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Kriegsreporter Kuscheln mit der Kalaschnikow

Der Journalist Carsten Stormer berichtet aus den Kriegsgebieten dieser Welt. In seinem Buch „Die Schatten des Morgenlandes“ schildert er seine Erlebnisse aus dem Nahen Osten. Ein Auszug aus Kapitel 9, „Unter Islamisten“.

19.03.2017 15:49
Aleppo
Der Bürgerkrieg hat der Stadt Aleppo besonders zugesetzt. Sie besteht fast nur noch aus Ruinen. Foto: Carsten Stormer

Für Journalisten wird Nordsyrien immer mehr zur No-go-Area. Bis Mitte des Jahres 2013 hatten Islamisten Dutzende Kollegen entführt. Spanier, Franzosen, Engländer, US-Amerikaner, Japaner, ein Russe. Sie waren auf dem Weg nach Aleppo, recherchierten dort oder in der Gegend rund um die Stadt Rakka. Spitzel von Entführungssyndikaten und islamistischen Gruppen beobachten ausländische Journalisten oft schon beim Grenzübertritt. Kurz darauf schnappt die Falle zu. Dennoch wagen sich noch immer einige Leichtsinnige in das Kriegsgebiet Nordsyriens.

Häufig bitten mich junge Journalisten, die sich in Syrien erste berufliche Meriten verdienen wollen, um Rat und Kontakt. So als wäre ein Schlachtfeld das Sprungbrett für eine Medienkarriere. Meist reagiere ich sehr zurückhaltend auf solche Anfragen. Ich will nicht verantwortlich für den Tod eines Anfängers sein. Inzwischen ist es schlicht zu gefährlich geworden, nach Aleppo zu reisen, die Risiken unkalkulierbar. Abu Yazan hat mich gewarnt. „Komm nicht her, mein Freund. ISIS kontrolliert alle Zufahrtswege nach Aleppo. Ich kann dich nicht mehr beschützen.“ Es gibt andere Möglichkeiten, nach Syrien zu gelangen.

Ich will vom Libanon aus in den Süden Syriens reisen, in die Vorstädte von Damaskus. Auch dort kämpfen Rebellen gegen Regierungstruppen. Einfach wird das nicht. Vor mir liegt eine Odyssee, die mich von Beirut in die alte römische Stadt Baalbek führt und weiter auf Schleichwegen bis zur libanesisch-syrischen Grenze. Dort treffe ich Verbindungsleute, die mich nach Syrien schleusen, illegal und ohne Visum. So weit die Theorie. Was ich nicht weiß: Die syrische Armee ist gerade dabei, einen Belagerungsring um die Hauptstadt zu ziehen, und belegt die Verstecke der Rebellen ununterbrochen mit Artilleriebeschuss und Luftangriffen. Ständig wechselnde Checkpoints blockieren die Zugangswege. Niemand kommt rein, niemand raus. Den Rebellen sind seit Tagen alle Flucht- und Nachschubwege abgeschnitten.

„Komm nach Baalbek“, schreibt mir der Kontaktmann eines syrischen Untergrundnetzwerkes im Libanon. Im Schatten römischer Säulen treffe ich die Männer, die mich nach Damaskus schmuggeln sollen. In einem alten Mercedes umkurven wir die Straßensperren des libanesischen Militärs, durchfahren das Bekaatal und erreichen schließlich das Städtchen Arsal. Fast genau ein Jahr zuvor habe ich hier die ersten syrischen Flüchtlinge getroffen, die aus Homs, Damaskus und Qusayr in den Libanon flohen. Ich erinnere mich noch gut an die verstörten und schreienden Kinder, die von verängstigten Eltern von der Ladefläche eines LKWs gehoben wurden. Inzwischen leben in Arsal Tausende syrischer Flüchtlinge; in Ställen, in Rohbauten, in Zelten, bei Verwandten. Und noch immer helfen die Libanesen, wo sie können. Ein Bewohner erzählt mir, dass er es als seine Pflicht betrachte, die heimatlosen Nachbarn bei sich aufzunehmen. So hätten es die Syrer getan, als der Libanon im Bürgerkrieg versank und Zehntausende sich nach Syrien retteten.

