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Katz und Goldt „Lachen fehlt ja nicht in der Welt“

Seit 22 Jahren bilden der Autor Max Goldt und der Zeichner Stephan Katz das Comic-Duo „Katz & Gold“. Ein Gespräch über Komik ohne Pointe und warum Merkel sich besser für Comics eignet als Nahles.

Katz & Goldt
Foto: Katz & Goldt

Am Kopfende des Tisches wartet ein Stuhl auf den Fragesteller, während sich die beiden Freunde Max Goldt und Stephan Katz gegenübersitzen, jeder ein großes Hefeweizen vor sich, das sie im Lauf des Interviews sehr langsam leeren. Seit nun schon 22 Jahren sind der Zeichner und der Autor als inzwischen kultisch verehrtes Comic-Duo „Katz & Goldt“ aktiv – bekannt aus Stadtmagazinen, der „Zeit“ und vor allem der „Titanic“, sind sie zigfach preisgekrönt und haben gerade ihr 14. Comic-Album veröffentlicht. Typisch eingängiger Titel: „Das vierzehnte Buch dieser beiden Herren“. Um darüber zu sprechen, haben sie die Kantine des Berliner Ensembles vorgeschlagen. Hier treffen sie einander auch zum Arbeiten und Plaudern, weil es auf halbem Weg zwischen ihren beiden Wohnungen liegt. Es sei schön hell, Musik laufe fast nie, und im Winter sei es selten überfüllt – beste Voraussetzungen, hin und wieder Zeichnungen zu entwerfen und zu zweit an den überraschenden Wendungen ihrer Strichmännchengeschichten zu feilen. Dass die beiden Herren dabei bisweilen mit Tabus, Schimpfwörtern und bitterböser Häme spielen, traut man ihnen gar nicht zu, so kultiviert und ausnehmend höflich sprechen sie an diesem Abend. Kein Wunder, gilt doch vor allem Max Goldt in Stilfragen der Gegenwart als unfehlbar. Was er selbst wohl bestreiten würde, schon aus Höflichkeit.

Entschuldigen Sie, ich bin etwas overdressed, ich komme gerade von einer Pressekonferenz mit Horst Seehofer.
Max Goldt: Ach, Hemd und Jackett passt doch zu jedem Anlass. Wobei: Ich bin neulich ICE gefahren und hatte ein blaues Jackett an, da kam eine Frau zu mir ins Abteil und sagte, dass in ihrem Abteil die Heizung nicht funktioniert. Ich sagte: „Das ist ja sehr interessant, aber warum erzählen Sie mir das?“ Und Sie: „Wem soll ich es denn sonst erzählen?“ So ging das eine Weile hin und her, bis ich begriff, dass sie mich wegen meines Anzugs für den Schaffner hielt.

Klingt ja schon fast wie eins Ihrer Comics.
Stephan Katz: Nee. Das wäre etwas zu wenig, es wäre höchstens ein Ansatzpunkt. Was aber stimmt: Es gibt Szenen, die beobachtet man und sagt sich: Ja, so könnte man einen Comic anfangen. Aber das ist meistens was anderes.

Was denn?
Goldt: So allgemein kann man das gar nicht sagen, meistens sind die Geschichten ja doch Resultate von Fantasieleistungen.

Nichts Erlebtes? Dabei werden Sie doch seit Jahren als genialer Beobachter des Alltags gerühmt. 
Goldt: Dagegen habe ich mich immer gewehrt. Ein Beobachter, ist jemand, der auf der Lauer liegt. Wie ein Ornithologe: Der liegt stundenlang im Schilf und wartet, bis die Vogelmutter kommt. In der Literatur muss eine Beobachtung ja in etwas übersetzt werden. Nur aufzuschreiben, was man beobachtet, wäre sehr uninteressant. Dem Schriftsteller geht es um Wahrnehmung – das ist fast das Gegenteil. Und noch wichtiger ist eben ein reger Gedankengang. Ein Blinder könnte wohl kein guter Beobachter, aber doch ein guter Schriftsteller sein. 

Aber es gibt doch literarische Beobachter, die sich ins Café setzen, um dort Gespräche zu belauschen. Zur Inspiration. Solche Erfahrungen scheinen auch in Ihren Comics durchzuschimmern.
Goldt: Nein! Sowas habe ich nie gemacht. Gespräche, die Menschen in der Öffentlichkeit führen, sind fürchterlich und gar nicht anregend. Besonders arg ist es, seit es die Ruhebereiche im Zug gibt. Da könnten die Störenfriede mir jetzt sagen: Gehen Sie doch in den Ruhebereich. Aber die sind oft sehr klein – und dort ärgert man sich noch mehr, wenn jemand telefoniert! 

