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Komiker Marek Fis Der Ostblock-Latino

Kampf an der Schmerzgrenze: Der Komiker Marek Fis spielt nicht nur mit Klischees, er spreizt sie - und bringt Polen und Deutsche so einander näher.

08.06.2012 10:12
Marek Fis wurde als Wojciech Oleszczak 1984 in Polen geboren und kam mit fünf Jahren nach Deutschland. Seit 2007 bespielt der Comedian die Bühnen als Marek Fis. In seiner Rolle als polnischer Holzfällersohn konfrontiert er die deutschen Zuschauer – mal lustig, mal böse – mit ihren Vorurteilen gegenüber den Nachbarn. Foto: Goenz.com

Dem ersten Deutschen, der dem Hören nach seinen Namen korrekt aufschreiben kann, will er 500 Euro schenken. Aber wahrscheinlich wird Wojciech Oleszczak sein Geld so nie an den Mann bringen. Deutlich einfacher schreibt sich hingegen sein Künstlername, mit dem er als Komiker bekannt geworden ist: Marek Fis. „Fis wie fies“, sagt er, „ich bin derb, meine Rolle ist es auch.“

Bevor der gebürtige Pole auf einer Bühne im brandenburgischen Eberswalde den Fiesling geben wird, stärkt er sich noch zwischen Zimmerpalmen in einem Grillhaus – und wirkt keineswegs derb. Wojciech Oleszczak ist ein großer, kräftiger Typ mit Drei-Tage-Bart, weicher Stimme und nachdenklichem Blick. Man braucht Fantasie, um sich vorzustellen, dass dieser freundliche Mann gleich als Ostblock-Latino mit einer falschen Dauererektion die Bühne besteigen wird.
In seiner Rolle, einer tumben Lachfigur im roten Polska-Shirt und grauer Jogginghose, versammelt der 28-Jährige alle Klischees und Vorurteile, die je über seine polnischen Landsmänner existierten. Mal spielt er den Einbrecher, mal den Hooligan, aber auch den inzestuösen Familienmenschen, den Autodieb und den Schwarzarbeiter. Immer wieder zieht er sich die Hose bis zu den Brustwarzen, eine Art Markenzeichen, das man im Comedy-Geschäft braucht.

Als Wojciech Oleszczak fünf Jahre alt war, ist seine Familie aus dem polnischen Leba nach Kleve gezogen, einer Kleinstadt am Niederrhein. „Mein Deutsch habe ich von Dagobert Duck und Käpt’n Blaubär im Fernsehen gelernt“, sagt er und man hört in seiner Satzmelodie immer noch das Rheinland nachhallen. Den weichen polnischen Akzent benutzt er nur auf der Bühne, wenn er als listiger Holzfällersohn Deutsche mit ihren Vorurteilen gegenüber dem Nachbarland konfrontiert.
Marek Fis spielt nicht nur mit Klischees, er spreizt sie, bis sie wehtun. Auch an diesem Abend unterläuft er die Schmerzgrenze des politisch Unkorrekten, macht Scherze über Schäuble, Heidi Klum oder Mario Barth, die sich nicht selten unterhalb der Gürtellinie bewegen. Offenbar hat er das Ziel, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. „Ich will keine Wellness-Comedy machen“, sagt Wojciech Oleszczak. „Nur Klischees abarbeiten reicht nicht. Aber wenn man sie ins Absurde dreht, entwaffnet man sie.“

Versteht kein Spaß beim Fußball

Es gibt im Grunde nur eine Sache, bei der Wojciech Oleszczak keinen Spaß versteht: Fußball. Zwar grätscht er in seinem Programm „Ein Pole legal in Deutschland“ auch Matthäus, Poldi oder Schweinsteiger in den Lauf, doch achtet er mehr auf sportliches Fair Play, wenn er etwa vom Deutschen Meister „Polonia“ Dortmund schwärmt oder sich um die Aufstellung der polnischen Nationalmannschaft sorgt. Zwar habe man das BVB-Trio Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski und Lukasz Piszczek in der Mannschaft, sagt er. „Aber wir brauchen noch acht weitere Spieler.“
Für den Schalke-Fan ist die EM in seinem Heimatland ein Volltreffer. „Es war längst an der Zeit, dass ein Land aus dieser Region ein solches Turnier ausrichten kann und die Chance hat, sich zu zeigen“, sagt er. „Wir sind bereit für die EM, haben tolle Stadien gebaut, haben wunderschöne Städte. Ich hoffe, dass unsere Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit das Eis brechen wird.“ Vor allem sieht Oleszczak darin die Chance, Ressentiments abzubauen, gerade in Deutschland. „Das deutsch-polnische Verhältnis erlebt die beste Zeit, die es je gegeben hat.“

Bis auf die Folgen des Zweiten Weltkriegs habe man in Polen ein gutes Bild von den Deutschen: tüchtig, pünktlich, sauber. „Naja, etwas steif sind sie auch“, sagt Oleszczak. Etwas mehr Familiensinn, Optimismus und Gastfreundschaft könnten sie von den Polen aber noch lernen. Am besten lässt sich der Unterschied anhand einer Hochzeit erklären: In Deutschland gehe es mehr darum, dass alles gut organisiert ist, als dass man Spaß hat. „Bei uns ist das umgekehrt.“ Die Polen hingegen könnten von der deutschen Nationalmannschaft lernen.

"Deutschland ist mein Zuhause"

Dreißig Mal im Jahr reist Wojciech Oleszczak in seine Heimat, um Familie und Freunde zu besuchen. Nachdem sein Vater, ein Tierarzt, 1988 bei einem Autounfall ums Leben kam, zog die Familie nach Deutschland. Seine Mutter, eine Agraringenieurin, brachte die beiden Söhne als Altenpflegerin durch. Ihr Abschluss wurde nicht anerkannt. Seit 1995 leben sie in Berlin, hier machte Oleszczak sein Abitur und wurde 2007 von Klaus-Jürgen „Knacki“ Deuser als Komiker unter Vertrag genommen.

„Deutschland“, sagt er, „ist mein Zuhause.“ Aber das Land, für das er fiebert, ist Polen. „Das Einzige, was polnische Fans stört, ist, dass Podolski und Klose nicht für uns spielen“, sagt er. Poldolski hat seine Wurzeln nie verleugnet, Klose hingegen war eher zurückhaltend. „Die Multikulturalität in sich zu tragen, ist doch ein Geschenk und keine Strafe“, sagt Oleszczak und es klingt, als würde er noch auf die Anerkennung des Bruderlandes warten.
Seine Karte für das Eröffnungsspiel hat er verschenkt – an wen, will er nicht sagen. Heute Abend wird er dennoch vor dem Warschauer Nationalstadion stehen. „Wenn man genug zahlt, kommt man auch rein“, sagt Wojciech Oleszczak, „das war 2006 in Deutschland nicht anders.“

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