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Margarete Mitscherlich ist tot Die Grande Dame der Psychoanalyse

Margarete Mitscherlich war Mahnerin, Moralistin - und stets eine Grande Dame. Kurz vor ihrem 95. Geburtstag starb die Psychoanalystin und Schriftstellerin am 12. Juni in einem Frankfurter Klinikum. Ein Nachruf.

Margarete Mitscherlich in ihrer Wohnung im Westend von Frankfurt am Main, hier auf einem Foto aus dem Jahr 2009. Foto: dpa

Margarete Mitscherlich war Mahnerin, Moralistin - und stets eine Grande Dame. Kurz vor ihrem 95. Geburtstag starb die Psychoanalystin und Schriftstellerin am 12. Juni in einem Frankfurter Klinikum. Ein Nachruf.

Welch eine Energie, welch eine Leidenschaft, noch als Greisin. Da hörte man sie als Mahnerin, da erlebte man sie als Moralistin. Die Gelegenheiten, sich in der Öffentlichkeit den Ruhestand zu versagen, ergriff sie beherzt. So erlebten sie ihre Leser oder ihre Hörer weiterhin als eine Analytikerin der Gegenwart, und das betraf die Psychoanalyse ebenso wie den Feminismus. Im Herbst 2010 war es gewesen, da veröffentlichte sie „Die Radikalität des Alters“. In dem Buch war Margarete Mitscherlich noch einmal spürbar auf ihrem ureigenen Terrain.
Am Dienstag ist Margarete Mitscherlich im Alter von 94 Jahren in Frankfurt am Main gestorben. In Erinnerung bleibt ihre Bemerkung zu ihrem 90. Geburtstag, dass sie mit ihrem Leben „ganz zufrieden“ gewesen sei. Tatsächlich hielt sie, Grande Dame der Psychoanalyse, noch gelegentlich Sitzungen ab.

Lieben und Denken

Als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin kam Margarete Nielsen 1917 in Dänemark zur Welt. Ihr Abitur machte sie während der Nazi-Diktatur in Flensburg. Nach dem Medizin-Studium in München und Heidelberg arbeitete sie vorübergehend in der Schweiz, wo sie Alexander Mitscherlich (1908-1982) kennenlernte. 1955 heirateten sie, das Paar begründete eine jahrzehntelange Liebes- und Arbeitsbeziehung, eine Lebens- und Denkgemeinschaft.
Ihre 45 gemeinsamen Jahre seien nicht immer harmonisch gewesen, erzählte sie, es war während einer ihrer letzten Lesungen in Frankfurt, im ausverkauften Literaturhaus. Die Rivalität zwischen den beiden Wissenschaftlern, das erzählte sie freimütig, sei „nicht das Problem gewesen, die war lustvoll. Aber die Eifersucht war vorhanden. Er hat mir auch vorgeschlagen, mir einen anderen zu suchen. Aber wenn ich das dann tat, war der Teufel los.“

Gemeinsam arbeiteten Margarete und Alexander Mitscherlich zunächst in einer psychosomatischen Klinik in Heidelberg, später am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt, wo Margarete Mitscherlich zeitweise die psychoanalytische Ausbildung leitete. Mit dem Neubeginn 1960 entwickelte sich das Sigmund-Freud-Institut zu einem international anerkannten Zentrum, das die vertriebene „jüdische Wissenschaft“ der Psychoanalyse in Deutschland wieder etablieren konnte.
Mit Hilfe einer psychoanalytischen Sozialpsychologie wurde das unbewusste Erbe des Nationalsozialismus bei den Verdrängungsleistungen im Nachkriegsdeutschland freigelegt; man kann diese immense intellektuelle, Widerständen und Anfeindungen ausgesetzte Kraftanstrengung für die Liberalisierung der jungen Bundesrepublik gar nicht hoch genug veranschlagen.

Emanzipiert, aber elegant

Gemeinsam schrieb das Paar prägende Bücher wie „Die Unfähigkeit zu trauern“ (1967) über die kollektiven Schuldleugnungsmechanismen der Gesellschaft; es stieg, und nicht allein wegen des griffigen Titels, auf zu einem Schlüsseltext der Studentenbewegung. In ihrem bedeutendsten eigenen Buch, „Die friedfertige Frau“ (1985), legte sie dar, dass Frauen von Natur aus nicht etwa weniger aggressiv sind, sondern ihr vermeintlich ausgleichendes Wesen nur erlernt haben. „Ich habe immer vertreten, dass Frauen sich nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen sich selbst durchsetzen müssen“, beharrte sie. Nicht nur wegen des enorm suggestiven Titels verband sich mit dem Buch eine für die alte Bundesrepublik schlagkräftige Verbindung von Gesellschaftskritik und Sozialpsychologie. Ihre Definition von Emanzipation, und es war die einer eleganten Dame, lautete: „Eine emanzipierte Frau ist in der Lage, sich von vorgefundenen Werten und Vorstellungen über ihre Rolle zu distanzieren.“
Psychoanalyse und Feminismus lebte Margarete Mitscherlich als fruchtbare Koexistenz: „Freud hat als Erster anerkannt, dass Frauen sexuelle Wesen sind.“ Ebenso beharrte sie darauf, dass es Freuds Lehren waren, die zur Gesellschaftsveränderung drängten. Mit Freud richtete sie sich ein, analytisch und systematisch, als dem „Begründer der modernen Seelenkunde“. Aber auch privat, saß doch , wie man hören konnte, auf ihrem Sofa in ihrer Frankfurter Westend-Wohnung eine Sigmund-Freud-Puppe.

Analytisches Temperament

Der Psychoanalytiker Tilmann Moser hat Margarete Mitscherlich gestern als „hellwache Forscherin“ gewürdigt, zugleich darauf hingewiesen, dass die Freud-Verehrung eine selbstbewusste Skepsis gegenüber den Analysen zur „Mutter-Kind-Beziehung“ war: „An der rein klinischen Entwicklung der Psychoanalyse mit den Fortschritten in der Feinarbeit hat sie weniger teilgenommen als an der Analyse gesellschaftlicher Prozesse.“
Diesen galt das analytische Temperament der Greisin. So ließ es sich die 90-Jährige nicht nehmen, etwa den Ökos süffisant die Leviten zu lesen: „Man empfindet Schuld und dann agiert man im Dienst der guten Sache mit lustfeindlicher Hysterie.“ Im Schönheitswahn sah sie ein „neurotisches“ Verlangen: „Im Spiegel ein fremdes Gesicht anzuschauen: Das würde mir noch viel mehr Angst machen.“
Neben diesen Interventionen versäumte sie nicht eine pragmatische Deutschland-Bilanz nach fast einem Jahrhundert Lebenszeit: Aus dem nationalsozialistischen Deutschland ihrer Kindheit sei eine stabile Demokratie geworden, eine einstmals männerdominierte Gesellschaft habe immerhin eine Kanzlerin an die Spitze gewählt und die Grundbegriffe der Psychoanalyse kenne inzwischen jeder Taxifahrer. Über sich selbst sagte sie einmal – augenzwinkernd: „Meine Thesen stimmen immer irgendwo auch, sind aber mit einer großen Lust an der Provokation verbunden

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