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Grimme Online Award Trainer und Polizist der Musiktheorie

"DSDS"-Fans hassen ihn. Denn Klaus Kauker erklärt in Videos Grundzüge der Musiktheorie – und wie Dieter Bohlen klaut. Dafür hat er jetzt den Grimme Online Award bekommen.

10.07.2012 17:42
Patrick Schirmer Sastre
Das Klavier ist eins von mehreren Instrumenten, die Klaus Kauker spielt. Foto: Dieter Klockhaus

Am Anfang, vor zwei Jahren, war es Klaus Kauker ein bisschen peinlich, seine Videos in akademischen Kreisen zu zeigen. Ein junger Mann, der auf möglichst einfache Art die Grundbegriffe der Musiktheorie erklärte und sich auch noch erdreistete, Songanalysen von Popsongs aus Castingshows zu erstellen – in der versnobten und konkurrenzbeladenen Musikerszene konnte das nicht nur auf Zustimmung stoßen. Das Risiko, nicht ernst genommen zu werden, war groß.

Heute muss der 24-Jährige dergleichen nicht mehr fürchten. Über 14.000 Menschen haben ihn abonniert, seine bislang 62 Videos wurden mittlerweile über 2,6 Millionen Mal angeklickt. Mitte Juni wurde ihm der Grimme Online Award verliehen, in der Kategorie Wissen und Bildung.

Unter dem recht spröden Titel „Musik Training“ plaudert Kauker über alles, was ihm in den Sinn kommt. So erklärt er die Grundstruktur von Intervallen ebenso wie eine Reihe von karibischen Rhythmen. Oder er versucht, popkulturellen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Eine Systematik hat er dabei nicht. „Ich sage nicht: Bei dem und dem Ereignis gibt es eine Analyse. Und dann wieder einen Workshop und hier einen Klavierkurs und da einen Gitarrenkurs. Das hab ich bislang absichtlich vermieden“, so Kauker.

Einige Fans mögen es gar nicht, wenn Dieter Bohlen kritisiert wird

Dass Kauker überhaupt damit begann Videos zu drehen, hat pragmatische Gründe. „Ich hatte schon meine Webseite und brauchte eigene Inhalte, die ich darauf präsentieren konnte.“ Erst mit der Zeit habe er gemerkt, dass auch fremde Leute seine Videos anschauten und kommentierten. Das Feedback, sagt er, sei die Motivation gewesen, mehr Videos zu drehen. Mittlerweile fordert Kauker seine Zuschauer sogar zu kleineren Mitmachaktionen auf. So ließ er sich vor ein paar Wochen möglichst dämliche englischsprachige Reime schicken, die er zu einer Parodie auf die Lieder der Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ zusammenfügte.

Überhaupt scheint Kauker sich berufen zu fühlen, Castingshows zu kommentieren. In einem Video, das er salopp „Dreistestes Bohlen Plagiat EVER“ nennt, vergleicht er etwa einen Song aus „DSDS“ mit einem Lied des französischen DJs David Guetta. Augenzwinkernd stellt er sich als „Musikpolizei“ vor, um dann detailliert vorzuführen, wie der Jury-Mitglied und Komponist Dieter Bohlen die Songstruktur von Guetta übernimmt und die Melodieführung verändert, um den Vorwurf des Plagiats zu umschiffen. Es sind gerade solche Videos, bei denen die Kommentare nicht nur positiv sind – einige DSDS-Fans mögen es gar nicht, wenn Dieter Bohlen kritisiert wird.

Dennoch, sagt Kauker, interessiere er sich sehr für Casting-Shows. Der Verfall der Qualität entgeht ihm dabei nicht: „Vor zehn Jahren dachte man tatsächlich noch, dass in Castingshows Künstler in die Musikwelt hineingebracht werden. Das ist mittlerweile überhaupt nicht mehr so. Ich bedauere es sehr, wie diese Entwicklung vonstatten gegangen ist. In Amerika sieht man, dass es auch anders geht. Aber hier in Deutschland kann man nicht erwarten, dass wahre Künstler auftreten.“

Ein ständiges Geben und Nehmen

Im Gegensatz zur Effekthascherei von Castingshows versucht Kauker, seine Videos möglichst schlicht zu halten und wenig zu schneiden. Dazu gehört, dass er sich bemüht, in seinen Aufnahmen ohne Pausen durchzusprechen. Verhaspelt er sich grob, fängt er noch mal von vorne an. Manchmal dauert es zwei Tage, bis ein Video fertig ist. Kauker glaubt, dass sein Publikum die Ruhe, die von seinem Erzählstil ausgeht, schätzt. „Die meisten Youtuber sind besessen von Schnitten und Effekten wie Explosionen, die sie nachträglich einbauen. Ich bin deswegen ein anderer Pol.“

Womöglich trägt seine Stimme zu einem wesentlichen Teil zu seinem Erfolg bei. Ungewöhnlich tief ist sie und warm. Und sie erreicht seine Fans: „Ich könnte dir stundenlang zuhören“, schreiben sie. Die Stimme verleiht ihm auch Glaubwürdigkeit. Die Kommentare seines Publikums inspirieren ihn dann wieder dazu, ein Video über Stimmtraining aufzunehmen. Kommunikation mit den Fans ist ihm wichtig. Es ist ein ständiges Geben und Nehmen.

Dass Kauker nun den Grimme Online Award gewonnen hat, stärkt das Selbstvertrauendes jungen Mannes. Bei der Preisverleihung habe ihn die Jury ermuntert, sein Angebot weiter auszubauen. Und auch die Folkwang Universität der Künste, an der Kauker Komposition studiert, unterstützt seine Video-Initiative.

Doch eine Vorstellung für einen professionelleren Online-Auftritt hat er noch nicht. Kauker könnte sich zwar vorstellen, die Kommunikation mit seinem Publikum zu intensivieren, eine Art Musik-Schulen-Community aufzubauen, in der sich Musiker über ihre Lernergebnisse austauschen können. Aber mehr weiß er im Moment noch nicht. Im Januar will Klaus Kauker erstmal sein Studium beenden. Am liebsten würde er danach als Produzent arbeiten. Vielleicht entwickelt er ja sogar sein eigenes Konzept für eine Castingshow – mit guten Liedern und guten Künstler.

Weitere Videos in Klaus Kaukers Youtube-Channel. Mehr über Klaus Kauker auf seiner Homepage.

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