In Arsal wechseln wir das Fahrzeug. Ich steige in einen Minibus. Hinterm Steuer hockt ein bekiffter Mann, in seinem Schoß liegt eine Handgranate. Während er fährt, zieht er an seinem Joint, bietet mir einen Zug an. In diesem Moment zweifle ich an meinem Verstand und meiner Berufswahl. Wird schon gut gehen, tröste ich mich. Müde und angespannt zugleich lasse ich mich auf die Rückbank fallen. Bei Einbruch der Dunkelheit ruckeln wir auf einem Feldweg über die Grenze. Ein paar Stunden später erreichen wir die Stadt Yabroud, essen in einem Restaurant Kababs, die wir mit Ayran, einem köstlichen Yoghurt-Getränk, runterspülen. „Beeilt euch, nachts bombardiert die syrische Luftwaffe die Stadt“, warnt uns der Restaurantbesitzer. Nach dem Essen fahren wir, begleitet von einer bewaffneten Eskorte, weiter, bis der Wagen vor einem kleinen Gehöft irgendwo im Nirgendwo der syrischen Provinz Qualamoun hält – Ende der Fahrt, bedeutet mir mein Chauffeur.

Ich befinde mich auf einem Acker dreißig Kilometer vor Damaskus.

Um mich herum nur Felder, Obstbaumplantagen und Berge. Postkartenidylle, 1400 Meter über dem Meeresspiegel. Ich teile mir das einzige Zimmer eines winzigen Gehöftes am Stadtrand mit fünf Islamisten. Drei von ihnen heißen Muhammad, was ich schön finde, da ich mir Namen schlecht merken kann. Außerdem wären da noch der 22-jährige Amir, mein Fahrer und Übersetzer, der den Bürgerkrieg mit einem Videospiel verwechselt, sowie Abu Ahmad, der Prediger, der den Koran auswendig kann und der mich ständig zum Islam bekehren will. Kampferprobte Veteranen der Schlachten um Homs, Kusair und Hama.

Mein Kontaktmann in Beirut hatte mich gewarnt. Eine Einheit islamistischer Rebellen werde sich um mich kümmern und nach Damaskus bringen, insch’allah. So Gott will. Aber ich solle mir keine Sorgen machen. „Das sind ganz nette Leute!“ In meinem Kopf spulen sich Bilder Kalaschnikow-schwingender Extremisten ab.

Aus meiner Reise nach Damaskus wird eine Reise in die Köpfe islamistischer Rebellen. Keiner von ihnen ist älter als 25, alle tragen schwarze Rauschebärte und die Haare kurz geschoren. Nette Jungs eigentlich, lustig drauf, wir albern herum und verstehen uns gut. Keine geifernden, intoleranten Extremisten, die alles hassen, was gegen ihre Weltsicht geht. Ich hatte mir das anders vorgestellt. Natürlich nehmen sie Anstoß an Alkohol und Drogen, Nachtclubs und Sex. Geschlechtsverkehr? Nur mit der Ehefrau, meint Abu Ahmad. Und da sie alle unverheiratet sind, gehen sie unbefleckt und unbefriedigt durchs Leben. Was vielleicht erklärt, warum sie ihre Kalaschnikows streicheln und liebkosen, als hielten sie ein Mädchen im Arm.

Es ist oft von DEN Rebellen die Rede, wenn es um die bewaffnete Opposition in Syrien geht. Aber DIE Rebellen gibt es nicht. Es sind heterogene Gruppierungen mit unter-schiedlichen Zielen, oft zerstritten. Darunter Säkulare, Studenten, Anwälte, Ärzte, Deserteure der syrischen Armee, Bauernsöhne. Inzwischen übernehmen immer mehr radikale Islamisten aus dem Dunstkreis von al-Qaida das Ruder im syrischen Bürgerkrieg. Wie Jabhat al-Nusra oder Ahrar al-Scham. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie wollen den Diktator Bashar al-Assad stürzen. Nur darüber, wie dieses Ziel erreicht werden kann und was danach kommen soll, sind sie uneins. Freie Wahlen und eine islamische Demokratie nach türkischem Vorbild? Oder ein islamistisches Kalifat mit dem Koran als Grundgesetz und der Scharia als Rechtsprechung?

„Bist du Muslim?“, fragt mich einer der Muhammads bei unserer ersten Begegnung mit stechenden Augen. Dies wäre der Zeitpunkt für eine kleine Lüge gewesen, die man in diesem Teil der Welt auch als Selbstverteidigung rechtfertigen könnte.

