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John F. Kennedy Wie Jackie den Mythos Kennedy pflegte

Vor 100 Jahren wurde John F. Kennedy geboren. An dem Aufstieg zur Ikone hatte seine Witwe großen Anteil.

John F. Kennedy
John F. Kennedy im Oval Office in Washington DC im August 1962. Foto: EPA

Als Melania Trump am 20. Januar neben ihrem Mann auf die Bühne vor dem Kapitol tritt, erkennen kundige Beobachter des amerikanischen Präsidentenwesens ihre Botschaft sofort: Sie hat sich zur Amtseinführung ihres Mannes gekleidet wie einst Jackie Kennedy, als die 1961 ihren Gatten am gleichen Ort, aus gleichem Anlass begleitete. Die modischen Anleihen bei ihrer legendären Vorgängerin fallen seither immer wieder auf, zuletzt bei Melanias Auftritten während der ersten Auslandsreise des Präsidentenpaars.

Jackie Kennedy ist eine Ikone der amerikanischen Zeitgeschichte, wie ihr Mann ein Symbol des Aufbruchs der USA in eine neue, weltoffene, liberale, moderne Epoche. Und ausgerechnet sie hat sich nun Melania Trump zum Vorbild ihrer Rolle als First Lady genommen? Was genau bedeutet diese Botschaft? Dass sie an eine in der Erinnerung der Amerikaner verklärte, glückliche Zeit erinnern, daran anknüpfen will? Oder ist es ein bewusster Kontrapunkt zur Haltung ihres Mannes, dessen politische Agenda, dessen Auftreten im Vergleich zu John F. Kennedy unterschiedlicher nicht sein könnte?

Wenn an diesem Montag der 100. Geburtstag des legendären JFK begangen wird, werden viele Amerikaner solche Vergleiche ziehen. Wie armselig steht er da, dieser unbeliebteste aller modernen Präsidenten neben jenem, dem am meisten verklärten Oberhaupt der Vereinigten Staaten. Und wie blicken wir heute auf die tausend Tage, die dieser Mann nur regieren konnte, bis er am 22. November 1963 auf offener Straße in Dallas ermordet wurde, unter bis heute nicht restlos aufgeklärten Umständen?

Tausend Tage, das ist wenig Zeit, um greifbare Ergebnisse erzielen zu können. Davon hat Kennedy tatsächlich nicht viel vorzuweisen. Immerhin hat er gemeinsam mit dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow den Kalten Krieg auf die Spitze getrieben, um dann erste Schritte der Entspannungspolitik einzuleiten. Er hat mit dem „Peace Corps“ das friedliche internationale Engagement der USA begründet – neben der militärischen Interventionspolitik, die er gleichfalls verfolgte. Mit seinem Namen verbunden sind aber auch so negative Ereignisse wie das Fiasko der gescheiterten Invasion auf Kuba und der Vietnamkrieg.

Und doch zählt er heute zu den drei, vier großen Präsidenten in der über 230-jährigen Geschichte des Landes. So zynisch es klingen mag, die Größe des Mythos ist ohne Kennedys Ermordung nicht zu erklären. Hätte es diesen in aller Öffentlichkeit, vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern verübten Mord nicht gegeben, hätte auch ein John F. Kennedy von den Mühen des politischen Alltags zermürbt werden können, so, wie es Barack Obama ergangen ist. Die Begeisterung, die Hoffnungen, die dessen Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten der USA begleiteten, sind durchaus vergleichbar mit jenen um Kennedy 50 Jahre zuvor. Beide Männer verkörperten eine sehr amerikanische Aufbruchsstimmung, Optimismus, frische Ideen und die Hoffnung auf bessere Zeiten.

So erschütterte der plötzliche Tod Kennedys das Selbstverständnis vieler Amerikaner, wie es Paul Auster in seinem in den USA gefeierten Epochenroman 4321 gerade noch einmal eindringlich geschildert hat. Die Tat eröffnete eine finstere Dekade mit den Morden an seinem Bruder Robert, dem Bürgerrechtler Martin Luther King und der Eskalation des Vietnamkrieges bis zu dessen für das nationale Selbstbewusstsein der USA katastrophalem Ende. Umso strahlender leuchtete in der Rückschau das Bild John F. Kennedys, sorgfältig gepflegt von seiner Familie und vor allem von seiner Frau Jackie, die ihn zu dem ersten wie einen Popstar an der Spitze eines großen Landes gefeierten Mann gemacht hatte.

