen ist. Der Titel ist eine Anspielung auf Klaus Kinskis Bestseller-Autobiografie „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ von 1975.

Kinski rühmte sich seiner Übergriffe

Unbehelligt von juristischer Verfolgung rühmte sich der Star in diesem romanhaft ausgesponnenen Selbstporträt etwa des Übergriffs auf die zehnjährige Tochter einer Bekannten, die er mit „offenen nassen Lippen“ ununterbrochen auf den Mund geküsst habe. An anderer Stelle schildert er den Sex mit einer 13-Jährigen. Heute käme wohl niemand mit derartigen Geständnissen davon, doch auf dem Höhepunkt der sexuellen Revolution blieb die Aufregung darüber aus. Kinskis provozierende Selbstdarstellung wurde Teil einer Medienpersona, die das Prahlen mit sexuellem Missbrauch als Exzentrik verklärte.

Wer zu Kinskis Lebzeiten glaubte, ohne den begleitenden Schall und Rauch betrunkener Talkshow-Auftritte würde sein Stern schnell verblassen, sah seinen Ruhm nach dessen Tod 1991 nur stetig wachsen. Auch die unzähligen Auftritte in internationalen Billigproduktionen wie „Der Galgen wartet schon, Amigo“ oder „Madame Claude und ihre Gazellen“ schmälern den Rang seiner großen Leistungen nicht: Werner Herzogs Meisterwerke wie „Aguirre“ und „Fitzcarraldo“ überdauerten sie alle. Und auch Kinskis erst posthum gewürdigtes spätes Regiedebüt „Paganini“ (1989) belegte noch einmal den Rang dieses Ausnahmeschauspielers. Entscheidend für die Neubewertung Kinskis war neben einer klugen Nachlassverwaltung besonders Werner Herzogs liebevoll-kritischer Porträtfilm „Mein liebster Feind“ (1999).

Was in den letzten Jahren mit Klaus Kinski passierte, konnte man als Filmliebhaber nur begrüßen: Endlich war es möglich, das künstlerische Werk Kinskis auch unabhängig von der Biografie zu würdigen. Bis jetzt, da sich ein Element der Biografie ins Bewusstsein drängt, dass man nicht mehr überhören kann.

Pola Kinski, die selbst als Schauspielerin gearbeitet hat, empfindet das öffentliche Bild ihres Vaters als nicht mehr stimmig. „Ich konnte es auch nicht mehr hören: ‚Dein Vater! Toll! Genie! Ich habe ihn immer gern gemocht!‘ Ich habe immer gesagt: ‚Ja, ja.‘ Seit er tot ist, wird diese Vergötterung immer schlimmer… Ich empfand ihn wirklich nicht als großen Schauspieler. Er hatte eine Ausstrahlung, eine Präsenz. Aber ich fand nicht, dass er gespielt hat.“

Diese Einschätzung muss man nicht teilen. Kinskis Werk als Schauspieler berührt es nicht. Und doch muss man sich fragen, wie viele der Meisterwerke es wohl gegeben hätte, wenn man ihn damals für seine mutmaßlichen Sexualstraftaten haftbar gemacht hätte.

"Nicht so wie Sie meinen"

Auch seine jüngere Tochter Nastassja fühlte sich missbraucht, wenn auch nicht sexuell. „Nicht so wie Sie meinen“, antwortete sie 1999 auf die Frage eines Reporters des britischen Guardian. „Aber in anderer Weise schon.“ Nähere Auskünfte darf man wohl von ihrer eigenen, derzeit in Arbeit befindlichen Autobiografie erwarten. Nach dem Interview von Pola Kinski wollten weder Nastassja noch ihrer Halbbruder Nikolai sich öffentlich äußern.

1991, noch zu Lebzeiten ihres Vaters, hatte sie dessen Andeutungen über ein Inzest-Verhältnis vehement widersprochen. In seinem Buch „Ich brauche Liebe“ hatte er behautet, bei einem Besuch der Dreharbeiten von „Tess“ eine Woche mit ihr im Doppelbett gelegen zu haben: „Wie ich nach ihr verlange, kann ich doch nicht glücklich sein.“ Die Boulevardpresse zitierte damals die wütende Nastassja: „Mir langt es jetzt wirklich. Ich werde meinen Vater verklagen.“ Der starb jedoch kurz nach der Veröffentlichung. Auch die Schamlosigkeit einer falschen Andeutung fügt sich in das Bild der Missbrauchsgeschichte.

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