Denn ich bin Atheist, und nur eine Sache ist für einen gläubigen Muslim verwerflicher, als den falschen Gott anzubeten: nämlich gar keinen. Ich schüttele also den Kopf. „Christ?“ Auch nicht. Er fängt an zu grübeln, zupft sich am Bart, seine Augen verengen sich zu Schlitzen, und er tritt ganz nah an mich heran, sodass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüren kann: „Etwa Jude?“ Mein Adamsapfel beginnt zu tanzen, und ich krächze: „Keine Religion, kein Gott.“ Worauf alle erstaunt die Augen aufreißen und in eine lautstarke Diskussion verfallen, die sich anhört, als würden meine Gastgeber besprechen, wie sie diesen ungläubigen Sohn einer räudigen Hündin am besten ins Jenseits befördern könnten. Ich gehe vor die Türe und rauche zur Beruhigung eine Zigarette. Irgendwann gesellt sich Amir zu mir und pafft schweigend Rauchringe in den Nachthimmel. Meine Hände zittern ein bisschen. Drinnen im Zimmer wird das Gezanke immer lauter, und Amir, meine fragenden Blicke deutend, übersetzt: „Die streiten sich gerade, ob sie dir Hühnchen oder Lamm kochen sollen.“

Die erste Hürde habe ich überwunden. In den kommenden Tagen erlebe ich den Alltag meiner Gastgeber. In unserem Gemeinschaftszimmer gehen die Besucher ein und aus. Eine Gruppe Kämpfer kommt zum gemeinsamen Beten vorbei; später liefert ein Mann eine Ladung aus dem Libanon geschmuggelter Gewehre und Munitionskisten ab. Irgendwann zieht ein Esel einen Wagen auf den Hof; ein Islamist springt vom Kutschbock, packt eine riesige Satellitenschüssel von der Ladefläche und montiert sie mit viel Trara auf dem Dach des Hauses.

Endlich Internet. Einerseits. Andererseits ist die in der Sonne glitzernde Parabolantenne auch ein leichtes Ziel für Hubschrauber und Kampfflugzeuge der syrischen Armee. Amir, die Muhammads und den Prediger scheint dies nicht zu stören. Facebook und Skype bieten eine willkommene Ablenkung zu Beten und Waffenstreicheln. Tage später folgt die nächste Lieferung – eine Lastwagenladung mit medizinischem Gerät. Denn Horsh Arab erfährt zwar ständig Angriffe der Armee, aber es gibt hier kein Krankenhaus, um die Verletzten zu behandeln. Hin und wieder schaut Mo vorbei, ein syrischstämmiger US-Amerikaner, der aus der Bronx gekommen ist, um sich der Revolution anzuschließen, und der mit einem ausgeklügelten Fitnessprogramm die Rebellen fit halten und so das Regime in die Knie zwingen will. Aber wie genau das Trimm-dich aussehen soll, verrät er nicht. Denn eigentlich sei er ja Pizzabäcker, sagt Mo. Und täglich, pünktlich zum Abendessen, schaut Abdul vorbei, ein Polizist im Dienste der syrischen Regierung, der die Rebellen mit Informationen versorgt. Eigentlich mag ich Besuch. Aber jeder von ihnen hat das dringende Bedürfnis, dem deutschen Gast seine seltsame Faszination für Adolf Hitler mitzuteilen: Adolf Hitler, strong man. Adolf Hitler, very good man. Ah, Germany! Adolf Hitler. Do you like Adolf Hitler?

Anfangs zeige ich noch demonstrative Gelassenheit, diskutiere, versuche zu überzeugen. Nein, nein. Hitler bad man. Very bad. Leider spreche ich kein Arabisch, unser Gespräch holpert dahin; ich vergleiche Hitler mit Bashar al-Assad, was ein bisschen Wirkung zeigt, aber nie lange anhält. „Hitler not good?“, fragen sie dann mit enttäuschten Gesichtern. Ein Bärtiger, der uns besucht und den ich noch nie gesehen habe, lässt mich meine Beherrschung verlieren: „Salam aleikum, magst du Adolf H…“ Ich lasse ihn nicht ausreden, verstoße stattdessen gegen sämtliche Gebote syrischer Gastetikette.

Meine Schimpftirade trifft, wie sich schnell herausstellt, den denkbar Falschen: Es ist mein Gastgeber, der Chef der Islamisten-WG, der Anführer der Rebellen dieser Gegend, der unbekannte Drahtzieher, der Oberislamist, der mich nach Syrien schleusen ließ, der mir kostenlos Autos zur Verfügung stellt, samt Leibwache und Übersetzer. Der einzige Mensch hier, den ich auf überhaupt keinen Fall anmotzen sollte. Ein gewisses Maß an Distanziertheit war das Mindeste, mit dem ich rechnete. Aber der Mann lächelt mich nur milde an und entschuldigt sich, dass er mich offensichtlich gekränkt habe. Als Wiedergutmachung will er mir seine Pistole schenken, zum Zeichen der Freundschaft. Und schon stecke ich im nächsten Dilemma. Auch diese Geste der Gastfreundschaft lehne ich ab. Immerhin ist das Thema Adolf Hitler seitdem vom Tisch.