So sehr er sie auch durch Beziehungen zu anderen Frauen gedemütigt hatte, sie war es, die schon kurz nach seinem Tod alles tat, um ihren ermordeten Mann als eine Ikone der amerikanischen Geschichte zu erhalten. Das begann schon mit der so sorgfältig inszenierten Beisetzung in Washington. Angelehnt an die Beerdigungszeremonie Abraham Lincolns, der erste Präsident, der einem Attentat zum Opfer gefallen war, wurde Kennedy auf demselben Katafalk aufgebahrt. Ein gesatteltes, reiterloses Pferd folgte, wie schon zuvor bei Lincoln, dem Sarg im Trommelgeleit. Die Reiterstiefel, die verkehrt herum in den Steigbügeln steckten, symbolisierten den gefallenen und verlorenen Reiter, der nicht mehr zurückkehren würde.

Die gesamte Inszenierung sollte darauf hinweisen, dass es sich auch bei Kennedy um die Beerdigung eines Helden und Märtyrers handeln musste, wie es in einer Analyse des Berliner Kennedy-Museums heißt. Diesem Helden erwies auch sein liebevoll John-John genannter Sohn, der an diesem Tag seinen dritten Geburtstag hatte, mit militärischem Gruß seine Reverenz; ein Foto, das sich selber tief in das kollektive amerikanische Symbolgedächtnis eingegraben hat.

Dass John jr. ebenso wie seine Schwester Caroline schwer unter der Last dieses auf sie übertragenen Anspruchs gelitten haben, gehört wie sein Tod bei einem Flugzeugabsturz 1999 zur Tragödie der Familie Kennedy, die wiederum Teil des bis heute wirkenden Mythos ist. Noch immer erregt es besondere Aufmerksamkeit, wenn ein Mitglied der großen Familie sich entscheidet, in die Politik zu gehen. Doch sind dies zuletzt immer Geschichten des Scheiterns gewesen, womöglich auch dies eine Folge des kollektiven Drucks, welcher der Heldenmythos um John und Robert auf die Kennedys ausübt.

John (oder Jack, wie ihn seine Freunde nannten) und Jackie Kennedy waren das erste Politikerpaar, das die Medien und vor allem das Fernsehen systematisch zur Pflege der eigenen Popularität eingesetzt hat. Sie schufen und bedienten ein Interesse auch an ihrem Privatleben, das oft mit einer heimlichen Sehnsucht der Amerikaner nach einem Königshaus begründet wurde. Ihre Privatangelegenheiten, ihre Urlaube auf dem mondänen Familiensitz Hyannis Port am Atlantik, Fehlgeburten Jackies, die Affären Johns, die kaum verheimlichte Beziehung zu Marilyn Monroe, alles wurde in den Medien diskutiert, damals eine noch ungewohnte, aber sehr populäre Art des Regenbogenjournalismus. Und irgendwie gelang es dem Clan, trotz aller auch düsteren Seiten dieses Lebens, zu denen mysteriöse, frühe Kontakte zur Mafia zählten, stets als strahlende Vorbildfamilie zu erscheinen.

Das Meisterwerk an medialer Inszenierung aber gelang Jackie Kennedy mit einem Interview des damals einflussreichen Magazins „Life“. Ihr Anliegen war es, wie sie offen zugab, die Geschichtsschreibung über ihren Mann zu kontrollieren. Deshalb bestand sie darauf, dass der Journalist und alte Freund der Familie Theodor H. White das Interview mit ihr führte; einer, von dem sie sicher sein konnte, dass er ihr Anliegen unterstützte.

