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Millionär Leon Windscheid „Langeweile ist sehr wertvoll“

Der „Wer wird Millionär“- Gewinner und Wirtschaftspsychologe Leon Windscheid findet es wichtig, auch mal völlig planlos durch die Welt zu laufen. Ein Gespräch.

"Langeweile ist unglaublich schwierig auszuhalten", sagt Leon Windscheid. Foto: Milena Boniek (imago stock&people)

Herr Windscheid, es gibt einen Ratschlag gegen Lampenfieber: Stellen Sie sich das Publikum nackt vor. Machen Sie das auch?
Nein. Aber grundsätzlich gilt: Was wirkt, ist von Kopf zu Kopf unterschiedlich. Es hat niemand einen Schaden dadurch, wenn man sich sein Publikum oder das Gegenüber beim Vorstellungsgespräch nackt vorstellt. Mir persönlich hilft das nicht. Es ist tatsächlich andersherum: Ich versetze mich vorher selbst in eine peinliche Situation.

Wie das?
Vor meinem „Wer wird Millionär“-Auftritt habe ich mich in Unterhosen vor meine damalige WG gestellt und Fragen beantwortet. Die Situation bei Günther Jauch im Studio war für mich dann nicht mehr unangenehm, weil ich eine Hose anhatte.

Und Sie haben am Ende wirklich die Million gewonnen. Kann man die eigene Aufregung und Angst tatsächlich mit so einfachen Tricks überlisten? Oder hilft es, promovierter Psychologe zu sein, so wie Sie?
Für die meisten Menschen sind Angst und Aufregung verteufelte Gefühle. Dabei passiert in unserem Kopf nichts, was keinen Sinn ergibt. Die Aufregung, die ich erlebe, bevor ich auf die Bühne gehe, peitscht mich an. Der Kopf fährt hoch und ich werde leistungsstärker. Ich kanalisiere die Angst und versuche, sie in etwas Positives umzuwandeln und als Anschub zu verstehen. Je besser man seine Ängste kennenlernt, desto gezielter kann man sich auf die Situation vorbereiten. Zur Vorbereitung sollte man sich in die Situation hineinversetzen und immer wieder trainieren.

Nach dem Sieg haben Sie ein Boot gekauft, Partys veranstaltet, 2017 promoviert und ein Buch über die Geheimnisse der Psyche geschrieben. Jetzt das Bühnenprogramm. Was treibt Sie an?
Psychologie war schon immer meine Herzensangelegenheit. Gerade als Wirtschaftspsychologe merke ich, dass man gegenüber einem BWler eine andere Sichtweise als Unternehmer mitbringt. Ich habe angefangen, Vorträge in Unternehmen und an Universitäten zu halten. Dabei erlebe ich immer wieder, dass Psychologie oft auf Depressionen reduziert und mit negativen Stigmata versehen wird. So entstand der Wunsch, dieses tabuisierte Thema aufzubrechen und möglichst vielen Leuten die Wissenschaft der Psychologie näherzubringen.

Das klingt erstmal eher trocken …
Man kann eine Studie so erzählen, dass nach drei Minuten alle gelangweilt eingeschlafen sind. Man kann sie aber auch so erzählen, dass die Leute nicht nur lachen, sondern auch einen Aha-Moment haben. Für mich sind die Überraschung und das Unerwartete bei den Leuten die spannendsten Momente auf der Bühne. Ich muss aktuelle wissenschaftliche Studien so zusammenfassen, dass sie auch Laien verstehen. Das funktioniert über Humor, den Aha-Moment oder über Emotionen. Wenn sich etwas gut anfühlt oder Angst macht, dann behalte ich das viel eher im Kopf, als etwas Belangloses.

Also kein Bildungsauftrag, sondern Wissenschaft als Event?
Bildungsauftrag klingt für mich zu viel nach: da kommt ein Professor und erzählt aus seinem Elfenbeinturm. Ich möchte eng am Alltag der Zuhörer bleiben. Dennoch sehe ich in meinem Programm eine Mission, denn die Menschen begegnen uns Psychologen mit Vorurteilen. Es fehlt das Verständnis für psychische Störungen in unserer Gesellschaft.

