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Infotainment Der globale Talkmaster

Ali Aslan moderiert die englischsprachige Show „Quadriga“ für die Deutsche Welle. Eigentlich wollte der 39-Jährige Fußballprofi werden.

30.03.2012 17:33
Olivia Schoeller
Ali Aslan fühlt sich in der großen Welt zu Hause. Foto: blz/Paulus Ponizak

Ali Aslan moderiert die englischsprachige Show „Quadriga“ für die Deutsche Welle. Eigentlich wollte der 39-Jährige Fußballprofi werden.

Moderatoren wie Ali Aslan sieht man selten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Er sitzt auf seinem Studio-Stuhl wie ein Raubtier, das springen will. Sein Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt, seine Augen auf den Interviewpartner fixiert, er hört konzentriert zu. So benehmen sich Fernseh-Journalisten in den USA, immer ein wenig angriffslustig, bereit nachzuhaken, dazwischenzugehen, Missverständnisse aufzuklären. Fernseh-Interviews in Amerika sind oft eine Mischung aus sportlichem Wettkampf und Planet Wissen. Sie wollen den Zuschauer unterhalten und gleichzeitig informieren.

Moderatoren wie Ali Aslan sah man bisher auch deshalb selten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, weil es in Deutschland noch immer wenige Moderatoren gibt, die türkische Wurzeln haben, deutsche Bürger sind und in den USA Fernsehjournalismus gelernt haben.

Träumen vom FC St. Pauli

Seit Februar 2012 moderiert der 39-jährige Aslan als erster türkischstämmiger Deutscher die englischsprachige Talkshow „Quadriga“ (Polit-Talk), in der wöchentlich drei Gäste und der Moderator über internationale politische Themen sprechen. Natürlich gibt es bei der Deutschen Welle als dem öffentlich-rechtlichen Auslandssender bereits seit vielen Jahren Journalisten mit Migrationshintergrund. Doch ein türkischstämmiger Deutscher, der eine englische Sendung moderiert, ist selbst in diesem Sender eine Neuheit.

Sein Lebensziel war das bestimmt nicht. Wenn es nach dem Jugendlichen Ali Aslan gegangen wäre, wäre nicht Mesut Özil, sondern er der berühmteste deutsche Fußball-Spieler mit türkischen Wurzeln geworden. Davon jedenfalls träumte der 15-Jährige, als er aus dem schleswig-holsteinischen Geesthacht nach Hamburg wechselte, um in der Jugendmannschaft des FC St. Pauli zu spielen. Eigentlich wollte er Profi-Fußballspieler werden. Doch am Ende, räumt Ali Aslan heute selbstkritisch ein, „hat es nicht gereicht“.

Seine Eltern scheinen das mit einer gewissen Erleichterung aufgenommenzu haben. Sie stammen aus der türkisch-syrischen Grenzregion Hatay, aus bescheidenen Verhältnissen und haben sich mit eigener Kraft hochgearbeitet. Der Vater, ein Arzt, und die Mutter, eine Rechtsanwältin, wollten, dass ihr Sohn eine akademische Laufbahn einschlägt – aber nicht unbedingt in Deutschland. Er sollte Englisch lernen, Erfahrungen sammeln, erwachsen werden. Also ging Aslan in die USA, zunächst an die Boston University, zwei Jahre später wechselte er zur renommierten Georgetown University in Washington, DC.

Das ist eine der begehrtesten Kaderschmieden in den USA. Hier studierte schon Bill Clinton Politik. Was Ali Aslan neben dem Unterricht in den USA gefiel, war, dass seine Herkunft nie thematisiert wurde. „Die Frage, was kann ich, war wichtiger als die Frage, woher ich kam“, sagt Aslan. Dieses Erfahrung mag später für ihn auch hilfreich gewesen sein als er versuchte, das Bild der Muslime in deutschen Medien zu ändern. In den USA, so Aslan, habe er gelernt, dass es gut ist, wenn Verunglimpfungen von Minderheiten in der Öffentlichkeit schnell gerügt werden.

Wie wichtig Medien in diesem Zusammenhang sind, hat Aslan in den neun Jahren als US-Fernsehjournalist gespürt. Im Anschluss an sein Studium machte er ein Volontariat beim Nachrichten-Sender CNN. Danach wechselte er als Reporter zu ABC-News nach New York, um über die Vereinten Nationen zu berichten. Neben dem Job erwarb Ali Aslan zwei Master an der Columbia-Universität, einen davon in Journalismus. 2003 zog er in die Türkei und berichtete von dort für Chanel News Asia über den Irak-Krieg. Es folgte eine Europa-Korrespondenten-Stelle in Barcelona und im Sommer 2006 berichtete er von der Fußball-Weltmeisterschaft und dem sogenannten positiven Patriotismus in Deutschland.

Streiten, nachhaken

Es war seine erste längerfristige Rückkehr in seine Heimat. Vieles, was er dort gefunden hat, hat ihm gefallen, anderes nicht. Das Auffälligste: „Nach dem 11. September waren aus Türken plötzlich Muslime geworden. Das Klima hatte sich verändert“, sagt Aslan. Einwanderer, die vor 50 Jahren aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen waren, wurden plötzlich als Gefahr gesehen.

Als der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble den Kontakt zwischen Muslimen und Regierung auf eine neue Basis stellen wollte und dafür die Islam-Konferenz ins Leben rief, akzeptierte Aslan das Angebot Schäubles, die Arbeitsgruppe „Medien“ zu übernehmen. Vier Jahre lang arbeitete er daran, das Bild der Muslime in deutschen Medien zu verändern. Er wollte ein differenzierteres Islambild, eines, das Stereotypen durchbricht und Vorurteile abbaut. In dieser Zeit wurde aus dem New Yorker Journalisten ein deutscher Staatsdiener.

Wenn er nun donnerstags die Sendung in den Studios am Pariser Platz aufzeichnet, ist er vor allem wieder Journalist und Moderator, der Experten dazu drängt, das Weltgeschehen zu erklären.

An diesem Tag geht es um Syrien. Aslan trägt einen grauen Anzug, seine violette Krawatte beißt sich ein wenig mit dem knallroten Schild der Deutschen Welle hinter dem er seine Fragekarten versteckt. Er wirkt ruhig und souverän, wenn er den Nahost-Experten Fragen über das Ende von Baschir al-Assad stellt. Er lässt sie reden, hakt nach, lässt sie streiten. Im Hintergrund zeigt die Kamera das Brandenburger Tor.

Weltweit – mit Ausnahme der Arktis und Antarktis – können rund 20 Millionen Haushalte die „Quadriga-Talkrunde“ empfangen. Für viele der Zuschauer ist Ali Aslan damit eines der Fernsehgesichter Deutschlands geworden.

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