Nur eine Woche nach dem Attentat empfing sie ihn in Hyannis Port zu einem Gespräch, das wie kein anderes den Blick auf John F. Kennedy für die Nachwelt prägen sollte. Von daher rührt die bis heute wirkende Assoziation der Kennedys mit Camelot, dem sagenhaften Königreich. Jackie erzählte ihm, wie sie und Jack manchmal abends die Schallplatte mit dem Broadway-Musical „Camelot“ aufgelegt hatten, und wie vor allem die letzten Zeilen des letzten Liedes einen besonderen Zauber auf den Präsidenten ausübten: „Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot – Lasst uns nicht vergessen, dass es einmal, für einen kurzen strahlenden Moment, einen Ort gegeben hat, der Camelot hieß.“ In der Sage war Camelot das Königreich der Guten und sein Herrscher, König Artus, aufgrund seines Edelmuts beim Volk sehr beliebt. Wie er verzauberte auch das Präsidentenpaar die Menschen auf der ganzen Welt mit seinem Charme und mit seiner Ausstrahlung.

Am Ende des Interviews stellte Jackie Kennedy fest, dass die USA in Zukunft bestimmt wieder großartige Präsidenten haben würden, aber nie wieder ein „Camelot“. Damit stilisierte sie die Regierungszeit ihres Mannes zum strahlenden Moment Amerikas. Ihm war nur eine kurze Regierungszeit vergönnt, aber dennoch hatte sie etwas Magisches und war schon deswegen nicht weniger maßgebend als die anderer Präsidenten – das ist die bis heute wirksame Botschaft.

Donald Trump ist wahrscheinlich davon überzeugt, auch er werde als einer der bedeutendsten Präsidenten der USA in die Geschichte eingehen. Es wird ihn womöglich beruhigen, dass dies auch ohne eine volle Amtszeit möglich ist. Denn bei allen gravierenden Unterschieden zwischen ihm und Kennedy fällt doch eine Gemeinsamkeit auf. Es ist das tiefe Misstrauen, dass zwischen ihnen und den Geheimdiensten herrscht.

Kennedy fühlte sich von der CIA durch die bewusst falsche Darstellung der Stimmung auf Kuba hintergangen, was in das Desaster der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht führte. Der Präsident hatte die Pläne für den Sturz Fidel Castros von der Regierung seines Vorgängers Dwight D. Eisenhower übernommen und auf die Expertise der CIA vertraut. Die Führung des Geheimdienstes nahm ihm dann übel, dass er sich entgegen ihrem Rat weigerte, dieses Ziel nun mit Hilfe einer offenen Militärintervention umzusetzen. Bis heute halten sich Spekulationen, die CIA habe ihre Finger bei dem Anschlag auf Kennedy im Spiel gehabt, um den als gefährlich für die Interessen der USA eingeschätzten Präsidenten aus dem Weg zu räumen.

Donald Trump wird bald darüber entscheiden, ob die Geheimakten zum Mord an Kennedy der Öffentlichkeit übergeben werden

Gibt es Parallelen zur heutigen Rolle der Geheimdienste? Wie eng sie noch immer mit der US-Politik verflochten sind, zeigen die Verwicklungen um die Russland-Kontakte von Trump und seinen Beratern. Es ist offensichtlich, dass aus der CIA und ähnlichen Quellen immer wieder Interna an die Öffentlichkeit gebracht werden. Sie stellen die Glaubwürdigkeit des Präsidenten in Frage und könnten letztlich darauf zielen, ihn zu Fall zu bringen – weil er den Interessen des Landes in den Augen der Dienste schadet.

Eine Ironie der Geschichte wiederum ist es, dass ausgerechnet Donald Trump demnächst darüber zu entscheiden hat, ob die letzten noch unter Verschluss liegenden etwa 3500 Geheimakten von CIA und FBI zum Mord an Kennedy wie gesetzlich vorgesehen in diesem Herbst der Öffentlichkeit übergeben werden. Allein Trump könnte das unterbinden, wenn er erklären würde, dass die Veröffentlichung Schaden für die militärische Sicherheit, für Geheimdienstoperationen, die Justiz oder die Auslandsbeziehungen der USA anrichten würde. Um das beurteilen zu können, wird er auf den Rat der Geheimdienste hören müssen. Oder auch gerade nicht. Eines ist jedenfalls klar: Auch in seinem hundertsten Geburtsjahr wirkt der faszinierende Mythos um das Leben und Sterben von John F. Kennedy noch immer fort.

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