Woran liegt das? 
In uns schlummert ein unglaubliches Bedürfnis, normal zu sein. Wir leben viel weniger nach allgemeinen Normen und Werten, sondern beobachten unser Umfeld und orientieren uns danach, was die anderen machen. Menschen mit einer psychischen Störung werden dabei als nicht normal wahrgenommen. Dabei sind psychische Probleme in Deutschland sehr weit verbreitet. Ein Drittel erfüllt einmal im Jahr die Kriterien einer psychischen Störung. Dass darüber so wenig gesprochen wird, macht das Problem erst zur Gefahr. Denn psychische Probleme könnten gut behandelt werden. Doch dafür fehlt die Akzeptanz. Wer zum Psychologen geht, wird abgestempelt. Als Psychologe selbst erlebt man das ganz ähnlich. Wir bekommen den Stempel aufgedrückt, die arbeiten mit Geisteskranken, mit denen möchte ich nichts zu tun haben. Überhaupt habe ich das Gefühl, Wissenschaft und Fakten, also etwas, das Objektivität erfordert, tritt zugunsten von populistischen Inhalten in den Hintergrund. Ich möchte zeigen, dass man Wissenschaft so präsentieren kann, dass sie anspruchsvoll, unterhaltsam und gleichzeitig informativ ist.

Da sind Sie nicht der erste: Vince Ebert und Eckart von Hirschhausen haben das vor zehn Jahren oder mehr für sich entdeckt.
Gut so! Je mehr Fake-News es gibt, desto mehr sollten wir mit Fakten und Wissenschaft dagegenhalten. Was mich auch umtreibt, sind all die alten Gefühle in unserem Kopf. Ich möchte den Clash zwischen alten Gefühlen und Denkweisen und neuer digitaler Vernetzung auflösen.

Was meinen Sie damit?
Anstatt immer auf der Suche nach neuen und innovativen Kniffen für unser Hirn zu sein – wie Entschleunigungs-Apps, Glückscoachings oder Atemtutorials – sollten wir im Kopf einen Schritt zurückgehen und alten Gefühlen wie Langeweile, Einsamkeit oder Geduld mehr Platz lassen. Früher war es normal, eine Woche auf die nächste Folge einer Serie zu warten. Heute glotzen alle bis zum Kotzen.

Wann langweilen Sie sich?
Leider viel zu selten. Langeweile ist unglaublich schwierig auszuhalten. Dabei ist das Gefühl sehr wertvoll. Langeweile signalisiert mir, dass in meinem Kopf etwas nicht stimmt. Das Gute an ihr ist, dass man sie nicht suchen muss. Man muss sie nur zulassen und dann ertragen. Langeweile kommt von selbst und geht von selbst. Ich habe angefangen, bewusst mehr Langweile in meinem Alltag zuzulassen und nicht am Handy zu spielen, Musik zu hören oder Netflix zu schauen. Auf Zugfahrten gucke ich dann aus dem Fenster, bis mir richtig langweilig ist. Manchmal schlafe ich dabei ein.

Wie kann das einem helfen?
Untersuchungen zeigen, dass man einen Kreativschub erhält, wenn man sich langweilt. Dieses Phänomen nennt sich Gedankenwandern. Man lässt dabei seine Gedanken von der Leine. Langeweile kann auch ein Kompass sein. Wenn ich etwas mache, was mich nicht erfüllt oder fordert, dann signalisiert mir mein Hirn diesen Zustand über Langeweile. Es wirkt wie ein Korrektiv. Ich merke, dass ich die Richtung ändern muss. Wenn ich Langeweile immer im Keim ersticke, indem ich mich ablenke, dann fehlt mir dieses Korrektiv und ich mache keinen Schritt vorwärts.

Sie haben aber auch leicht reden: Mit einer Million auf dem Konto lässt es sich schön langweilen, oder nicht?
Eine Million zu gewinnen ist Luxus pur. Dafür werde ich immer dankbar sein. Das Geld hat mir vor allem den Druck genommen, zu planen. Das entspannt unglaublich, weil man nicht mehr falsch liegen kann. Ich habe oft das Gefühl, dass vor allem junge Menschen unglaublich Druck gemacht bekommen. Wenn man zum Beispiel eine Ausbildung anfängt, hat man Panik, und wenn man dann scheitert, oder den Studiengang wechselt, wirkt das immer so, als hätte man den Plan verfehlt. Das engt ein. Wir machen Pläne und übersehen, dass es oft doch ganz anders kommt. Weichen wir dann vom Plan ab, fühlt sich das an, als wäre man gescheitert. Dabei ist es ganz natürlich. Ich bin deswegen ein großer Verfechter davon, weniger Pläne zu machen. Wenn ich planlos einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass das mit dem Bühnenprogramm so gut funktioniert, dass ich weitermachen kann.

Interview: Nicolas Stange

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