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Juli Zeh „Wir erleben eine tiefere Identitätskrise“

Für ihren Einsatz für die Demokratie bekommt Juli Zeh das Bundesverdienstkreuz. Ehre oder Last? Eine Freude, sagt die Schriftstellerin. Und sucht während einer Zugfahrt, nach Erklärungen, woher die Politik-Verachtung in Deutschland kommt.

Bundespräsident verleiht Verdienstorden
Im Schloss Bellevue: Juli Zeh erhält das Bundesverdienstkreuz von Frank-Walter Steinmeier. Foto: dpa

Juli Zeh hat vorgeschlagen, dass das Interview im Zug stattfindet. Sie muss nach Frankfurt am Main, da kann man die Fahrzeit gut nutzen. Zeh ist gut organisiert. Jedes Jahr bringt sie ein neues Buch auf den Markt, 2016 erschien ihr Provinz-Roman „Unterleuten“, im vergangenen Jahr kam der Polit-Thriller „Leere Herzen“ heraus, im kommenden Herbst erscheint schon wieder ein neues Werk. Dazu kommen Talkshow-Auftritte, Interviews, Lesungen. Außerdem hat Juli Zeh zwei kleine Kinder, drei und sechs Jahre alt. 

Kurz bevor sich die Türen des ICE 548 schließen und der Zug aus dem Bahnhof Spandau rollt, springt die Schriftstellerin hinein, einen Rollkoffer hinter sich herziehend. Sie kommt aus dem Havelland, dort wohnt sie mit Mann und Kindern auf dem Dorf. Sie trägt Jeansrock, Stiefel, Lederjacke, hat ein braun gebranntes Gesicht und einen festen Händedruck. Der Zug ist voll, auch die Erste Klasse. Zeh schaut sich um. Es gibt noch zwei freie Plätze, gegenüberliegend an einem Tisch. Sie setzt sich hin und schaut die Reporterin neugierig an.

Politisches Engagement

Es wird oft darüber gestritten, ob man ein guter Schriftsteller sein kann, wenn man sich auch politisch engagiert. Juli Zeh, 43 Jahre alt, hat sich entschieden. Sie legte 2008 Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen den biometrischen Reisepass ein, nach der NSA-Affäre schrieb sie einen offenen Brief an die Kanzlerin, sie gehörte zu den Initiatoren der Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union. Nur zum Rechtsruck hat sie bisher kaum etwas gesagt. Das heißt nicht, dass sie keine Meinung hat. Aber dazu später.

Wie kaum jemand anderes trifft Juli Zeh den Nerv der Zeit. „Unterleuten“ verkaufte sich bisher über 150 000 Mal, ein Riesenerfolg. Sie erhält einen Literaturpreis nach dem anderen, am Dienstag kommt noch das Bundesverdienstkreuz hinzu, die höchste Auszeichnung Deutschlands. Juli Zeh ist ein Star, aber hier im Zug scheint sie niemand zu erkennen.

Frau Zeh, für Ihr demokratisches Engagement wird Ihnen das Bundesverdienstkreuz verliehen. Ist das eine Freude oder eine Last?
Ich habe mich tierisch darüber gefreut, als ich davon erfahren habe. Es gibt sicher Leute, die etwas auszusetzen haben, die sagen, dass man sich vereinnahmen lässt von den staatlichen Institutionen, wenn man es annimmt. Aber ich bin großer Fan dieses Landes und sehe das als Ermutigung.
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Vor einem halben Jahr, nach der Bundestagswahl, wurden verschiedene Intellektuelle vom „Spiegel“ gefragt, was sie zum Erfolg der AfD sagen. Juli Zeh war auch darunter. „An einem Tag wie heute will man nur noch mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Das Gefühl der Vergeblichkeit aller redlichen Bemühungen erreicht niederschmetternde Kraft“, sagte sie damals. Jetzt ist die AfD ein halbes Jahr drin. Wie ist jetzt ihre Stimmung? Es sei nicht besser geworden, sagt sie. Und das liege nicht nur an der AfD. Es frustriere sie, dass der Rechtspopulismus in einer Zeit Aufwind hat, in der eigentlich alles gut laufe. Sie zählt auf: weniger Armut als vor Jahrzehnten, hohe Lebenszufriedenheit. Die meisten AfD-Wähler bezeichnen sich nicht als abgehängt. „Wir dachten, wenn wir für Wohlstand und Demokratie arbeiten, dann sind alle happy. Aber so einfach ist es offenbar nicht“, sagt Juli Zeh.

Es gibt keinen Small Talk, kein Drumherumreden. Man ist sofort mittendrin. Sie spricht leise wegen der Mitreisenden im Ruhebereich, aber hochkonzentriert, auf den Punkt, fast druckreif. Man merkt sofort, dass sie Juristin ist.
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Wenn die soziale Gerechtigkeit nicht das Problem ist, was ist dann los?
Fremdenfeindlichkeit ist nur ein Teil des Problems. Wir haben es eher mit einer Politik-Verachtung, Establishment-Verdrossenheit zu tun. Es hat schon vor langem angefangen, dass die Menschen sich distanzierten von den Institutionen, dem System. Das wurde damals nur noch nicht mit der Flüchtlingskrise verknüpft.

System ist ein Schimpfwort geworden. Das kannte man vorher nur aus der DDR.
Oder aus dem Punk in den Achtzigerjahren. Da war es das Schweinesystem. Heute hat der Vorwurf aber eine andere Richtung. System steht heute für eine vermeintlich abgehobene Administration in Brüssel oder Berlin, die nichts tut, um den aktuellen Herausforderungen zu begegnen.

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