Und doch werden Ihre Comics dafür gerühmt, die Absurdität des Alltags zu illustrieren …
Goldt: Schrecklich! Noch mehr Phrasen! Ich weiß ja nicht mal, was Alltag sein soll. Es ist seit den 60er Jahren eine essayistische Kategorie, aber die ist doch inzwischen recht ausgelutscht. Wer den Alltag ernsthaft betrachtet, stellt geordnete Routine fest, keine Anhäufung von Absurditäten. 
Katz: Komischerweise hören wir genau so oft, wir zeigten die „Banalität des Alltags“.
Goldt: Auch da wüsste ich nicht, was das sein soll. Banalität bedeutet, etwas zu sagen, was nicht gesagt werden muss, weil es sowieso jeder weiß. Im Januar ist es kälter als im Juli. Das ist eine Banalität.

Können wir uns darauf einigen, dass Sie alltägliche Absurditäten durch Überspitzungen herausarbeiten? Wer zum Beispiel die berühmten urbanen schwarzgrünen Bionade-Bezirke kennt, für die stellvertretend Berlins Prenzlauer Berg steht, entdeckt da doch Absurdes wie den SUV-fahrenden Klimaschutz-Prediger.
Goldt: Aber das ist nicht absurd, das ist inkonsequent. Absurd heißt sinnwidrig. Wenn der Klimaschützer SUV fährt, ist das nicht sinnwidrig, sondern einfach inkonsequent. Er wird seinen eigenen Maßstäben nicht gerecht. Das kann man präziser formulieren, als alles, was einem nicht passt, als „absurd“ zu bezeichnen.

Trotzdem liefert Ihnen die Politik Vorlagen – jedenfalls tauchen immer mal wieder Politiker und andere Prominente in Ihren Comics auf.
Goldt: Wir hatten ein paar Grüne und zweimal Angela Merkel in einem Comic. Aber einmal ist sie nur im Fernsehen und sagt irgendwas. Und dieses Mal gibt es zum Beispiel Morrissey.
Katz: Mir wurde auch schon unterstellt, eine unserer Figuren sei Alexander Gauland nachempfunden. Aber die habe ich schon gezeichnet, bevor der berühmt wurde. Scheint also eher ein Prototyp für eine gewisse Art Mann zu sein. Es geht mir recht oft so, dass ich irgendwas zeichne und dann sehe ich diese Leute plötzlich auf der Straße.
Goldt: Ja, ich sehe immer wieder zwölfjährige Jungs mit Frisuren wie von dir gezeichnet.

Bergen reale Vorlagen nicht die Gefahr, dass die Leser die Anspielungen recht schnell nicht mehr verstehen?
Goldt: Morrissey und Merkel wird man auch in zehn Jahren noch kennen, da mache ich mir keine Sorgen. Bei Gauland wäre ich mir da nicht ganz so sicher.

Was muss denn eine echte Person der Zeitgeschichte mitbringen, um bei Ihnen aufzutauchen? Ist Merkel nur prominent genug oder hat sie auch etwas, das zu Ihren Comics passt? Und warum kann man sich Andrea Nahles in einer Ihrer Geschichten schlecht vorstellen, aber Kevin Kühnert gut?
Goldt: Merkel hat durchaus etwas Spezielles. Erst einmal ist sie sympathisch, als Person. Und sie lässt sich gut zeichnen. Sie hat auch einen ganz bestimmten Sprachstil, den man gut wiedergeben kann. Andrea Nahles kann ich mir dagegen nur als ziemlich derbe Karikatur vorstellen. Das würde dann zu unsympathisch sein. Ich habe ja keine Lust, Andrea Nahles fertigzumachen.
Katz: Um Politik geht es bei uns nie, wir machen ja weder Satire, noch Karikaturen. Als Claudia Roth und Cem Özdemir bei uns vorkamen, ging es um ihre langen Schals und seine Koteletten. Und als Hofreiter vorkam, ging es um Haarshampoo, dünnes Haar und solche Sachen. Ein Pärchen redet darüber, was für ein Miesepeter Hofreiter sei und über ein Shampoo „für eigenwilliges, widerspenstiges und rebellisches Haar“. Die beiden sagen: „Für Hofreiter wäre das nichts.“

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