Lade Inhalte...

Gossip-Interview Beth Ditto: Ich blühe auf im Chaos

Beth Ditto spricht im Interview über ihre Miss-Piggy-Obsession, Musik als Rettung und die Lust am Korpulenten.

06.05.2012 16:27
Beth Ditto: 1,55 Meter groß, knapp 100 Kilo schwer. Foto: dpa

Mit ihrem Album „Music For Men“ stürmten Gossip die Charts. Mehrfach erhielt das US-Trio dafür Platin-Auszeichnungen, derweil wurde ihre üppige Frontfrau zur Stil-Ikone und Muse der Modedesigner. Jetzt sind Gossip mit dem neuen Album „A Joyful Noise“ zurück. Warum die 31-jährige Sängerin Beth Ditto noch mehr Gründe zum Feiern hat, verrät sie in einem Berliner Hotel.

Beth, was ist denn das da für ein Ring an Ihrem Finger?

Ein Verlobungsring. Ich werde meine Freundin Kristen heiraten!

Glückwunsch! Da könnten Sie ja Doppelhochzeit mit Ihrem schwulen Kollegen Rufus Wainwright feiern!

Der heiratet in diesem Jahr, nicht wahr? Ich will noch bis April 2013 warten. Ich brauche Zeit, um alle Entscheidungen und Vorbereitungen zu treffen. Ich brauche doch ein Kleid! Es müssen Farben ausgewählt werden, Tischdekorationen und ganz wichtig ist natürlich das Catering.

Buhlen Karl Lagerfeld und Jean-Paul Gaultier bereits darum, wer Ihnen das Hochzeitskleid schneidern darf?

Nein, die wissen es noch nicht. Außerdem wird das mein Stylist übernehmen – ich bin so aufgeregt. Ich versuche, nicht so zu sein wie alle anderen die heiraten und will weniger darüber zu reden. Aber es gelingt mir nicht. Wenn jetzt erst mal unsere Platte auf den Weg gebracht ist, kann ich mehr über die Hochzeit nachdenken. Und Gott möge meinem Umfeld beistehen, wenn ich das tue.

In der Öffentlichkeit sind Sie immer gut drauf, lachen viel. Wo ist das traurige Mädchen?

Das findet man in der Musik. Aber ich gebe zu: Still und alleine zu sein sind nicht meine Lieblingsbeschäftigungen. Ich bin aufgewachsen in einem Haus voller Leute. Ich blühe auf im Chaos.

Wann war Ihnen zum letzten Mal etwas peinlich?

Ich bin nicht leicht in Verlegenheit zu bringen und betrachte das als ein Geschenk. Vielleicht habe ich das von meiner Mutter. Das heißt aber nicht, dass ich nicht sensibel bin. Ich fühle mich bei anderen Sachen unwohl.

Was denn zum Beispiel?

Wenn jemand mir den Rücken zudreht und denkt, ich hätte ihn schlecht behandelt – das würde mich bedrücken. Doch wenn mich jemand mies behandelt oder meint, ich sei nicht schön, ist es mir egal.

Hat die Musik Sie auf gewisse Weise gerettet?

Ja. Ich kenne eigentlich gar keine Musiker, für die es nicht die Rettung bedeutet hätte.

Manche flüchten sich in Drogen.

Nein, da esse ich lieber. Ich hab es nicht so mit Drogen. Ich habe einige Male Ecstasy genommen. Es war lustig, auch wenn man es natürlich nicht tun sollte. Ich bin generell kein Partymensch und gehe oft früh nach Hause. Außerdem mag ich Dinner-Partys lieber.

Fühlen Sie sich gut dabei, die Vorzeigefrau für beleibte Frauen zu sein?

Ach, ich habe so viele Freunde, die genauso aussehen wie ich. In Portland, wo ich Zuhause bin, sind wir viele. Mein bester Freund wiegt 145 Kg. Das ist die Person, der ich mich am nächsten fühle. Ich bin gern von runden Menschen umgeben. Sie könnten alle Vorbilder sein. Ich selbst habe mir schon als junges Mädchen immer die richtigen Vorbilder gesucht.

Wen denn?

Ich hatte damals eine Miss-Piggy-Obsession! Das konnte keiner nachvollziehen. Wenn man ein Kind ist und jemand ruft einem „Hey Miss Piggy!“ hinterher, dann ist das üblicherweise ein Schimpfwort. Aber ich nahm es als Kompliment und dachte: Toll! Kein Zweifel: Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich ein Schwein. Schweine sind sehr intelligent. Und süß!

Lady Gaga hat neulich getwittert: „Popstars don’t eat“– Popstars essen nichts.

Vielleicht hat sie nur eine Empfehlung ausgesprochen und das Komma vergessen: Popstars, don’t eat – Popstars, esst nichts! Vermutlich spricht sie nur für sich – jedenfalls nicht für meine Band. Ich frage mich: Essen die Kollegen wirklich nichts?

In Deutschland war Ihre Single „Heavy Cross“ zwei Jahre in den Charts – ein Rekord. Könnte so etwas einer Band wie Gossip auch in den USA passieren?

Amerika ist engstirnig, wenn es um Popmusik geht. Und man muss als Frau ein Sexsymbol sein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das dort sein könnte. Was ich komisch finde: Die Leute glauben mir nicht, dass ich nicht den Wunsch habe, dünn zu sein. Es gibt viele Richtungen, in die man gehen kann. Du kannst dein Gewicht einsetzen oder es verlieren. Ich bevorzuge Ersteres. Ich mache mit meinem Körper Politik!

Viele Kritiker unken, dass Gossip durch Ihre Auftritte auf den Roten Teppichen die Punkwurzeln verraten und verkauft haben.

Quatsch, wir hängen immer noch mit denselben „Riot Grrrl“-Leuten in Portland ab. Feminismus ist immer noch ein großes Thema bei uns. Vielleicht hat sich der Sound verändert, aber die Ideen, die Philosophie und die Menschen in dieser Band sind immer noch dieselben. Wir leben heute nur etwas komfortabler.

Fühlen Sie sich wohl bei Modenschauen, wo Kleider präsentiert werden, in die Sie nicht passen?

Wozu gibt es elastische Stoffe? Ich lasse mir von niemandem vorgeben, dass ich etwas nicht tragen kann. Bei Fotoshootings sage ich oft: Okay, das scheint kein Kleid für mich zu sein, aber vielleicht kann man es als T-Shirt tragen.

Wie wäre es denn mal mit einem eigenen Parfüm?

Das wäre wohl das erste Punk-Parfüm! Und es würde nach Bier und Blut stinken – wer bitte soll das kaufen?

Das Interview mit Beth Ditto führte Katja Schwemmers.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum