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Käthe Reichel Mit ihr zog die neue Zeit

Brechts letzte Liebe: Zum Tod der Schauspielerin und Friedensaktivistin Käthe Reichel.

19.10.2012 17:05
Irene Bazinger
Käthe Reichel 1990 bei einer Rede im Lustgarten. Foto: imago

Wenn man nach dem Fall der Berliner Mauer die Brecht-Weigel-Gedenkstätte in Buckow in der Märkischen Schweiz besuchte, das Sommerhaus des berühmten Theaterpaares nach dem Zweiten Weltkrieg, konnte es passieren, dass die Zeiten plötzlich wie aufgehoben schienen: Dann nämlich, wenn draußen die Schauspielerin Käthe Reichel mit nachbarschaftlicher Selbstverständlichkeit und freundlichem Lächeln vorüberging. Obwohl sie natürlich längst das Denkmal einer verschwundenen Epoche war, in der sich mit dem Wort Sozialismus die Hoffnung auf eine bessere Welt verband und die Globalisierung noch gar nicht erfunden war, kümmerte sie sich nie um diese ihre Fama: keine Legende, sondern eine bis ins hohe Alter unruhige, mutige, streitbare Frau, die sich laut und listig mit „denen da oben“ anlegte – was die „Berufsquerulantin“ (O-Ton) nach 1989 oft als dringend nötig erachtete.

Seine letzte Liebe

Über fünfzig Jahre wohnte sie in einem Häuschen im Grünen, in dem sie Bertolt Brecht, nur einen Steinwurf von seinem Domizil entfernt, untergebracht hatte. Sie war wohl seine letzte Liebe, er ihre erste – und ab 1950 der wichtigste Mensch ihres Lebens, was ihre künstlerische wie ihre politische Orientierung betraf. Er erkannte ihr Talent sofort und nannte sie, die nie eine Schauspielschule besucht hatte, „eine der begabtesten Schauspielerinnen des Berliner Ensembles“. Hier blieb sie bis 1961 und wechselte dann ans Deutsche Theater. Was sie Brecht gelehrt hatte, beherzigte sie stets konsequent: Kein Gewese auf der Bühne machen und nie vergessen, wie viel Kunst und Politik, Theater und Gesellschaft miteinander zu tun haben. „Die Bücher des Dichters Bertolt Brecht sind meine Bank, von der ich mir jeden Morgen meine Zinsen hole, wie andere Leute ihre Brötchen vom Bäcker“, schrieb sie in ihren bewegenden Kindheitserinnerungen „Dämmerstunde“.

Geboren als Waltraut Reichelt am 3. März 1926 in Berlin, wuchs sie in bitterer Armut auf, ohne dass sich ihre alleinerziehende Mutter davon hatte unterkriegen lassen. Die Kunst und natürlich die sozial durchlässige Situation in der Nachkriegszeit erlaubten es ihr allerdings, dem Milieu der Hinterhofküche zu entkommen. Doch sie hatte bloß sieben Schulklassen hinter sich und musste „das Lernen erst lernen“, was sie mit unbedingter Energie auch tat. Brecht sah in Käthe Reichel eine ideale Schülerin zur Umsetzung seiner Spielweise. Und so zeigte sie klar und knapp, mit be-dachter Widerständigkeit und trockenem Humor, ganz verfremdet und dabei ganz bei sich, etwa das Gustchen in Lenz“ „Hofmeister“ (Regie: Brecht / Caspar Neher) und die Margarete in Goethes „Urfaust“ (Regie: Erwin Monk, 1952), die Grusche in Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ in Frankfurt am Main (1955, Regie: Harry Buckwitz) und, beide Rollen bei Benno Besson, die Johanna Dark in „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in Stuttgart (1961) sowie, besonders gefeiert, die Doppelrolle der Shen Te / Shui Ta in „Der gute Mensch von Sezuan“ (BE, 1957). Am Deutschen Theater erstreckte sich ihr Repertoire von Lessings Minna (Regie: Wolfgang Langhoff, 1960) bis zur Nachbarin in Sean O’Caseys „Juno und der Pfau“ (Regie: Adolf Dresen, 1972). Zu ihren bekanntesten Filmen zählen „Muhme Mehle“ (Regie: Thomas Langhoff, 1980), „Levins Mühle“ (Horst Seemann, 1980) und „Die Verlobte“ (Günter Reisch, Günther Rücker, 1980).

Aufrecht und freundlich

„Glück ist Hilfe“, schrieb Käthe Reichel, die es sich nie abgewöhnen wollte, fremde Not als eigenes Leid zu begreifen. Sie protestierte gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und hielt am 4. November 1989 eine flammende Rede für Freiheit und Demokratie auf dem Alexanderplatz – wo sie sich später an den Hartz-IV-Protesten beteiligte. Für hundert neue Häuser im zerstörten Vietnam sammelte sie Geld und rief als Friedensaktivistin 1995 während des Tschetschenien-Krieges mit Heiner Müller zur Aktion „Mütter, versteckt eure Söhne“ auf. So war und blieb sie eine aufrechte Kommunistin und Menschenfreundin, die sich gegen Ausbeutung, Imperialismus und Gewalt wehrte. Mögen ihre politischen Ansichten mitunter auch gar zu naiv angemutet haben, falsch waren sie nicht. Als sie an einem sonnigen Septembersonntag 2011 im Buckower Brecht-Weigel-Haus „Dämmerstunde“ präsentiert hatte, saß sie anschließend glücklich im Garten, trank Tee, schien mit dem Rauch ihrer Zigarette das Damals und das Jetzt federleicht und frohgemut zu vereinen und in die Luft zu blasen. In der Nacht zum Freitag ist das letzte Brecht-Mädchen mit 86 Jahren in Buckow gestorben.

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