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Jacobs-Kaffee-Dynastie Fräulein Jacobs funktioniert nicht

Louise Jacobs, die Enkelin von Walther Johann Jacobs, schreibt über ihre schwierige Kindheit in der durch Kaffee reich gewordenen Familie und das Scheitern am Erfolgsdruck.

13.02.2013 15:59
Mit 18 verließ sie das Elternhaus, danach ging es bergauf in ihrem Leben, sagt die Buchautorin Louise Jacobs. Foto: Markus Wächter

Mit 30 Jahren hat Louise Sophie Jacobs bereits ihr drittes Buch veröffentlicht. In ihrem ersten Werk, mit dem sie wochenlang in den Bestsellerlisten vertreten war, beschäftigte die Enkelin von Walther Johann Jacobs sich mit der Vergangenheit ihrer Familie, die durch Kaffeevermarktung zu Wohlstand gekommen ist. In „Fräulein Jacobs funktioniert nicht“ schreibt sie jetzt über ihre komplizierte Kindheit.

Frau Jacobs, im Buch heißt es, jeder Mensch trage einen Rucksack mit sich herum. Womit war Ihrer in der Kindheit gefüllt?

Bei mir ging es immer darum, was ich nicht kann. Meine Legasthenie und die Rechenschwäche waren immer Thema. Ich habe nie gewusst, worin ich gut bin.

Sie sind in der Schweiz aufgewachsen. Das Leben Ihrer Familie stellt man sich luxuriös vor.

Ich bin nicht mit dem Gefühl großgeworden, mehr Luxus zu haben als andere. Im Gegenteil. In einer Großfamilie, immerhin waren wir sechs Kinder, musste man um vieles kämpfen, und wenn es nur das eigene Handtuch war. Der Rückzug in mein Zimmer und in meine Fantasiewelt waren für mich Luxus. Ich war schon immer eine Einzelgängerin.

Aber nicht nur in der Familie war es nicht einfach für Sie. Sie schreiben auch, dass Sie sich in der Schweiz immer fremd gefühlt haben. Warum?

Wir waren Ausländer, ganz klar. Wir selbst und auch die Kultur in unserem Haus waren vielen Einheimischen fremd. Im Kindergarten haben wir Schweizerdeutsch als Fremdsprache gelernt. Auch später habe ich oft noch das Gefühl gehabt, dass eigentlich niemand meine Sprache spricht.

Fremd fühlten Sie sich auch in der Schule, inmitten Ihrer Klassenkameraden. Sicher auch bedingt durch Ihre Legasthenie. Können Sie beschreiben, wie sich diese Störung noch heute in Ihrem Alltag auswirkt?

Das, was bei mir passiert, ist wirklich schwer zu beschreiben. Ich sehe zum Beispiel nicht einfach nur das, was vor meinen Augen passiert. Bei mir läuft gleich ein Film ab. Gestern Abend zum Beispiel habe ich Fußabdrücke im Schnee bemerkt und sofort die Kinder vor mir gesehen, die diese Spuren hinterlassen haben. Wie sie am Tag über Steine hüpften in ihren Skianzügen. Ich sehe die Mützen und auch die Eltern der Kinder. Das alles läuft innerhalb einer Hundertstelsekunde in meinem Kopf ab.

Durch diese Reizüberflutung hatten Sie auch Probleme, Lesen und Schreiben zu lernen. Sie haben viele Therapien gemacht, geholfen hat es aber nicht.

Die Therapeuten sind einfach nach ihrem immer gleichen Strategieplan vorgegangen, ohne mich zu verstehen. Ich war einfach komplett anders gestrickt als andere Patienten. Die Therapeuten haben versucht, mich von Grund auf zu verändern, statt mein Anderssein zu verstehen und zu akzeptieren.

Hätte Ihre Familie besser hinsehen müssen?

Ich glaube, meine Eltern hatten Scheuklappen auf. Sie haben einfach nicht gesehen, dass ich in manchen Sachen auch richtig gut war. In Kunst zum Beispiel. Aber bei fünf Geschwistern kann man als einzelne schnell untergehen.

Wie sind Sie dann Schriftstellerin geworden?

Lesen und Schreiben ist eine reine Übungs- und Konzentrationssache. Irgendwann habe ich das verstanden. Für mich war das Schreiben dann auch so etwas wie eine Erlösung. Endlich konnte ich meine Gedanken auf dem Papier festnageln und somit sortieren.

Mit gerade einmal 16 Jahren sind Sie nach Amerika gegangen. Dort wurden Sie zu einer besseren Schülerin, aber gleichzeitig wurden Sie auch magersüchtig.

In Amerika wollte ich es allen beweisen. Das war wie eingepflanzt in mein Gehirn. Ich wollte diese schwache Louise, die gezeichnet war von dem Gedanken „Du schaffst es nicht ohne Therapeuten, ohne Nachhilfe“, die wollte ich regelrecht ausmerzen. Leider ging diese Härte gegen mich selbst zu weit.

Hat jemand Ihre Lage bemerkt und erkannt, dass Sie immer dünner wurden?

Erst nach einem Jahr. Ich habe aber auch nie direkt gesagt, wie schlecht es mir geht. Selbst in meinem Tagebuch schrieb ich zum Beispiel von Autos, die mit 200 Stundenkilometern gegen die Wand brettern, aber ich habe nie geschrieben, dass ich nicht mehr weiter weiß.

Als Sie nur noch 39 Kilogramm wogen, wurden Sie von Ihren Eltern in eine Schweizer Klinik eingewiesen. Dort, so schreiben Sie, haben Sie zum ersten Mal Freunde gefunden.

Ja, zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich von Menschen bedingungslos aufgenommen und akzeptiert.

Hat Ihnen der Klinikaufenthalt auch geholfen, sich selbst besser zu akzeptieren?

Ich glaube, ich konnte erst dort wirklich sagen, wer ich bin, als ich das erste Mal klar den Vorstellungen meiner Eltern widersprochen hatte. Ich wollte nach der Klinik mein Abitur nicht auf der Privatschule machen, sondern weit weg in Berlin. Meine Eltern waren dagegen. Doch ich habe es trotzdem getan. Mit 18 bin ich dann alleine nach Berlin gegangen. Von da an ging es bergauf.

Das Interview führte Alexandra Reinsberg.

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