Lade Inhalte...

Joe Cocker „Die Leute hatten Angst vor mir“

Der Musiker Joe Cocker ärgert sich ein bisschen darüber, dass er nie in die Rock and Roll Hall Of Fame aufgenommen wurde. Im Interview spricht er außerdem über Rauschzustände und Woodstock, sein Leben als Farmer und das Aufhören.

22.11.2012 10:16
Der britische Musiker Joe Cocker hat mit seiner Heimatstadt Sheffield nicht mehr viel am Hut. Foto: ddp

Der Musiker Joe Cocker ärgert sich ein bisschen darüber, dass er nie in die Rock and Roll Hall Of Fame aufgenommen wurde. Im Interview spricht er außerdem über Rauschzustände und Woodstock, sein Leben als Farmer und das Aufhören.

Dem Alkohol hat Joe Cocker, 68, längst abgeschworen. Als wir uns zum Interview in einem Berliner Hotel treffen, bestellt sich der britische Sänger einen Cappuccino. Cocker ist ein bodenständiger Typ, der sich immer noch in Jeans am wohlsten fühlt. Mit seiner Reibeisenstimme erzählt er von seinem Leben in den USA, von seiner Frau und seiner Karriere. Bei seinem auf Hochglanz polierten Album „Fire It Up“, das am 16. November erschien, ist Mainstream-Pop die Hauptzutat, manchmal kommt eine Prise Blues dazu.

Mr. Cocker, einer Ihrer Songs heißt „You Don’t Need A Million Dollars“. Das sagt sich mit einem gut gefüllten Bankkonto natürlich leicht ...

Es stimmt: Aus meinem Mund klingt so ein Satz irgendwie merkwürdig, denn ich bin ja kein armer Mann. Doch ich wollte dieses Lied unbedingt singen, weil ich die Melodie richtig schön fand.

Ehrlich gesagt kann ich gar nicht genug verdienen. Nicht, weil ich im Luxus schwelgen will, sondern, weil meine Frau Pam und ich in Colorado in einem großen Haus auf einer riesigen Farm wohnen. Unser Anwesen verschlingt Unsummen. Ich habe das Gefühl, dass sich die Kosten jedes Jahr verdoppeln. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als regelmäßig neue Alben aufzunehmen und zu touren.

Sie sind jetzt 68. Reizt Sie nicht der Ruhestand?

Während meiner letzten Tour habe ich 61 Shows gespielt – das hat mich körperlich echt geschafft. Darum will ich künftig nicht mehr jeden Tag auf der Bühne stehen, sondern mir zwischendurch mehr Pausen gönnen. Aber ganz aufhören werde ich wohl erst, wenn mich eine Krankheit dazu zwingt.

Warum? Langweilen Sie sich zu Hause?

Überhaupt nicht. Egal, ob es regnet oder schneit, ich gehe morgens mit meinen beiden Hunden spazieren. Später angele ich vielleicht, oder ich arbeite im Garten. Mit einem Gärtner habe ich einige Gewächshäuser angelegt, wo ich mein eigenes Gemüse anbaue. Aus den Tomaten, Möhren und Kartoffeln zaubert Pam dann köstliche Gerichte.
Sie haben Ihre Frau zu einer Zeit kennengelernt, als Sie sehr viel getrunken haben. Hat Sie Ihnen das Leben gerettet?

Ja. Bevor ich Pam traf, war ich total neben der Spur. Nach jeder Show stand ich unter Strom. Ich ging an die Bar und genehmigte mir ein paar Drinks, um runterzukommen. So bin ich immer tiefer in die Sucht reingerutscht.

Leider sind Sie kein Einzelfall. Warum dröhnen sich Musiker oft mit Alkohol und Drogen zu?

Weil sowohl Rückschläge als auch Ruhm einen Künstler leicht aus der Bahn werfen. Als ich plötzlich Erfolg hatte, flüchtete ich mich in Rauschmittel. Heutzutage würde mich wahrscheinlich jemand beiseite nehmen und sagen: ‚Du solltest einen Entzug machen.‘ Aber Ende der 60er Jahre traute sich keiner an mich ran. Die Leute hatten Angst vor mir, denn ich war ein völlig durchgeknallter Typ.

Bereuen Sie Ihre Eskapaden?

Sicherlich habe ich in der Vergangenheit einige Fehler gemacht. Doch ich kann die Uhr nicht mehr zurückdrehen. Deshalb schaue ich jetzt lieber nach vorne.

Gibt es irgendwelche Projekte, die Sie unbedingt noch verwirklichen wollen?

Eigentlich nicht. Privat habe ich gerade das Malen für mich entdeckt. Es macht mir unheimlichen Spaß, mit Farben zu arbeiten, seit ich nach einer Augenoperation wieder richtig gucken kann. Und was meinen Job angeht: Als Musiker bin ich zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Hey, mit meinem letzten Album „Hard Knocks“ habe ich es bis auf Platz eins der deutschen Charts geschafft – ich hoffe, mit der neuen CD „Fire It Up“ wird es ähnlich gutlaufen.

Ärgert es Sie nicht, dass Sie nie in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurden?

Meine Fans nehmen das wesentlich schwerer als ich. Trotzdem frage ich mich: Wieso kam Steve Winwood mit Traffic und auch als Solokünstler gleich zweimal in die Hall of Fame, während ich komplett ignoriert wurde? Wir sind schließlich beide ein Teil der Rockgeschichte. Offenbar erinnert man sich in meinem Falle eher an meine schlechten als an meine guten Zeiten.

Ein Höhepunkt Ihrer Karriere war Ihr Auftritt bei Woodstock. Denken Sie gern daran zurück?

Klar. Als ich mit dem Hubschrauber eingeflogen bin, sah ich Hunderttausende Menschen. Das war für mich der Wahnsinn, weil ich im Jahr zuvor noch in den Bars meiner Heimatstadt Sheffield gesungen hatte.

Fühlen Sie sich ihr bis heute verbunden?

Kaum. Einzig dem Sheffield FC halte ich weiterhin die Treue. Dabei lässt die Leistung meines Lieblingsclubs im Augenblick zu wünschen übrig. Was soll’s? Neben der Musik ist Fußball meine große Leidenschaft. Daran kann selbst die Misere meines Vereins nichts ändern.

Das Interview führte Dagmar Leischow.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen