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Michael Herl „Ich glaube ja auch nicht an den Butt“

Michael Herl hat seine 99 besten FR-Kolumnen in ein Buch gepackt. Im Interview spricht er über Schildkrötensuppe, Christen, seinen geplanten Auftritt als Drag Queen beim CSD und die Restlaufzeit unserer Welt.

Michi Herl
Als Kind musste Michi Herl Schildkrötensuppe essen – eine salzige Angelegenheit. Foto: Peter Jülich

Herr Herl, soll ich Sie zu Dir sagen oder lieber Du zu Ihnen?
Siezen ist vielleicht besser, weil es so was Skurriles hat. Bei meinen flapsigen Antworten ist das Sie als Kontrapunkt ganz nett.
 
Könnten Sie dann bitte einleitend kurz den Zustand der Welt bewerten?
Mein Freund Jürgen hat gestern gesagt, er gibt der Welt noch 20 Jahre.
 
Oje.
Vorher hat er seinen Kühlschrank noch abgetaut.
 
20 Jahre für uns oder für die Welt?
Der Jürgen ging von der Welt aus. Ich gehe von uns aus. Die Welt schüttelt sich ein bisschen, und wir sind weg. Das merkt die ja gar nicht, wenn wir nicht mehr da sind.
 
Wenn’s richtig blöd kommt, ist die Welt weg, und wir sind noch da.
Interessanter Ansatz. Würden die Kneipen dann auch mit zugrunde gehen?
 
Das klären wir noch. Jetzt würde ich mit Ihnen gern ein Spiel spielen.
Warum?
 
Weil wir hier über Ihr neues Buch mit FR-Kolumnen sprechen sollen. Ein paar Ihrer Texte als Werbung abzudrucken, war Ihnen ja zu öde.
Das ist richtig.

Wir haben aus Ihrem FR-Gesamtwerk drei typische Michael-Herl-Reizwörter exzerpiert und in drei Sätzen versteckt. Bitte entdecken Sie jeweils das Reizwort. Satz 1: Willkommen zu unserem Interview-Event.
Event.
 
Heute schon im Store gewesen?
Store.
 
Und: Haben Sie schon Investitionen fürs Wachstum getätigt?
Wachstum.
 
Nicht vielleicht Investitionen?
Nee.
 
Drei Richtige! Glückwunsch!
Danke.
 
Was bedeutet das Kolumnenschreiben für Sie?
Ich meine es durchaus ernst mit den Kolumnen. Das soll nicht nur Dönekes sein. Eine Kolumne soll unterhalten, aber die Leser gleichzeitig mit der Nase auf Dinge stoßen. Sie ist ein probates Mittel, den Leuten die Tatsachen so zu sagen, dass sie sie gerne lesen. Die Kolumne ist eine uralte journalistische Form – man muss sie auch pflegen. Im besten Fall entwickelt sie sich so, dass man an einem Punkt anfängt und am Ende ganz woanders aufhört.
 
Manchmal kriegen Sie aber auch von den Lesern eins auf die Nase.
Wenn man geliebt werden will, soll man keine Kolumnen schreiben. Aber den Shitstorm im Internet kriege ich gar nicht mit. Ich hab’ kein Facebook, ich les’ das auch nicht.
 
Wissen Sie beim Schreiben schon: Das gibt jetzt wieder Ärger?
Na ja. Manchmal denke ich mir schon, komm, die Christen waren schon lang nicht mehr dran. Bei den Kirchengläubigen ist es das Scheinheilige, was mich nervt. Der Papst – einerseits isser’n gude Kerl, macht gute Sachen, aber dann: keine Kondome in Afrika? Was soll denn das?
 
Ein Leser schrieb, auch er als Protestant fühle sich von Ihnen „angegriffen und verarscht“.
Mhm.

War das Ihre Bestrebung, nicht nur Katholiken, sondern auch Protestanten zu verarschen?
Ich verarsche nicht, ich konstatiere. Und da mache ich keine großen Unterschiede. Für mich ist ein Christ ein Christ. Ich kann es einfach nicht verstehen, wie jemand an etwas glauben kann, was es nicht gibt. Da ist es mir egal, ob das jetzt ein Protestant ist oder ein Katholik. Das Problem ist, dass die Protestanten das noch verbissener sehen. Die Katholiken haben wenigstens noch ein bisschen Freude bei der Sache. Das ist ein Riesenspaß, in Italien oder Spanien in einer katholischen Messe zu sitzen. Aber sitz mal in Skandinavien in einem Gottesdienst. Da weißte, warum die Knäckebrot haben und kein Ciabatta.
 
Jetzt sagen Sie: Die Christen glauben an etwas, das es nicht gibt. Aber die glauben ja, dass es das gibt.
Damit hab ich auch keine Schwierigkeiten. Ich bin nicht mal Atheist, ich bin Agnostiker. Ich will die Leute ja nicht beleidigen. Ich will nur meiner Verwunderung immer wieder Ausdruck verleihen, wie die das hinkriegen. Etwas für wahr zu erklären, was niemand sehen, hören, riechen, schmecken kann. Die Bibel ist Literatur, weiter nichts. Ich glaube auch nicht an den Butt von Günter Grass.
 