Eines Nachts, Amir und ich stehen rauchend in einer sternenklaren Nacht, rauscht ein Feuerball am Himmel über unsere Köpfe hinweg. „Scud“, sagt Amir trocken. Die Ab-schussrampe der Raketen liegt nur ein paar Kilometer von meinem Versteck entfernt. Täglich fliegen sie in Richtung der befreiten Gebiete des Nordens; nach Aleppo, Azaz, Ma-rea, Deir ez-Zor, Idlib. Hunderte Menschen sind durch sie ums Leben gekommen.

Abends, wenn mal wieder der Strom und somit auch Facebook und Skype ausfallen, sitzen wir in Decken gehüllt um einen glühenden Ofen herum, trinken gesüßten Tee und führen lange Gespräche über den Krieg und die Zukunft Syriens. Auch hier höre ich immer wieder die Frage, die mir auf all meinen Reisen in Syrien gestellt wurde: Warum hilft uns niemand? Warum schaut die Welt dem Töten zu? Selbst Abu Ahmad, der Prediger, legt seinen Koran beiseite und beteiligt sich am Gespräch. „Vielleicht“, antworte ich, „hat das mit dem schlechten Image zu tun, das die Rebellen haben, seitdem sich immer mehr Fanatiker in Syrien tummeln, die eine Welt ohne Zwischentöne schaffen wollen und das Land aufteilen möchten in ‚halal‘ und ‚haram‘ – in erlaubt oder verboten, Freund oder Feind, Paradies oder Hölle.“

Radikale Islamisten und Salafisten, die aus Saudi-Arabien, Ägypten oder Katar einsickern, auch aus Deutschland, England oder Australien, um in Syrien einen Heiligen Krieg zu führen. Viele von ihnen haben sich zur Al-Nusra-Front vereinigt, dem verlängerten Arm der irakischen al-Qaida. „Nusra“ – das heißt eigentlich Rettung, Beistand. Seit Kurzem verbreiten nun auch die Kämpfer des Islamischen Staates Angst und Terror. Ihre Krieger verachten jeden, der den Islam anders interpretiert als sie.

Das vom untätigen Westen in Kauf genommene Vakuum füllen die Radikalen, die neben Waffen auch Brot und Geld im Gepäck haben und so der verarmten und schlecht ausgerüsteten Freiwilligen Syrischen Armee (FSA) den Rang ablaufen. Heute weht in Städten wie Aleppo, Idlib oder Rakka nicht mehr die säkulare Fahne der Rebellenarmee, sondern die schwarze Flagge der Islamisten mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. In den befreiten Gebieten des Nordens sichert der IS inzwischen fast vollständig die Grundversorgung der Bevölkerung, verteilt neben Essen, Medikamenten, Decken und Heizöl auch die eigene Weltsicht. Gut und Böse verwischen in diesem Krieg. Assad bekommt Hilfe vom Iran und der libanesischen Hisbollah, von irakischen Milizen, im Iran gestrandeten afghanischen Flüchtlingen, die gezwungen werden, in den Krieg zu ziehen. Die Extremisten werden unterstützt von Katar, den Arabischen Emiraten und islamischen Wohlfahrtsorganisationen in Saudi-Arabien. Nur diejenigen, die demokratischen Werten am nächsten stehen und die Revolution vor über zwei Jahren für mehr Gleichheit und Rechte begonnen haben, erhalten keinerlei Hilfe und geraten zwischen die Fronten.

„Ja, wir sind Islamisten, weil wir an den Islam glauben. Aber wir lehnen den Islam der Extremisten ab! Das sind Verrückte“, sagt Abu Ahmad. Und schiebt nach einem Moment hinterher: „Doch sie sind auch die Einzigen, die uns helfen.“ Zustimmendes Nicken. „Ich will ein Syrien, in dem alle gemeinsam friedlich leben, Sunniten, Schiiten, Alawiten, Kurden, Drusen, Christen. Und wir wollen Assad nicht gegen eine andere Diktatur eintauschen. Dafür haben wir nicht die Revolution begonnen“, sagt Amir. „Allahu Akbar!“, murmeln Muhammad eins, zwei und drei.

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