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Margot Käßmann „Mein Glaube ist nichts für die stille Kammer“

Margot Käßmann wird 60. Im FR-Interview spricht sie über Macht auf Zeit und erläutert, warum Frömmigkeit und Politik für sie untrennbar zusammengehören.

Margot Käßmann
„Die Kirche könnte sicher manches besser machen“, sagt Margot Käßmann, „aber sie sollte nicht anfangen, Hotdogs zu verteilen, nur damit die Leute kommen.“ Foto: Thomas Klitzsch

Frau Käßmann, warum glauben Sie eigentlich an Gott?
Dafür gibt es keine Begründung in dem Sinn, dass ich mich dazu entschlossen hätte. Mein Glaube ist entstanden – erst durch die Erziehung im Elternhaus, später dann durch eigenes Fragen und Nachdenken.

Und was ist da entstanden?
Eine Lebenshaltung, die Jesus in dem Wort zusammenfasst, „du sollst Gott über alle Dinge lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst“. Das bedeutet für mich ein Verantwortungs- und Vertrauensdreieck: zu Gott, aus dessen Hand mein Leben kommt, aber ebenso zur Welt, in der ich lebe, zu den Mitmenschen und zu mir selbst. 

Haben gläubige Menschen den anderen etwas voraus?
„Kind Gottes“ zu sein, erlebe ich als Befreiung vom Druck gesellschaftlicher Normen. Und ich denke: Menschen, die glauben, können gelassener hinnehmen, dass ihr Leben endlich ist. Ich habe das Gefühl, in unserer Gesellschaft rennen alle davor weg, dass das allgemeine Wissen von der Sterblichkeit auch eine sehr persönliche Nachricht ist.

Wie nahe ist sie Ihnen gekommen, als Sie damals Ihre Krebsdiagnose erhielten?
Ich habe vor dem eigenen Sterben wenig Angst. „Den eigenen Tod, den stirbt man nur. Mit dem Tod der anderen muss man leben“, in diesem Satz von Mascha Kaleko steckt sehr viel Weisheit. Wie es dann bei mir einmal sein wird, kann ich jetzt natürlich noch nicht wissen. Aber ich habe tatsächlich viele Menschen in großem Frieden sterben gesehen, die ihr Leben losgelassen und zurückgelegt haben in Gottes Hand.

Und wie geht das nun, „glauben“?
Weil wir hier in Wittenberg sind, halte ich mich an Martin Luther, den sein Barbier einmal gefragt hat, wie er das denn anstellen solle mit dem Beten. „Jeden Tag ein Vaterunser, und am Ende ein kräftiges ‚Amen‘ gegen deinen Zweifel“, hat Luther gesagt. Ich finde, das ist ein sehr pragmatischer Rat.

Aber was sollte das bringen, täglich das Vaterunser zu beten? Das klingt fast wie die Bußen, die Katholiken früher in der Beichte auferlegt bekamen: Zehn Vaterunser, zehn Ave Maria …
Beten verändert etwas: Du siehst dein Leben nicht mehr nur aus der Warte der Egomanie, führst keinen „Ich, ich, ich“-Monolog, sondern kommst in eine Gesprächsverbindung. Auf die Dauer entsteht eine Standleitung zu Gott.

Aha. Und da antwortet auch jemand am anderen Ende der Leitung?
Ich glaube, es gibt diese Situationen. „Folge dem, was dein Herz dir rät“, heißt es im biblischen Buch Jesus Sirach. Es bedeutet genau dieses: mit einer inneren Stimme zu rechnen, die dir sagt, was gut und richtig ist – für dich selbst oder auch für die Welt. Die meisten Menschen kennen diese innere Stimme, und ich glaube, es ist Gott, der da zu ihnen spricht. Und manche vernehmen diese Stimme, wollen sie aber vielleicht gar nicht so genau hören.

Wenn Sie drei Orte sagen sollten, an denen man Gott auf die Spur kommt, welche wären das?
Sie könnten sich zum Beispiel an einen so idyllischen Platz wie den Schwanenteich hier in Wittenberg setzen und das Markus-Evangelium lesen oder die Bergpredigt. Sie könnten in eine schöne, alte Kirche gehen als einen „durchbeteten Ort“, wo Menschen über Jahrhunderte hinweg ihr Leben Gott anvertraut haben. Das nimmt einen Menschen hinein in eine lange, lange Tradition, die trägt. Und sie könnten ein Kloster besuchen, weil solch ein Ort der Stille, solch ein Rückzugsraum unwahrscheinlich gut tut. Natur, Kirche, Kloster – da kommen Sie Gott ziemlich nah. Und natürlich begegnen wir Jesus Christus immer da, wo Hungrige gespeist, Kranke und Gefangene besucht, Fremde aufgenommen werden. So steht es im Matthäusevangelium.

Was empfehlen Sie Eltern, die bekümmert sind, weil ihnen die Glaubensweitergabe an die Kinder nicht mehr so gelingt, wie das bei Ihrer Mutter und Ihnen noch der Fall war – stellvertretend für eine ganze Generation gesprochen?
An meine Töchter habe ich den Glauben immer in Freiheit weiterzugeben versucht, nie mit Zwang. Gerade Pfarrerskinder sind da vielfach geschädigt, weil sie – ob von den Eltern gewollt oder nicht – einen Druck zur Religion verspürt haben. Meine Töchter haben bis heute eine positive Einstellung zum Glauben und zur Kirche, die Schwiegersöhne auch. Das bringt eine gewisse Selbstverständlichkeit mit sich, eine Lockerheit ohne jedes Muss. Ich habe alle Enkelkinder taufen dürfen. Das empfinde ich als ein Geschenk und großes Glück. Die kleinen Zwänge im Glauben wachsen sich schnell zu dem großen Zwang aus, dem Fundamentalismus. Luther wollte, dass jeder Mensch seine persönlichen Glaubensfragen stellen darf. Fundamentalisten erlauben keine Fragen.

Was war Ihre größte Anfechtung im Glauben?
Schon das Leid, das Menschen ertragen müssen. Wenn Unzählige im Mittelmeer auf der Flucht ertrinken, oder wenn dieser mörderische Krieg in Syrien einfach kein Ende nehmen will – dann quält mich die Frage, warum Gott das alles zulässt. Ich weiß, ich weiß! Es sind von Menschen gemachte Katastrophen. Nicht Gott schickt dieses Leid. Das ist dann ja auch meine Antwort als Theologin. Aber trotzdem wünsche ich mir manchmal, dass es anders zuginge; dass Gott von oben eingriffe und die Menschen in Gefahr und Not beschützte.

Haben Sie mit den Jahren bei sich selber so etwas wie ein Altern im Glauben feststellen können?
Puh ... (überlegt etwa zehn Sekunden) Mag sein, dass mein Glaube ruhiger geworden ist. Mit einer inneren Freude an dem, was da ist. Mit dem Alter schwindet ja vielleicht auch der Bedarf an Veränderung. Schon rein äußerlich. Als ich jetzt von Berlin zurück nach Hannover gegangen bin, war das mein 16. Umzug. „Nun ist es aber auch gut“, habe ich gedacht, „nicht noch einmal!“

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