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Greta Silver „Gelassenheit ist besser als Botox“

Greta Silver ist Youtuberin, Model und Autorin, mit 70 Jahren fühlt sie sich pudelwohl in ihrer Haut.

Greta Silver
„Jede Lebensphase ist kostbar. Aber diese unsicheren Zeiten in der Jugend will ich nicht zurück haben.“ Foto: Lotta-Fotografie

Mit „Ich bin Greta“, stellt sie sich in einem Frankfurter Hotel vor. Greta ist 70 Jahre alt, Model, Youtuberin und Buchautorin. Man mag Greta Silver gleich, weil sie so fröhlich ist. Die Vierfach-Großmutter hat silber-graue Haare – ja, deswegen ihr Künstlername. Die Hamburgerin trägt eine rote Brille und einen hübschen orangefarbenen Pulli.

Ihren Youtube-Kanal „zu jung fürs Alter“ hat sie mit 66 Jahren gestartet, um „meine Lebensfreude weiterzugeben“. 10 000 Abonnenten hat sie. Ihre Lebenstipps reichen von „Wie gehe ich mit Schuldgefühlen um?“ bis zu „Abnehmtipps im Alter“. Am heutigen Montag erscheint ihre Lebensgeschichte inklusive Tipps in Buchform. Wie in der Youtube-Welt will sie geduzt werden.

Dein Buch beginnt mit dem Satz „Ich bin 70, also in meiner Blütezeit. Ich möchte keinen Tag jünger sein.“ Blütezeit, ernsthaft?
Natürlich. Denn mit 17 habe ich schon entschieden, 120 Jahre alt zu werden. Dies hatte mit meiner Omi zu tun, die lud die ganze Familie zu ihrem 76. Geburtstag mit dem Vermerk ein, dass dies ihr letzter Geburtstag sei. Sie feierte dann noch zehn Mal ihren letzten Geburtstag. Wir haben damals nicht durchschaut, dass dies ihre Taktik war, damit die Familie aus ganz Deutschland anreiste (lacht).
 

Warum ist 70 sein so cool?
Ich möchte mich nicht hinstellen und sagen: „Das Alter ist die tollste Zeit überhaupt“. Jede Lebensphase ist kostbar. Aber diese unsicheren Zeiten in der Jugend will ich nicht zurück haben. Und auch nicht den Stress mit 30 oder 40, wenn man Kinder groß zieht und Karriere machen muss. Ich kann nur sagen, das Alter rockt viel mehr. Ich lebe jetzt eine Freiheit in meinem Alter. Ich bin so was von glücklich. Ich wache morgens schon mit so einem Prickeln auf: Was bringt der heutige Tag wieder? Das ist eine unfassbar schöne Zeit, weil man mit 70 schon so ein Lebens-Know-how hat und auch schon so viele Krisen überlebt hat.

Du betonst auch, wie sehr es dich nervt, dass Alter in unserer Gesellschaft so negativ, so lebensverneinend besetzt wird …
Ja, wenn ich mir anschaue, was da draußen für ein Grauschleier ist, was für eine Resignation! Einige Leute denken schon mit 45: „Da kommt jetzt nichts Aufregendes mehr.“ Das kann doch nicht wahr sein! Es muss ein neues Licht auf das Alter geworfen werden. Wie oft mir das begegnet, dass Leute sagen: „Wenn ich jünger wäre, würde ich das und das noch machen.“ Wenn wir auf eine Party gehen und der letzte Bus in einer Stunde fährt, da sitzen wir doch auch nicht da und sagen: „Ach, das lohnt sich ja gar nicht mehr, dass ich noch auf die Tanzfläche gehe.“ Sondern wir tanzen bis die Füße qualmen.

Viele wissen aber nichts ab der Rente mit sich anzufangen …
Also auf der Couch zu sitzen und zu sagen: „Keiner kommt zu mir und macht mich glücklich“, ist nicht die Lösung. Einer der größten Glücklichmacher ist doch: Was kann ich für andere tun? Viele möchten nicht ehrenamtlich arbeiten, weil sie sagen: „Ich habe so viel Leid in meinem Leben gesehen. Ich will mich nicht noch in der Rente mit dem Leid von anderen Menschen befassen.“ Sie denken an Obdachlose oder Menschen im Krankenhaus. Aber, hey, jeder Ruderverein, braucht Hilfe, geh hin! Nicht gegen Bezahlung, sondern ehrenamtlich, weil man dir dann dankbar ist. Das ist etwas ganz anderes als wenn man dafür Geld bekommt. Oder wenn man eine junge Familie im Haus hat, da kann man sagen: „Ich kann einmal die Woche eine Suppe für die Kinder kochen.“ Die Mütter würden vor Begeisterung an die Decke springen.

Lange hast Du mit deinem Mann und deinen drei Kindern, ein ziemlich konventionelles Familienleben geführt, bist zu Hause geblieben. Würdest du das heute anderes machen?
Nein, ich habe das lustvoll und begeistert gemacht. Hausfrau und Mutter war ich ausgesprochen gerne.

Auch wenn Du schreibst, dass die letzten 23 Jahre deiner Ehe, nicht glücklich waren, weil Ihr Euch auseinander gelebt habt? Warum bist du nicht früher gegangen?
Was wäre denn der Vorteil gewesen, wenn ich gegangen wäre? Ich hätte meine Kinder ins Unglück gestürzt. Ich lebte intensiv Familie, da hat mein Mann auch mitgemacht. Nur unsere Zweierbeziehung war nicht mehr da. Eine heimliche Affäre wollte ich aber nicht. Das entspricht auch nicht meinem Wertesystem. Ich liebte den Knaben auch noch sehr lange.