Was?! Jetzt kommen wir aber langsam in den Bereich der Gotteslästerung!
Und wenn die sich dann so angegriffen fühlen, dann freut mich das zwar – aber es war nicht meine Absicht.
 
Sie hätten außerdem „Gutmenschvisionen“, hält man Ihnen vor.
Ich finde, der Begriff Gutmensch hat seinen Schrecken verloren, seit Figuren wie Trump oder Orban oder unser türkischer Geselle an Bedeutung gewonnen haben, oder auch die AfD und ähnliches. Früher sollte das Wort Menschen verhöhnen, die alles gut fanden, mit einem seligen Grinsen, Lichterketten bildeten und Mate-Tee tranken. Heute sind die wichtig geworden. Weil alle, die was tun, wichtig geworden sind. Alle, die auf die Straße gehen und sich gegen die Idioten auflehnen. Lieber so als gar nicht.
 
In einer Kolumne nahmen Sie sich vor: „In Helsinki saufen“. Ist das erledigt?
Vor vielen Jahrzehnten schon. Ich war mal zwölf Tage in Helsinki im Winterurlaub, das war im Januar, und es war überhaupt der schönste Urlaub meines Lebens.
 
Ach?
Ich verbrachte ihn ausschließlich in einer Kellerkneipe mit sehr unterhaltsamen Gästen. Wie der Finne so ist, sprachen sie kaum, tranken aber viel. Ab und zu bin ich die Stiege hoch und über die Straße in mein Hotel, das war zwei Häuser weiter, habe dort ein paar Stunden geschlafen und bin sofort wieder runter in die Kneipe. Ein wunderbarer Urlaub.
 
Man muss sie mögen, die Finnen.
Super Leute. Nicht so wie diese redseligen Südländer mit ihrem Charme. Ich glaube, die Finnen werden nur noch getoppt von den Isländern. Die sind noch radikaler.
 
Waren Sie mal in Island?
Nein, aber da möchte ich auch unbedingt hin. Außerdem möchte ich mal Wal essen.
 
Im Ernst?
Nein.
 
Um herauszufinden, ob es Sinn hat, so ein Riesentier zu erledigen?
Nein. Sinn! Macht es Sinn, einen Ochsen zu erledigen? Der ist zwar kleiner, aber auch tot dann.
 
Es gibt halt mehr Ochsen.
Das ist genau der Punkt, Ochsen sind nicht vom Aussterben bedroht. Bei der Schildkröte ist es so, dass es keinen einzigen Menschen auf der Welt gab, dem Schildkrötensuppe schmeckte. Ich habe als Kind noch Schildkrötensuppe essen müssen. Das war eine salzige, widerliche Plörre, und die hat nicht einen Hauch nach Schildkröte geschmeckt.

Wie schmeckt Schildkröte?
Niemand weiß, wie Schildkröte schmeckt. Das ist es ja. Die Suppe war einfach nur salzig. Deswegen ist es mir recht, dass das Tier geschützt wird.
 
Herr Herl, Sie schreiben seit Oktober 2012 ihre Kolumne für die FR. Warum?
Weil sie mich gefragt haben damals. Es galt, alle Kräfte zu mobilisieren, damit das Rundschau-Schiff nicht untergeht, da habe ich selbstlos zugesagt. Und siehe da, es wurden fünf Jahre daraus.
 
Aber erst einmal haben Sie uns sauber in die Insolvenz geschrieben.
Das war so eine Barfuß- oder Lackschuh-Entscheidung. Entweder es klappt, oder die Zeitung geht ganz kaputt.
 
Man kennt das aus der Homöopathie. Es wird erst schlimmer und dann besser.
Die Rundschau liegt mir extrem am Herzen seit vielen Jahrzehnten. Ich lese sie seit meinem 16. Lebensjahr praktisch jeden Tag, ich war mit vielen Leuten aus der Redaktion befreundet – ich fand es einfach wichtig, dass das Blatt weiterexistiert.
 
Was ist Ihr Lieblings-Kolumnenthema?
Ich würde sagen: Konsumverhalten. Das größte Übel der Neuzeit überhaupt. Bis hin zur Lebensmittelspekulation und zu den Autos, damit hängt ja ganz viel zusammen.
 
Wir konsumieren und konsumieren – weil’s woran fehlt?
An Moral, da fängt’s schon mal an. An Verantwortungsbewusstsein. Die meisten Leute auf der Welt werfen ihr Essen weg. Und Fernsehverhalten. Wenn die Leute dieses fürchterliche Fernsehen nicht konsumieren würden, gäb’s das nicht. Dann würde auch die Unterhaltung möglicherweise etwas anspruchsvoller im Fernsehen.

 
Hätte der Kohl das anders machen können damals? Das Privatfernsehen nicht einführen?
Ich denke nicht, dass er sich dagegen hätte auflehnen können. Das war ein weltweiter Trend. Und wenn es das Privatfernsehen nicht gegeben hätte, wären die Öffentlich-rechtlichen auf den Trichter gekommen mit dem Unsinnsprogramm, auf dem sie jetzt ja auch sind. Es gibt ja kaum noch Unterschiede. Rund um die Uhr. Früher hat’s doch gelangt, von 18 bis 23 Uhr zu senden. Das war völlig ausreichend.
 
Etwas, das Sie rundheraus ablehnen, ist die Flugzeugfliegerei. Wie können wir sie zum Erliegen bringen? Flieger schaffen ohne Waffen?
Man muss die Fliegerei dissen! Anprangern! Ignorieren! Man könnte schon mal damit anfangen, Flugzeugbenzin zu besteuern. Damit geht das Übel ja los. Und dann auf unsere Mitmenschen einwirken, dass es keinen Sinn macht, für zwölf Euro oder für acht Euro irgendwo hinzufliegen.
 
So ein Auslandsflug müsste doch mindestens 10.000 Euro kosten.
Allein was du da an Umwelt zerstörst. Das kann man eh nicht mit Geld wettmachen. Und Inlandsflüge komplett abschaffen. Damit einhergehend muss natürlich die Bahn billiger werden.
 
Schaffen wir also den Flugverkehr ab und verlagern ihn auf die Schiene. Und das zweite Projekt: Michael Herl als Drag Queen beim Christopher Street Day.
Ich hatte ja öffentlich versprochen, daran teilzunehmen. Aber ein CSD ging bereits an mir vorüber, ohne dass sich jemand daran erinnert hätte.
 
Der diesjährige hätte eigentlich Ihr CSD sein müssen?
Wenn’s der Wahrheitsfindung dient. Offensichtlich war’s nicht so wichtig. Aber falls doch – es gäbe beim Hessischen Rundfunk noch ein Paar Damenschuhe in meiner Größe.
 
48?
46. Damals in der Late Lounge mit Roberto Cappelluti musste ich ja immer die Frauenrollen übernehmen für unsere Einspielerfilmchen.
 
In der kultigen Spätabendshow des Hessischen Rundfunks.
Und weil der Cappelluti nicht der Typ dafür ist – der ist zu männlich, ich habe natürlich bedeutend mehr weibliche Anteile – wurden diverse 46er-Paare Pumps und High Heels angeschafft für mich.
 
Tragen Sie die heute noch? Zu festlichen Anlässen?
Die müssten noch im HR sein.
 
Warum gibt es eigentlich Late Lounge nicht mehr?
Da müssen Sie den lieben Gott fragen oder wen auch immer.

Den Roberto Cappelluti habe ich schon gefragt. Der konnte es sich auch nicht erklären.
Ich kann nur sagen, Grund meiner Kündigung war ein Interview in der „Bild“, in dem ich den HR als Schnarchsender bezeichnet habe, als er unseren Etat für die Sendung extrem gekürzt hat. Tags darauf war ich gefeuert. Aber das wollte ich ja auch. Ich wollte unehrenhaft entlassen werden.

Schade. Late Lounge war die letzte interessante Sendung im Fernsehen.
Und wir hatten ja auch Quote ohne Ende. Nachts um zwölf hatten wir 20 Prozent Quote. Das wird’s nie mehr geben.
 
Ihr Konzept, mit dem Zuschauer zusammen schlechte Filme zu gucken und zu kommentieren, hat ja inzwischen Tele5 übernommen.
Man hat vieles bei uns abgekupfert. Betreutes Fernsehen, das war unsere Idee. Hat Spaß gemacht.
 
Führen Sie doch mal ein Late-Lounge-Stück in Ihrem Theater, der Stalburg, auf.
Kennt doch keiner mehr. Obwohl – ich werde manchmal darauf angesprochen, sogar von ganz jungen Leuten. Die sagen, die durften früher manchmal so lange aufbleiben, um unsere Sendung zu gucken. Heute laufen stattdessen Ranking-Shows. „Die zehn beliebtesten Darmkrankheiten der Hessen“.
 
Dann schreiben Sie die Idee aus einer Ihrer FR-Kolumnen fürs Theater um: G20-Gipfel künftig auf Kreuzfahrtschiffen.
Da gab es viele positive Reaktionen. Das ist doch wirklich eine gute Idee, oder?
 
Die beste.
Da passen 6000, 7000 Leute drauf, kannst du prima abschirmen, 20 Kreuzer drumrumfahren lassen, 50 Flugzeuge drüberfliegen, U-Boote drunter, Catering nur vom Feinsten. Das würde alle Probleme der G20-Gipfel lösen.
 
Ihr Buch, das jetzt erscheint, heißt „Eigentlich“. Warum eigentlich?
Ich habe nach der dritten Kolumne gemerkt, dass die Texte alle mit „Eigentlich“ anfingen. Da dachte ich, das ist eigentlich eine ganz nette Idee, das belässt du mal dabei.
 
Die fangen tatsächlich alle mit „Eigentlich“ an?
Ei ja.
 
Ist mir noch nie aufgefallen.
Letztens fragt mich einer: Sag mal, ist dir schon mal aufgefallen, dass deine Kolumnen alle mit „Eigentlich“ anfangen? Sag ich: Ach nee, hör uff!

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