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Jean-Luc Martinez Vom Ghetto in den Louvre

Jean-Luc Martinez besitzt Willenskraft und Durchsetzungsvermögen. Tugenden, die den Einwanderersohn ganz nach oben bringen: Ab dem 14. April leitet Martinez den Louvre, das größte Museum der Welt.

Der neue Mann an der Spitz des Louvre: Jean-Luc Martinez. Foto: AFP/ Miguel Medina

Willensstark sei er und eigensinnig, manchmal auch autoritär. Das zumindest sagen Kollegen über ihn. Wie sonst hätte es der in einer Pariser Sozialwohnung im armen Vorort Banlieue aufgewachsene Spross einer spanischen Einwandererfamilie auch sonst ganz nach oben schaffen sollen, wenn nicht mit außergewöhnlicher Willenskraft und außergewöhnlichem Durchsetzungsvermögen?

Ganz oben, dort ist Jean-Luc Martinez nun angekommen. Frankreichs Staatschef Francois Hollande hat ihm die Leitung des weltberühmten Louvre anvertraut. Der Louvre ist mit seinen 2000 Angestellten und seinen jährlich rund zehn Millionen Besuchern das größte Museum der Welt. Für den 49-Jährigen ist dieser Posten der Olymp. Höher hinauf geht es für einen Kunsthistoriker, Archäologen und Konservator nicht.

Willensstärke war aber natürlich nicht die einzige Tugend, mit der sich der als Geschichtslehrer ins Erwerbsleben Gestartete für den Posten des „Président-Directeur du Louvre“ empfehlen konnte. Hinzu kam die leidenschaftliche Liebe zur Antike, zu griechischen Skulpturen zumal. Mit fast schon heiligem Ernst grub er als Angehöriger der „Französischen Schule von Athen“ auf Delos und in Delphi nach Kunstschätzen, und wachte später im Louvre über die Siegesgöttin Nike von Samothrake und die Venus von Milo.

1997 hatte er erstmals im Louvre als Konservator angeheuert, zehn Jahre später hat er die Leitung der Abteilung für griechisches, etruskisches und römisches Altertum übernommen. „Zu einem großen Weisen“ habe es Martinez in dieser Zeit gebracht, sagt einer seiner Weggefährten, der Vorsitzende des Vereins der Freunde des Louvre, Marc Fumaroli.

Tiefer Einschnitt

Für das Museum ist der Wechsel an der Spitze ein tiefer Einschnitt. Der neue Kapitän soll das Flaggschiff der französischen Museen neu ausrichten. Der Vorgänger hatte erfolgreich expandiert. Henri Loyrette schuf die Abteilung „Kunst des Islam“, eröffnete eine Louvre-Filiale in Lens, und brachte eine zweite in Abu Dhabi auf den Weg. Er lieh dem High Museum im amerikanischen Atlanta für 13 Millionen Euro 183 Kunstwerke, und verdoppelte daheim in zwölfjähriger Amtszeit die Besucherzahlen.

Als „weltoffenen Wissenschaftler und Unternehmer, der das Geld der Gönner anzog und das Museum vortrefflich im Ausland repräsentierte“, preist der Louvre-Mäzen Marc Ladreit de Lacharrière den nach vier Amtszeiten auf eine fünfte verzichtenden Loyrette. Was nicht heißt, dass der scheidende Chef unumstritten gewesen wäre. Der Spezialist für französische Kunst des 19. Jahrhunderts sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Sammlung des Louvre zu zerstückeln, vom Glanz des Goldes geblendet Bedeutendes nach Atlanta oder Lens fortgegeben zu haben.

Vom Nachfolger wird nun erwartet, dass er das Erreichte konsolidiert. Martinez solle dafür sorgen, dass der Louvre-Besucher rundum zufrieden und mit großer Lust wiederzukommen, nach Hause gehe, lautet der von Frankreichs Kulturministerin Aurélie Filippetti erteilte Auftrag. Für den Archäologen heißt dies zunächst einmal, dass er das Museum von Taschendieben zu säubern hat, die von Bildern und Skulpturen in Bann gezogene Kunstfreunde um Brieftasche, Geldbörse oder Mobiltelefon zu bringen pflegen.

Immer dreister gehen die meist jugendlichen Täter zu Werke, die als Minderjährige bei ihren Raubzügen im Museum freien Eintritt genießen. Aufseher, die einzuschreiten versuchten, wurden beschimpft und verprügelt. Um auf den Missstand aufmerksam zu machen, trat das Personal in den Ausstand mit der Folge, dass am Mittwoch in dieser Woche weder Diebe noch Opfer Einlass fanden und Innenminister Manuel Valls Abhilfe versprach.

Immer weniger Subventionen

Taschendieben das Handwerk zu legen, und Bestehendes zu konsolidieren, das klingt indes leichter als es ist. Was Martinez festigen soll, bröckelt nämlich. In Zeiten leerer Staatskassen erhält der Louvre jedes Jahr 2,5 Prozent weniger Subventionen. Für den neuen Leiter bedeutet dies: Er wird seinem Vorgänger wohl doch nacheifern, auch er wird Mäzene umwerben müssen.

Auch für Martinez heißt es, mit den Reichen und Mächtigen der Welt lockeren Umgang zu pflegen, schnöde Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Außer wissenschaftlichem Ernst sollte der Archäologe verführerischen Charme und schillernde Leichtigkeit aufbringen. Aber jemandem, der es als Sohn einer Hausmeisterin und eines Briefträgers aus den Niederungen des Vorstadtghettos auf den Olymp geschafft hat, ist auch das zuzutrauen.

Sprachlich ist der neue Chef bereits bestens gewappnet. Außer Latein und Altgriechisch beherrscht er fünf moderne Fremdsprachen. Auf Englisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch und Japanisch kann er sich ausdrücken. Und was sagen die Kollegen? Wenn er wolle, könne Martinez durchaus liebenswürdig sein, versichern sie.

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