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Martin Sonneborn Erlaubte Geschmacklosigkeit

Wenn in der Hauptstadt bald ein neuer Senat gewählt wird, können die Wähler ihr Kreuz auch bei "Der Partei" setzen. Deren Vorsitzender und Herausgeber der Zeitschrift Titanic höchstpersönlich, Martin Sonneborn, will in Berlin an die Macht.

Inhalte überwinden lautet Sonneborns Maxime. Foto: DDP/Michael Gottschalk

Wenn man Martin Sonneborn, den Chef der Partei „Die Partei“ anruft, um sich mit ihm zu einem Interview zu verabreden, dann gibt er einem zunächst das Gefühl, als habe man beim Papst um eine Audienz gebeten. „Sie lesen sich dann bitte vorher ein, damit ich Ihnen nicht alles von vorn erklären muss?“, sagt er streng. Einlesen? In was denn? Er macht gerne solche Witze.

Seit 2004 engagiert sich der ehemalige Chefredakteur und heutige Mit-Herausgeber der Zeitschrift Titanic politisch. Der Name seiner Partei steht für Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative. Bei der Hamburg-Wahl kam „Die Partei“ mit ihrem Spitzenkandidaten, dem Autor Heinz Strunk, immerhin auf 0,7 Prozent der Stimmen. In Berlin tritt der Parteichef höchstpersönlich an. Seine Maxime: Inhalte überwinden.

Martin Sonneborn kommt etwas verspätet in Clärchens Ballhaus in Berlin-Mitte. Man hätte ihn fast gar nicht erkannt. Er sieht wie ein Kulturjournalist aus Berlin-Charlottenburg aus, der zu viele lange Theaterabende hinter sich hat. Nicht mal seine Parteiuniform, den grauen billigen Anzug, hat Sonneborn an. Er trägt Jeans, Pulli, Schnürstiefel und einen Mopedhelm in der Hand.

Latte und Schorle

Er bestellt einen Latte Macciatto und eine kleine Apfelsaftschorle und redet über einen Auftritt beim RBB am gleichen Abend. Der Sender hat alle kleinen Parteien eingeladen zu einer Fragerrunde, auch „Die Partei“, die mit einer Landesliste antritt. „Voigt wird auch da sein und ich muss mich noch vorbereiten“, sagt Sonneborn. Er wirkt ein bisschen nervös. Udo Voigt ist der Chef der rechtsextremen NPD, und mit der NPD hatte Sonneborns bisher spektakulärste Aktion im Berliner Wahlkampf zu tun.

Die NPD wirbt in Berlin mit dem Spruch „Gas geben“, dazu sieht man ein Foto von Voigt auf einem Motorrad, aber man denkt sofort an die Gaskammern in Auschwitz. „Die Partei“ überklebte das Bild von Voigt. Nun steht auf den Plakaten immer noch: „Gas geben“. Darüber sieht man allerdings ein Bild von Jörg Haider, dem bei einem Autounfall im Jahr 2008 verunglückten rechtspopulistischen österreichischen Politiker. Manch einer sagt, das sei geschmacklos. „Wir sind die einzige Partei, der es erlaubt ist, geschmacklose Plakate aufzuhängen“, erwidert Sonneborn. Ein paar Tage zuvor marschierten er und seine Anhänger mit Fackeln durch das Brandenburger Tor. Was die Rechten können, kann Sonneborn schon lange.

Tage später gibt ihm ein Gericht Recht, dass man der NPD am besten mit Satire begegnet. Denn die Klage des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, die NPD-Plakate zu verbieten, wurde vom Verwaltungsgericht Berlin abgelehnt.

Bei der Wahl 2006 kam „Die Partei“ in einem Wahlkreis im Berliner Stadtteil Neukölln auf 4,8?Prozent der Stimmen. Diesmal strebt die Organisation die Regierungsübernahme in der Hauptstadt an. Sonneborn ließ 2200 Unterschriften sammeln für die Wahlzulassung, in der Kreuzberger Admiralstraße hat er in den Räumen der KPD eine Wahlkampfzentrale eingerichtet, Kampa heißt sie, wie einst bei der SPD.

500 "Partei"-Mitglieder in Berlin

Am Wochenende sieht man davor junge Leute, die Handzettel verteilen, auf denen die Wahlforderungen stehen: „Wowereit ausstopfen, Künast frisieren, Knut wiederbeleben.“ Knut, das war der kleine Eisbär aus dem Zoo, der kürzlich verstorben ist. Der CDU-Kandidat Frank Henkel wird gar nicht erst erwähnt.

Das Interesse an mangelnden Inhalten ist nach Parteiangaben sehr groß. „Wir haben gerade enormen Zulauf“, behauptet Sonneborn, mehr als die Grünen, „da ist der Hype eh vorbei.“ 500 Mitglieder hat „Die Partei“ in Berlin, darunter Bela B. und Rod Gonzales von der Rockgruppe Die Ärzte sowie die Hip-Hop-Band KIZ. Die vier Jungs posieren auf neuen Plakaten, die Freitagabend im Neuköllner Heimathafen vorgestellt wurden, als Kokser. Der Slogan bezieht sich auf den Streit um Tempo 30. „Speedlimit? Nicht mit uns!“, steht darauf.

In ihrem Regierungsprogramm fordert die Partei das Verbot von Pub Crawls, die Einrichtung eines atomaren Endlagers in Prenzlauer Berg sowie kostenfreie Mitgliedschaften in Fitnessclubs. Auf dem Berliner Schlossplatz soll der Palast der Republik als „Palast der Partei“ wiedererrichtet werden. „Wir haben das meiste von den Grünen abgeschrieben, als sie noch idealistisch waren“, sagt Parteichef Sonneborn. Immer wieder die Grünen! Er guckt betont ernst und wartet darauf, wie sein Gegenüber reagiert. Manchmal gelingt es ihm nicht, ein Lächeln zu unterdrücken, obwohl sich das eigentlich für den Parteivorsitzenden nicht gehört.

Sonneborns Humor lebt von der Interaktion: Je irrer sein Gegenüber, desto witziger erscheint er. Deshalb funktioniert das Interview Sonneborns mit dem NPD-Funktionär Hans Püschel, das man noch auf Youtube sehen kann, so gut.

Selbstdarsteller sind gefragt

Kritiker werfen Sonneborn, vor, dass er „Die Partei“ nur als Plattform für Eigenwerbung benutzt. Sonneborn kann darin nichts Schlechtes sehen. „Eitle Selbstdarsteller sind in der Politik doch gefragt wie selten“ erwidert er. Er wolle die Lücke füllen, die Guttenberg gerissen hat. Wie um seine Wichtigkeit zu betonen, klingelt sein Handy, er geht ran und verschwindet für eine Viertelstunde. Politiker haben eben wichtigeres zu tun als mit Journalisten zu reden.

Am Ende des Gesprächs kramt Martin Sonneborn in seiner Tasche. Der Parteivorsitzende hat den Aufkleber dabei: „T(err)ourists go home, back to hell“ steht darauf. (Terroristen/Touristen geht nach Hause, zurück in die Hölle). Die Hölle, das ist Spanien, England und Ulm, eigentlich überall dort, wo es „Die Partei noch gibt.

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