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Jessica Beinecke Die Slang-Botschafterin

Jessica Beinecke bringt Chinesen bei, wie man sich in den USA zu einem Date verabredet. Wegen ihrer Art hat die 25-Jährige nicht nur im Internet zahlreiche Fans.

28.12.2011 16:41
Sabine Muscat
Nutzt starke Gesten für Ihr Publikum: Jessica Beinecke. Foto: youtube

Die wichtigen Dinge lernt man selten in der Schule. Wie etwa weisen Sie einen amerikanischen Freund darauf hin, dass er einen Popel an der Nase hängen hat? Die chinesischen Zuschauer von Jessica Beineckes Internet-Show wüssten die Antwort: „You’ve got a booger there.“

„OMG!“, mögen Sie jetzt ausrufen, wie etwa „Oh my God! Das ist aber gar nicht vornehm!“ Aber sehr praktisch. Mit ihrer Sendung, „OMG! Meiyu“, in der Jessica Beinecke Chinesen amerikanischen Slang beibringt, ist die Amerikanerin in eine Lücke auf dem Fremdsprachenmarkt vorgestoßen – und in die Herzen einer wachsenden Fangemeinde zwischen Peking und Taipeh.

Lippenstift und Kussmund

Auf dem chinesischen Videoportal Youku ist die 25-Jährige ein Star. Rund eine Million Klicks erzielt ihre Show im Monat. Auf Weibo, der chinesischen Variante von Twitter, hat Bai Jie, so Beineckes chinesischer Name, 170.000 Fans. Es hilft, dass sie so blond und niedlich ist – und dass sie ihre Sprachlektionen in nahezu akzentfreiem Chinesisch erläutern kann.

„Dajia hao!“, heißt es seit Juli fünfmal wöchentlich. „Hallo alle miteinander! Willkommen bei OMG! Meiyu. Zusammen lernen wir das neueste und authentischste Amerikanisch.“ Dazu winkt und kichert Beinecke, im Hintergrund läuft ein fröhlicher Cartoon-Jingle.

Mit dem Format trifft sie den koketten Kleine-Mädchen-Ton chinesischer Fernsehmoderatorinnen – und mischt ihn mit dem sprudelnden Enthusiasmus eines amerikanischen Cheerleader-Girls. Sie legt vor laufender Kamera ihr Make-up auf und erklärt, was „lipstick“ und „eyeliner“ sind. Sie tanzt zu Musik von Lady Gaga oder schwärmt von einem „Date“ mit einem „cute guy“ , einem süßen Typen.

Erst Essen, dann Kino, wobei ein echter Gentleman seinem Mädchen stets die Türen aufhält. Und was passiert nach dem Date? Beinecke macht einen Kussmund und hebt dann einen tadelnden Zeigefinger hoch: „I’m not the one to kiss and tell!“ – Ich werde nichts verraten.

Verliebt in die Sprache

Auch über Cheeseburger, Shopping Malls und den Truthahn zu Thanksgiving kann sie mit Autorität sprechen. Sie ist in einer Kleinstadt in Ohio aufgewachsen, tief im Mittleren Westen der USA. Auf dem College in Columbus belegte sie eher zufällig einen Chinesischkurs und verliebte sich in die Sprache, deren verschiedene Tonhöhen ein musikalisches Gehör erfordern.

Den letzten Schliff bekam sie an der Sprachschule des Middlebury College in Vermont. Dort musste sie geloben, während des Sommerkurses und des anschließenden neunmonatigen Aufenthaltes in Peking und Hangzhou nur Chinesisch zu sprechen.

Das Ergebnis kann sich hören lassen. Die Leichtigkeit, mit der Beinecke zwischen Sprachen und Kulturen navigiert, zeigt, wie nah das einst so ferne China für die Millenniumsgeneration gerückt ist. Noch in den 1990er Jahren wurden ausländische Studenten in China in separaten Wohnheimen untergebracht und quälten sich mit alltagsfernen Texten in kommunistisch inspirierten Lehrbüchern.

Über Popmusik oder Kleidermarken konnten sie mit ihren materiell schlechter ausgestatteten und vom Westen abgeschirmten chinesischen Freunden nicht reden. Heute leben Chinesen und Ausländer selbstverständlich in WGs zusammen, China ist Teil einer globalen Jugendkultur, die mit dem Internet aufgewachsen ist.

Ein Durchbruch in China

Wie Jessica Beinecke. Ihr Aufnahme- und Schneidestudio besteht aus einem Schreibtisch und zwei Laptops in ihrem Wohnzimmer im Nordosten von Washington. Für den Rundfunksender Voice of America, der die Show finanziert und produziert, ist es ein Durchbruch in China.

Normalerweise wird das Programm des Senders dort zensiert, aber Sprachlehrsendungen gelten als unbedenklich. Ein Tabubruch ist das Format eher für die sonst so seriöse Redaktion. „Bei der Folge mit den Popeln hatten einige Bedenken“, sagt Beinecke. „Aber in unserer Sprache gibt es viele Redewendungen, die auf unappetitlichen Wörtern basieren.“

„Aber das ist ja kalt!“

Man müsse doch wissen, was es heißt, wenn man als Rotznase beschimpft werde. Ihre Zuschauer warnt sie jedoch: „Das könnt Ihr zu Euren Freunden sagen, aber besser nicht zu Euren Eltern.“

Die Fans lieben ihre amerikanische Freundin im Internet. Über Beineckes Mikroblog auf der Weibo-Seite nehmen sie an ihrem Tagesablauf teil. Als sie berichtete, dass sie zum Frühstück ein Smoothie getrunken habe, schimpften die Fans: „Aber das ist ja kalt!“

Kalte Getränke gelten in China als ungesund. Beinecke versprach, künftig Haferflocken zu essen.

OMG-Liebhaber haben Smartphone-Apps für ihre Show programmiert, Bilder von ihr gemalt und Lieder für sie gedichtet. Zu ihrem 25. Geburtstag im November wünschten sie ihr in selbst gedrehten Kurzvideos „Happy Birthday“.

Beinecke richtet den Inhalt ihrer Sendungen nach den Zuschauerwünschen aus. Chinesen reden gerne über Horoskope, kennen sich aber mit westlichen Tierkreiszeichen nicht aus. Also ging es neulich in OMG um die Charaktereigenschaften von Widdern und Skorpionen.

Reise nach Peking

Nun ist das State Department auf Jessica Beinecke aufmerksam geworden. US-Außenministerin Hillary Clinton will mehr junge Amerikaner zu einem Studium in China motivieren. Wer könnte eine bessere Botschafterin für diese Initiative sein als Beinecke?

Und so saß Bai Jie vor kurzem in einem Flugzeug nach Peking – um ihre Fans zu treffen und um für den Kultur- und Studentenaustausch zwischen China und den USA zu werben. 158.000 Chinesen waren im Studienjahr 2009/2010 an Hochschulen in den USA eingeschrieben, aber nur 14.000 Amerikaner studierten in China.

Diese Zahl soll auf 100.000 pro Jahr steigen. Bald werden die Amerikaner wissen wollen, was Popel auf Chinesisch heißt.

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