Warum kam es dann doch noch zur Scheidung? Weil die Kinder erwachsen waren?
Nein, mein Mann wurde mit seinem Leben einfach immer unzufriedener. Das fing schon an, als er seinen Job verlor und ich verdiente dann plötzlich das Geld. Er hätte lieber selber die Familie versorgt. Aber wenn ich ihn ansprach, sagte er immer, es sei alles in Ordnung. Mein Ex-Mann war übrigens der erste, der den ersten Entwurf meines Buches gelesen hat. Und da sagte er: „Warum hast du das alles nicht früher gesagt?“ Jetzt ist er offen und wir sind gute Freunde.

17 Jahre warst Du aus der Arbeitswelt raus, Du hattest zuvor als Sekretärin an der Schreibmaschine gearbeitet, und als Du zurückkamst, warst Du plötzlich in der Computerwelt …
Ich habe erstmal einen dreiwöchigen Computerkurs gemacht: Von Frauen für Frauen. Da war ich 48. Eine Teilnehmerin wollte wissen, wie sie es schafft, dass der Bildschirmschoner weggeht. Ihr Mann hatte es ihr nie erklärt. Er wollte nämlich immer sein Herrschaftswissen behalten. Anstatt zu sagen: „Egal welche Taste du drückst, der Bildschirmschoner geht weg.“ Das muss man sich mal vorstellen … Ich selbst bin überhaupt nicht technikaffin. Aber immer nur die Kinder fragen, fand ich auch bescheuert. Jetzt habe ich einen Status erreicht, wo ich ihnen auch mal einen coolen Tipp geben kann. Mit Youtube kennen sie sich beispielsweise gar nicht aus. Damit habe ich mit 66 Jahren angefangen, ich habe da ganz viel über Community-Seiten gelernt.

Davor hast Du ohne Innenarchitektur-Studium erst Ferienhäuser, dann ein Vier-Sterne-Hotel eingerichtet, weil ein Bekannter Dein Talent erkannte. Auch Kongresse hast Du organisiert und als freie Journalistin gearbeitet …
Ich bin wie das Mädchen im Sterntaler-Märchen: Ich öffne mein Hemdlein und sammele die Sterne ein. Denn die große Fähigkeit, die ich habe, ist Dinge zu fassen. Ich habe mich zudem richtig begeistert, egal, was ich beruflich angefangen hatte. Ich habe gelernt: Nichtwissen ist oft ein Vorteil in der Berufswelt. Denn diejenigen, die schon jahrelang den Beruf machen, haben oft Grenzen im Kopf. Ich hatte von nichts eine Ahnung und sagte: „Ich möchte das so.“ Einmal ging es um Möbelbau in einem Hotel. Alle sagten: „Das geht nicht.“ Sie hatten es aber nie ausprobiert. Am Ende ging es dann doch.

Aktuell läuft die #MeToo- Debatte. Hast Du Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht?
Das ist mir in jungen Jahren passiert. Da sagte ein Kollege zu mir: „Fräulein, mögen Sie uns Ihren Busen nicht zeigen oder warum gehen Sie so krumm?“ Ich bin fast in Ohnmacht gefallen und die anderen Männer machten da aber bloß so schmunzelndes Beiwerk. Da gibt es diesen einen Satz aus einem Film mit Sophia Loren, den habe ich mir gemerkt. Und als dieser Kollege wieder so etwas unverschämtes sagte, wiederholte ich diesen Satz: „Herr M. Sie haben so einen gewissen Charme, nur heben Sie den für gewisse Frauen auf.“ Er hat nie wieder etwas gesagt.

Mit Anfang 60 hat Dich deine Tochter überredet zu modeln, seitdem warst Du in TV-Spots zu sehen. Wie wichtig ist Dir Mode?
Ich bin nicht so modeaffin. Ich muss mir jetzt ein paar Outfits für öffentliche Auftritte kaufen, im Alltag ist mir Mode oft zu umständlich. (lacht)

Wir leben in einer Zeit, wo alle forever schön und jung sein wollen. Wie stehst Du eigentlich zu deinen Falten?
Auch ich muss mich disziplinieren, meine Falten liebevoll anzunehmen. Aber wer hat denn eigentlich in den Raum gestellt, dass Falten hässlich sind? Alter schenkt Gelassenheit. Und Gelassenheit ist besser als Botox. Altersfalten sind das neue Piercing: Was haben wir tolles erlebt. Wir brauchen aber noch ein paar Jährchen bis das in der Gesellschaft ankommt. Vielleicht werden junge Leute dann zum Schönheitschirurgen gehen, um sich Falten machen zu lassen. Weiße Haare waren bereits ein Schönheits-Trend. (lacht)

Du betonst auch in deinem Buch, dass unser Gehirn im Alter uneingeschränkt funktioniert, wenn wir es fordern …
Begeisterung ist das Zünglein an der Waage, ob etwas im Langzeit- oder Kurzzeitgedächtnis landet. Neugierig bleiben ist so eine starke Lebenskraft. Damit meine ich nicht, dass man nun seinem Nachbarn hinterherspioniert (lacht). Emotionen spielen ebenfalls eine große Rolle. In einem Vortrag hörte ich die Geschichte eines 86-Jährigen, der sich in eine Chinesin verliebt hatte, nach China zog, und in einem halben Jahr chinesisch sprechen konnte. Wenn man weiß, dass das alles machbar ist, warum soll man sich da noch vor dem Alter fürchten?

Interview: Kathrin Rosendorff

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